So, 27. Mai 2018

"Krone"-Interview

13.12.2016 12:51

Foals: "Wir wollen keine Mainstream-Band sein"

Was passiert derzeit eigentlich bei den Foals? Die britischen Indie-Rock-Stars haben im Sommer ein eher handzahmes Frequency-Konzert absolviert und nach einer üppigen Welttournee das stressigste Jahr ihrer Karriere hinter sich. Wir haben bei Frontmann Yannis Philippakis bezüglich der drohnenden Auszeit, erfüllter Kinderheitsträume und dem Alkoholkonsum auf Tour nachgefragt.

"Krone": Yannis, in einem Interview mit shortlist.com hast du im Sommer offen darüber gesprochen, dass ihr nicht nur während der Touren, sondern auch abseits davon gerne mal einen über den Durst trinkt. Gehört ihr in Zeiten von Smartphones und glutenfreier Backstage-Ernährung zu den letzten richtigen Rockstars?
Yannis Philippakis: Es gibt heute definitiv weniger Bands, die sich auf Tour vielleicht mal exzessiver benehmen. Möglicherweise stimmt das also.

Was definiert denn einen Rock-'n'-Roll-Lifestyle?
Wir stehen einfach auf Partys. Egal ob ein Konzert von uns gut oder schlecht verläuft - das Ziel ist immer, dass wir ekstatisch von der Bühne gehen. Um wirklich auch auf so ein Level zu kommen, müssen wir vor der Show ein bisschen was tanken, um richtig in Stimmung zu kommen. Es ist aber dennoch ein starker Kontrast zu unseren Leben zuhause. Wenn wir Musik schreiben oder etwas Abstand von der Band haben, dann läuft alles sehr ruhig und normal ab. Ich glaube aber, dass wir den Alkohol auf Tour brauchen. Vielleicht liegt es auch am Druck, dass die Shows intensiv sein sollen und gut laufen müssen. Zudem touren wir schon weit mehr als ein Jahr mit dem aktuellen Album und da muss man sich manchmal selbst motivieren.

Trinkt man auch, um das Lampenfieber zu bekämpfen? Habt ihr das noch zwischendurch?
Das nicht. Die Shows sollen einfach intensiv sein, aber auch etwas provokativ und chaotisch. Wir versuchen, keine Routine reinkommen zu lassen, die Spannung stets aufrecht zu erhalten. Wenn du jeden Abend dieselben Songs spielst, kann es auch mal langweilig werden und das wollen wir verhindern.

Deine Shows sind auch physisch sehr herausfordernd, weil du jedes Mal ins Publikum segelst und mitunter schon mal mit Securitys zu raufen beginnst. Brauchst du dieses extrovertierte Verhalten, wenn du auf der Bühne stehst?
Definitiv. Ich habe selbst als Besucher und Fan immer die Shows am liebsten gehabt, bei denen man nicht weiß was passiert. Vielleicht haben wir uns deshalb auf Alkohol versteift, denn ohne ein bisschen in Fahrt gekommen zu sein, würde ich wahrscheinlich nur fad herumstehen und meine Zeilen singen.

Würdest du sagen, dass die Foals als hedonistische Liveband bezeichnet werden können?
Das trifft sicher zu. Hedonistisch und selbstzerstörerisch - diese beiden Dinge hängen eng beieinander und das sieht man bei uns sehr deutlich. So etwas kann man aber auch sehr genießen. Es kommt immer darauf an, wie optimistisch du das siehst. (lacht)

"What Went Down" ist mittlerweile auch schon weit mehr als ein Jahr alt und wurde von den Fans hervorragend aufgenommen. Bist du mit etwas Distanz zum Aufnahmeprozess noch immer zufrieden damit?
Ich würde immer etwas ändern, aber ich habe mittlerweile gelernt, dass es irgendwann nicht mehr geht. Es gibt eine Deadline, die du nicht mehr überschreiten kannst. Dann ist das Produkt fertig und Punkt. 100 Prozent zufrieden war ich überhaupt noch nie, aber das ist wichtig, um immer nach Neuem zu streben.

War dieses Album endgültig die Eintrittskarte in die ganz großen Hallen?
Nicht wirklich. Von außen mag das vielleicht so wirken, denn wir haben viel mehr Medientermine und die Shows werden wirklich immer größer, aber auch der Vorgänger "Holy Fire" hat uns schon auf die Landkarte der Veranstalter gesetzt. Es ist in gewisser Weise immer eine geografische Sache, denn in England wurden wir von Anfang an gefördert. Andere Länder zogen nach, gerade in den USA haben wir mit "Holy Fire" den Durchbruch geschafft. Es war das erste Album, mit dem wir auch im Ausland einen Riesensprung gemacht haben.

