Di, 20. Februar 2018

Statt 500er-Kult

26.12.2016 12:14

Fiat Tipo: Zurück zu den wahren Wurzeln

Fiat hat Tradition beim Bau von günstigen Fahrzeugen für die Massen. So war der Ur-500er seinerzeit nicht als Kultauto geplant, an das sich mittlerweile die Markenidentität klammert. So gesehen ist Fiat mit dem Tipo irgendwie zu den Wurzeln zurückgekehrt, obwohl er der erste Fiat der Ganz-neu-Zeit ist, der sein Heil nicht in der Zahl 500 sucht.

Der heute so kultige Cinquecento war einfach ein Auto, ein einfaches Auto. Ebenso einfach die Materialien, kein Chichi, das Design schnörkellos, aber zum Liebhaben - und vor allem war er leistbar.

Das trifft im Wesentlichen auch auf den Fiat Tipo zu. Okay, man mag sich nicht auf ihn stürzen, ihn umarmen und knuddeln, aber er ist ein hübscher Kompaktwagen, in seiner optischen Nüchternheit konsequent, aber durchaus frisch gezeichnet. Es ging ganz offensichtlich nicht darum, einen Herzensbrecher zu kreieren, sondern möglichst viel Auto für möglichst wenig Geld an möglichst viele Leute zu verkaufen.

Diesen Rotstift-Charakter merkt man ihm an, schon an der eher nachlässigen Verarbeitung. Beim Einsteigen sticht das harte Plastik nicht nur ins Auge, sondern auch in die Nase, es riecht wie beim Zahnarzt. Auch die Haptik der Bedienelemente wirkt lieblos. Doch nicht jeder Autofahrer legt Wert auf solche Dinge. Im Fiat-Wording heißt das "der Innenraum zeigt einen robusten Look".

Tatsächlich empfinde ich es als angenehm, mit so einem kantigen Typen umzugehen; es tut nicht weh, um im Zahnarzt-Bild zu bleiben. Man hat nie das Gefühl, irgendwas kaputt machen zu können. Ein Auto für Grobmotoriker. Und die hard facts sind ja absolut in Ordnung, angefangen beim Platzangebot, das auf der Rückbank sogar für groß Gewachsene hinter groß Gewachsenen gut ausreicht. Beim Kopfraum macht sich die nach hinten kastige Karosserieform bezahlt. Auch das hat bei Fiat Tradition, seit der "tollen Kiste" Panda. Der Kofferraum gehört mit 440 Liter zu den größten der Klasse.

Im Detail hätten die Designer aber noch ein wenig nacharbeiten können: Es gibt keinen Platz für große PET-Flaschen in den Türfächern und der Kupplungsfuß bleibt oft an der Konsolenverkleidung hängen.

So fährt sich der Fiat Tipo
Das Fahrwerk des Tipo macht einen guten Eindruck, es ist sicher und in den meisten Situationen ausreichend komfortabel. Nur leicht wellige Autobahnstücke überfordern die Dämpfung. Dann vibriert der ganze Wagen. Interessanterweise passiert das - wie etwa auf der S1 bei Schwechat - an Stellen, wo man mit anderen Autos gar nicht wirklich merkt, dass die Fahrbahn uneben ist. Von der Waschbrettpiste, die man im Tipo sitzend vermutet, ganz zu schweigen.

Die Lenkung ist leichtgängig (auf Knopfdruck sogar sehr leichtgängig) und nicht sehr direkt, aber auch nicht komplett gefühllos, sodass man gut zurechtkommt.

Das Gustostückerl ist wahrscheinlich der 120-PS-Turbodiesel, mit dem mein Testwagen ausgestattet ist. Immer wieder habe ich das Gefühl, in einem stärkeren Auto unterwegs zu sein, weil er einfach so mächtig anschiebt; das maximale Drehmoment beträgt 320 Nm bei 1750/min., gefühlt kommt es früher. Man muss nur den Moment abwarten, den der Turbolader braucht, um anzusprechen, egal bei welcher Drehzahl.

Man sollte sich daran gewöhnen, das Gas gut zu dosieren, sonst stürmt der Tipo mit zerrenden Vorderrädern ungestüm los, als wenn es kein Morgen gäbe. Aber die Power ist fantastisch. In 9,8 Sekunden wuchtet der Tipo seine 1370 kg (ohne Fahrer gemessen) auf 100. Der Verbrauch lag im Test knapp über 6 l/100 km (Normverbrauch 3,7 l/100 km).

Etwas gewöhnungsbedürftig ist das Sechsganggetriebe. Es ist zwar exakt zu schalten und hakelt nicht, aber die geraden Gänge (2, 4, 6) fühlen sich an, als wären sie näher an der Neutralstellung als die anderen und rasten sehr knapp ein.

Das Wichtigste ist vorhanden
Einen modernen Eindruck macht das Navitainment mit seinem aufpreispflichtigen 7"-Touchscreen. Der ist zwar etwas unübersichtlich, weil mit allerlei winzigen Schaltflächen überfrachtet, aber man gewöhnt sich dran. Positiv herauszustreichen ist, dass es einen richtigen Volume-Drehknopf gibt, außerdem eine eigene Schaltfläche, um den Bildschirm auszuschalten. Großartig wäre, wenn der Tune-Regler auch zum Zoomen im TomTom-Navi verwendet werden könnte. Da muss man leider auf dem Bildschirm wischen.

Der Preis ist heiß
Die Preisliste beginnt bei 14.990 Euro für den Fiat Tipo Pop mit einem 95 PS starken 1,4-Liter-Benziner. Damit kann man auch schon gut auskommen, immerhin sind Klimaanlage, fernbediente Zentralverriegelung, elektrische Fensterheber, MP3-Radio und acht Airbags serienmäßig. Allerdings noch kein Notbremassistent, was den Tipo einen Stern beim NCAP-Crashtest gekostet hat. Aber wer ihn will, kann ihn gegen 500 Euro Aufpreis mitbestellen (allerdings nicht für Ausstattung Pop). So kommt der Testwagen auf 25.000 Euro, hat aber als Version Lounge mit zusätzlichen Extras alles, was man braucht.

Unterm Strich
Der Fiat Tipo ist ganz Italiener. Nicht der Papagallo, der unwiderstehlich den Damen in die Augen blickt, sondern der vernünftige Norditaliener mit dem Rechenstift. Damit ist er ein erfrischender Gegenpol zum übrigen Fiat-Modellprogramm - und er fährt sich besser als der Fiat 500L. Jetzt müssen nur noch die Massen rechnen.

Warum?

Viel Auto für relativ wenig Geld

Warum nicht?

Man merkt das Billige.

Oder vielleicht …

… Hyundai i30, Kia Cee'd, Skoda Rapid, Ford Focus, Peugeot 308 …

Stephan Schätzl
Redakteur
Stephan Schätzl
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