Fr, 23. Februar 2018

Heizen statt rasen

09.01.2017 17:56

Route No. 1: California Cruising im BMW M4

So ein Jetlag hat auch was Gutes: Um vier Uhr früh wache ich auf und starre Löcher in die Nacht. Da kann ich mich also auch gleich auf den Weg durch den noch stockfinsteren Sunshine State machen, was mir die Zeit gibt, statt der Interstate 5 die komplette Küstenroute rauf nach San Francisco zu nehmen. Erst recht, weil ich mir das Morgengrauen erspare: den unfassbaren Stau von Los Angeles.

Rotes und blaues Leuchten, das mir bald begegnet, hat noch nichts mit aufgehender Sonne zu tun, es sind die Blinklichter auf dem Streifenwagen eines Sheriffs, der am Straßenrand gerade einen Verkehrssünder in der Mangel hat. Wahrscheinlich war der mit 47 statt 45 Meilen pro Stunde unterwegs. Spätestens jetzt ist mir klar: Dass ich in einem BMW M4 sitze, ist fein, wird mir aber in Sachen Fahrtzeit genau nichts bringen. Eher wird es angesichts der 431 PS meine Selbstdisziplin herausfordern. Unterstützung bekomme ich vom perfekt zu bedienenden Tempomaten, ohne den ich hier aufgeschmissen wäre. Das Gleiche gilt für das Navi, samt der Echtzeit-Stauanzeige.

Im Straßenverkehr geht es in den USA anders zu als bei uns. Erst zwei Tage zuvor habe ich mitbekommen, dass Gefängnis eine reale Option ist, wenn der Officer für Recht und Ordnung auf seinen Straßen sorgt. Speeding ist "against the law" und auch das Überfahren einer doppelt durchgezogenen Linie wird wahrscheinlich härter bestraft, als mit einem Flugzeug unerlaubt in den Luftraum einzudringen.

Wie gerne würde ich aufs Gas steigen, nicht nur weil ich in einem Sportwagen sitze. Ich habe das Gefühl, einfach nicht vorwärtszukommen, dabei habe ich heute über 800 Kilometer vor mir. Man braucht hier einfach grundsätzlich länger, als man glaubt. Wenigstens liefert das Satellitenradio den perfekten Soundtrack für das Cruisen auf dem Pacific Coast Highway, der Route No. 1, Santa Monica, Malibu, Ventura, alles klingende Namen. Für Baywatch-Nixen ist es bei knapp über null Grad zu kalt, aber nicht fürs Cabriofahren: Der M4 heizt gut, nicht zuletzt wegen seines Nackenföns, und bei maximal 55 mph (oder auch mal 65 mph auf kurzen Abschnitten) hält sich auch der kalte Luftzug in Grenzen. Zur Orientierung: 55 mph sind knapp 90 km/h, 65 mph sind 105 km/h.

Ist hier schon das autonome Fahren eingeführt?
Auf Highways wie denen, die mich aus L.A. hinausgeführt haben, wirkt es, als wäre das autonome Fahren bereits eingeführt. Jedenfalls muss hier die Idee geboren sein. Sechs, sieben, acht Spuren in eine Richtung, zum Teil fahren alle das gleiche Tempo und halten einen recht geringen Abstand, fast wie automatisch. Überholt wird gleichwertig links und rechts, was trotz des geringen Tempos bisweilen etwas Stress erzeugt, solange man sich noch nicht daran gewöhnt hat, denn manchmal fährt doch mal einer deutlich schneller (und riskiert damit wahrscheinlich sein Leben oder zumindest die Freiheit).

"Hills and Curves next 63 miles"
Den ersten längeren Stopp mache ich am Hafen von Santa Barbara, wo noch echte Fischer ihren frischen Fang am Steg verkaufen, direkt hinter ihrem unvermeidlichen Pick-up-Truck. Mich lacht mehr ein mächtiger French Toast in der strahlenden Sonne an, dazu American Coffee, der zumindest in dem netten Hafenimbiss besser ist als sein Ruf.

