Di, 21. November 2017

In Wien vor Gericht

17.12.2016 17:00

Die vielen Gesichter des Peter Seisenbacher

Ab Montag steht Olympiasieger Peter Seisenbacher in Wien vor Gericht. Schwerer sexueller Missbrauch und Missbrauch eines Autoritätsverhältnisses werden ihm vorgeworfen. Denn Seisenbacher, einst auch Idol beim Nachwuchs, arbeitete viel als Trainer von Jugendgruppen. Hier soll er sich an einer Neunjährigen vergangen haben. Ein zweites Mädchen war, laut Anklage, elf Jahre alt, als der frühere Spitzensportler sich ihr unsittlich näherte. Was er dazu sagt, ist nicht bekannt.

Der Aufstieg zu einem der größten Judoka aller Zeiten war Peter Seisenbacher mit dem Umweg über Japan gelungen. Sein Mentor, der damalige Judo-Präsident Kurt Kutschera, hatte das Talent des späteren Doppel-Olympiasiegers früh erkannt und ihm monatelange Aufenthalte in Fernost, dem Mekka dieser asiatischen Kampfsportart, ermöglicht.

An der Tokai-Universität lernte Peter Seisenbacher, der bereits als 20-Jähriger 1980 in seiner Heimatstadt Wien Vize-Europameister war, den Judosport in all seinen Facetten zu verstehen. Er war bereit, sich im Sport zu quälen, und trainierte stundenlang in den spartanischen Verhältnissen, mutierte auf der Matte quasi zum Japaner und sollte dann später die Stars aus Fernost selbst aufs Kreuz legen.

Historischer Erfolg als Doppel-Olympiasieger
Diese japanische Schule als Grundstein für all seine historischen Erfolge: Gold bei Olympia 1984 in Los Angeles in der Klasse bis 86 kg, Weltmeister 1985 in Seoul und Europameister 1986 in Belgrad, schließlich, die Sensation im Judo-Sport schlechthin, der erneute Olympiasieg 1988 in Seoul. Österreichs einzige Medaille überhaupt bei diesen Sommerspielen.

Seisenbacher schaffte, was selbst kein Japaner vor ihm erreicht hatte: Er wurde der erste Judoka, der bei Olympia in derselben Gewichtsklasse seinen Gold-Triumph wiederholte. Damit schien er im Olymp schon unsterblich.

Seisenbacher, von seinen Trainern George Kerr und Norbert Herrmann in diesen sportlichen Himmel geführt, wurde gefeiert und verehrt. Dank seiner Popularität versuchte er sich nach seiner  Karriere als Funktionär in Österreich, scheiterte aber. "Gold-Peter", ein streitbarer Mensch, sollte weder als Generalsekretär der Sporthilfe noch als Trainer des Judo-Teams erfolgreich sein. Im Ausland aber setzte er sich als Trainer durch, führte einen Georgier zu Olympia-Gold 2012 sowie einen Judoka aus Aserbaidschan zum WM-Titel 2013.

Montag wartet auf das einstige Sportidol im Wiener Landesgericht der schwerste Auftritt - angeklagt als Kinderschänder. Da wird der Staatsanwalt mit seiner Anklage eine dunkle Seite des früheren Spitzensportlers beleuchten.

Ein TV-Film mit erschreckenden Parallelen
Die Tür von innen verriegelt - mit der Olympiafahne. Drinnen, im Zimmer, eine Leiche. Ein toter Olympiasieger im Judo. Gespielt von: Peter Seisenbacher. Es wird Mord gewesen sein, stellt sich zum Schluss der Folge von "SOKO Donau" heraus.

Die Geschichte, die ist im Rückblick brisant. Sie handelt von Missbrauch. "Chefsache" heißt die Folge, die 2011 erstmals ausgestrahlt wurde. Sie beginnt mit einer "prominenten" Leiche - Peter Seisenbacher, Doppel-Olympiasieger, spielt sich selbst: einen erfolgreichen Sportler, der junge Talente im Verein Kind und Sport fördert.

Und da gibt es die knapp 16-Jährige, die zugibt, mit dem "Idol im Bett" gewesen zu sein. Ein Journalist erpresst den Olympiasieger damit. So weit die Folge der TV-Serie mit fast erschreckenden Parallelen. Denn ab Montag wird Peter Seisenbacher vor Gericht einem ähnlichen Vorwurf begegnen müssen. Sexueller Missbrauch von Unmündigen und Missbrauch eines Autoritätsverhältnisses. Von Mädchen, Nachwuchshoffnungen, die er trainiert hat. Wie im Fernsehfilm.

Jetzt fragt man sich schon: Warum hat Seisenbacher so eine Rolle angenommen? Gerüchte um eine derartige "Neigung" von ihm soll es länger gegeben haben, Ermittlungen aber verliefen stets im Sande. Haben nun, bei einer der zahlreichen Wiederholungen just dieses Films, möglicherweise betroffene Mädchen zugesehen und brechen ihr Schweigen? Oder ist "SOKO Donau" die Vorlage für eine Intrige?

Man wird es am 22. Dezember wissen. Da soll ein Urteil über Peter Seisenbacher  fallen.

PS: Im TV-Film konstatierte die Gerichtsmedizinerin "eindeutig Selbstmord", und sie sollte trotz "klarer Beweislage" irren. Es war Mord. Aus Habgier. Eines Mannes, der selbst im Rampenlicht stehen wollte und Beweise fälschte.

Olaf Brockmann, Gabriela Gödel, Peter Grotter und Oliver Papacek, Kronen Zeitung

 krone.at
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