Ich bin überrascht, wie herrlich und abwechslungsreich die Strecke teilweise ist; aber auch von den Ölbohrinseln, die in der Nähe von Santa Barbara wie an einer Perlenkette im Meer aufgereiht sind. Vor allem der "Big Sur"-Abschnitt ist jedoch ein Traum. "Hills and Curves next 63 miles" warnt ein Verkehrszeichen und kündigt damit ein wunderbares Kurvenreich auf einer Berg-und-Tal-Bahn mit Küstenpanorama an. Andernorts liegen Hunderte Seelöwen am Ufer und aalen sich in der Sonne.

Gefühlt ebenso viele Menschen warten auf einen Tisch im vom Reiseführer empfohlenen Restaurant "Nepenthe" auf einem Kliff 250 Meter über dem Pazifik. Die Aussicht ist aber deutlich besser als Essen und Atmosphäre.

San Francisco, Stadt der Hippies
Als ich nach San Francisco hineinfahre, 13 Stunden nach meiner Abfahrt in L.A., bin ich zu müde, um mir Blumen ins Haar zu stecken, wie Scott McKenzie einst empfohlen hat. Doch nach einer Nacht im nicht schönen, aber sauberen und günstigen Coventry Motel bin ich wieder fit. Als ich zum Fotografieren zur Golden Gate Bridge fahre, ist es - Sie ahnen es - sehr früh am Morgen. Das langsam erwachende Morgenlicht ist eine Augenweide. Dass es nur null Grad hat, hält mich auch hier nicht vom Cabriofahren ab.

In den erwachenden Tag hinein über die Golden Gate Bridge zu fahren, ist ein durchaus erhebendes Gefühl.

Auf der anderen Seite des Golden Gates finde ich den Nationalpark Muir Woods, eine unglaubliche Area voller Mammutbäume, den Red Woods, die über 110 Meter hoch werden. Vor neun Uhr ist der Eintritt frei, ich investiere die gesparten zehn Dollar in ein Frühstück im Parkcafé, bevor ich mich diesen Naturwundern widme.

Zum Glück ist Sonntag, daher brauche ich anschließend nur eine Viertelstunde rein in die Stadt. Fisherman’s Wharf, das Hafenviertel im Nordosten, zieht mich an. Museumsschiffe, Souvenir- und T-Shirt-Läden, Restaurants und Fischstände prägen das Bild - und die ehemalige Gefängnisinsel Alcatraz, die man auch besichtigen kann. Parken ist übrigens teuer, zehn Dollar die Stunde. Wer Glück hat, ergattert eine Gratis-Parklücke in der Beach/Ecke Polk Street oder North Point/Ecke Van Ness Street.

Hippies finde ich keine, allerdings merkt man, dass die Stadt sehr tolerant ist. Angeblich sind hier 15% der Bewohner bi- oder homosexuell, rund 1000 verschiedene Volksgruppen leben friedlich mit- bzw. nebeneinander.

Dos und Donts in San Francisco
Ich sehe vor allem Touristen. Und Seelöwen, welche die Pier 39 fest in ihren Flossen haben. Mit dem berühmten Cable Car (7$ pro Fahrt, Tagesticket 20$), das wirklich von einem in der Straße verlaufenden Stahlseil gezogen wird, fahre ich die ebenso berühmten steilen Hügel hinauf nach China Town. Asien mitten in Frisco - oops, das darf man ja nicht sagen. Sag niemals Frisco! Daneben liegt quasi Italien, mit echten Pizzerien und Lebensmittelgeschäften voll Barilla- und De-Cecco-Pasta.

Wer nicht viel laufen will - schließlich gleicht hier alles einer Bergwanderung (die Stadt wurde auf sieben großen und 40 kleinen Hügeln erbaut) - nimmt einen Hop-on-hop-off-Bus, was allerdings mit 40 Dollar ziemlich teuer ist. Andererseits billiger als Parken.

Was man sich abends nicht entgehen lassen sollte, ist Live-Musik, im Club Deluxe habe z.B. ich gute Erfahrungen gemacht. Mehrere Sorten Bier vom Fass und zwei Top-Bands an einem Abend: eine Bluesband und eine Bossanova-Combo.

Los Angeles und Umgebung
Zurück nehme ich am nächsten Tag wieder die Route No. 1, und fahre früh genug los, um in L.A. shoppen zu gehen. Am frühen Abend bin ich im Camarillo Premium Outlet, einem riesigen Dollargrab am Ventura Highway, wie es sie zuhauf gibt im ganzen Land. Schade, dass der Dollar gerade nicht so gut steht.

Wer Los Angeles sagt, meint meistens Hollywood. Klar, man kann hier eine Filmtour machen, etwa in deernen im Gehsteig verewigt wurden. Glamour darf man sich aber nicht erwarten, vielmehr im Neonlicht (zumindest im übertragenen Sinn) bröckelnde Fassaden, Sexshops, dazu jede Menge Obdachlose und offensichtlich Geisteskranke.

Trotzdem ist es eine gute Idee, hier in der Nähe zu nächtigen. Mama Shelter ist eine Top-Adresse, außerdem günstig gelegen, mitten in Hollywood. Nahe an der U-Bahn und nicht weit von der Peripherie.

Glamour gibt es natürlich auch, jedenfalls offensichtlichen Reichtum. Ein Ausflug nach Beverly Hills und Bel Air und man weiß, wie viel Geld dort versammelt ist. Wo bei uns vielleicht ein Bentley in der Einfahrt stehen würde, parkt dort ein Hubschrauber im Garten.

Mustang, der VW Golf Kaliforniens?
Ich hätte erwartet, dass die Straßen hier von Pick-ups nur so überquellen. Weit gefehlt! Klar gibt es sie, sogar riesige mit Zwillingshinterrädern, aber gefühlt fahren hier mehr aktuelle Ford Mustangs herum, vor allem Cabrios. Mit meinem BMW M4 Cabrio falle ich jedenfalls auf und werde auch einige Male angesprochen. Man steht hier auf den coolen Münchner, der weit mehr als doppelt so viel kostet wie der offene Einstiegs-Mustang. Mit 75.000 Dollar Basispreis ist er im Vergleich zu Österreich (ab 98.000 Euro) aber ein Schnäppchen.

Noch ein Wort zum Verkehr
Es wird relativ wenig mit Symbolen beschildert, das meiste wird explizit beschrieben, etwa "Do not pass" als Überholverbot. Eine ungewöhnliche Art der Vorfahrtsregelung ist hier üblich: Stopp-Schilder an allen Zufahrten einer Kreuzung (oft steht "4 way" dabei, aber nicht immer). Dann wird in der Reihenfolge gefahren, wie man ankommt. An eine solche Stopp-Kreuzung kann man auch unversehens geraten, wenn man nichts Böses ahnend mit 55 Meilen auf einem Highway dahinrauscht. Straßenmarkierungen sind teils gewöhnungsbedürftig. Oft ist nicht zu erkennen, dass zwei Spuren zusammengelegt werden.

Nach ein paar Tagen Kalifornien
Wer nach Kalifornien kommt, sollte viel Zeit mitbringen. Das Angebot spannt sich von den vielen Nationalparks, in denen man zu Fuß lange unterwegs sein kann, über den Santa Monica Pier für Vergnügungstouristen, die Filmstadt Hollywood bis San Francisco, das deutlich mehr als nur einen Tag verträgt. Von einem Abstecher nach Las Vegas ganz zu schweigen.

Man muss sich nur über manches im Klaren sein: Es ist grundsätzlich teuer. Parken und Hotelübernachtungen kosten ein Vermögen. Billig ist hingegen der Sprit: rund 2,80 Dollar pro Gallone (3,78 Liter) bedeuten etwa 0,70 Euro pro Liter. Ich habe noch nie vorher einen BMW um 35 Euro vollgetankt!

Und dann ist da noch die Sache mit dem Sunshine State. Angeblich regnet es an zehn Tagen pro Jahr. Auf Sonne verlassen kann man sich aber nicht. Am Tag vor meiner San-Francisco-Tour gab es so viel Regen, dass er es in die Hauptnachrichten geschafft hat, und auf dem Weg zum Flughafen musste ich das Verdeck schließen - im Stau regnet es auch in ein M4-Cabrio hinein.

Stephan Schätzl
Redakteur
Stephan Schätzl
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