Unterscheidet sich das Publikum im Rest der Welt sehr stark vom britischen, wo ihr eben schon immer eine gewichtige Rolle gespielt habt?
Es ist keinesfalls überall gleich, das lernst du als Musiker schnell. Das Publikum selbst unterliegt verschiedenen Mentalitäten und nicht jedes Land feiert von uns die gleichen Songs ab. In Frankreich mögen sie unsere ersten zwei Alben zum Beispiel viel lieber als die neueren Sachen - in den USA ist es total anders. In Lateinamerika sind die Leute zudem viel offener und enthusiastischer, als sie es in Nordamerika je sein werden.

Gibt es spezielle Märkte, bei denen ihr euch schwer tut, die Aufmerksamkeit des Publikums zu gewinnen?
Skandinavien, das ist ein harter Markt. Wir haben dort nicht oft gespielt und finden kulturell und von der Mentalität her einfach nicht wirklich rein. Die Leute sind großartig, aber es geht alles viel behäbiger vonstatten. Du kannst die Leute nur sehr schwer mitnehmen und sie dazu bewegen, mit uns eine Party zu feiern. Das ist gerade für uns schwierig, weil wir sehr sensibel auf die Stimmung im Publikum reagieren. Für uns ist eine Liveshow ein gegenseitiges Geben und Nehmen und wir sind insofern eine sehr inkonstante Liveband. Wenn wir uns nicht wohl oder besonders willkommen fühlen, dann werden wir auch hartherziger und tun uns zunehmend schwerer.

Das Thema wird oft angesprochen, aber ihr beweist mit euren energetischen Liveshows das Gegenteil von Gene Simmons Ansage, Rock wäre tot…
Weißt du, wer fast tot ist? Gene Simmons. Was soll ich so etwas ernst nehmen?

Fällt es euch nach elf Jahren mittlerweile schwer, euch mit jedem neuen Album nicht irgendwann zu wiederholen?
Sich zu wiederholen ist nicht das große Problem, aber die Inspirationsquellen werden weniger. Es fällt mir oft schwer, dass wir authentisch, frisch und echt klingen, weil wir eben vieles davon bereits verbraucht bzw. eingespielt haben. Ein Album muss aufrichtig klingen und darf sich nicht so anfühlen, als ob es aus einer maschinellen Manufaktur herausgeboren wurde. Deshalb wäre eine Albumaufnahme derzeit ein falsches Zeichen, denn ich fühle, dass ich eine Pause brauche. Man braucht Zeit außerhalb der Musik. Ich spüre, dass ich jetzt nach Hause will. Ich will reisen oder einfach Dinge machen, die nichts mit den Foals zu tun haben. Wenn ich diese Entspannung einmal habe, dann wird das nächste Album auch garantiert gut klingen.

Viele Phasen deines Lebens liegen schon länger zurück. Ist es da oft schwierig, sich mit dem alten Material noch identifizieren zu können?
Inhaltlich nicht, denn ich habe die Phasen ja alle miterlebt und kann und will sie in der Gegenwart nicht verleugnen. Mehr Probleme habe ich da schon eher mit der musikalischen Ausrichtung, denn da bin ich nicht immer happy, was wir anfangs fabriziert haben. Die Texte fangen immer den Moment ein und das ist auch okay so. Songs wie "Cassius" haben wir jetzt schon sechs oder sieben Jahre nicht mehr gespielt, er passt einfach nicht mehr zu uns.

Ihr habt anfangs bei den Hauspartys alter Freunde gespielt. Wäre das für dich jetzt noch vorstellbar? Würdest du das den Foals der Gegenwart zutrauen?
Möglicherweise. Hauspartys vielleicht nicht mehr, denn das haben wir hinter uns. Es war eine große Zeit, wir denken immer gerne daran zurück, aber wir leben nicht in der Vergangenheit. Ich denke auch nicht an meine Ex-Freundin zurück, sondern bin mit der aktuellen glücklich. Ein paar Secret-Gigs sind aber sicher möglich. Für gewisse Dinge sind wir einfach zu alt, das würde nur eigenartig aussehen.

Ihr seid unter anderem schon ganz hoch oben beim großen Glastonbury Festival platziert gewesen und füllt derzeit auch die großen Hallen. Bist du stolz darauf, was du mit den Foals in den wenigen Jahren erreicht hast?
Natürlich, das ist eine tolle Sache. Wie die Band bis heute gewachsen ist, ist sehr eigenartig. Wir hatten immer Ambitionen, aber niemals das große Ziel, so eine Art "Mainstream-Band" zu werden. Wir wollten einfach immer gute Musik machen und dachten uns, mit unserer Art davon würden wir irgendwo am Rand mitschwimmen. Dass wir zum Beispiel das Reading Festival headlinen würden, das be 1992 dort Nirvana gesehen und dass wir quasi den gleichen Slot haben mit eigenen Songs, die wir geschrieben haben, die aus unseren Herzen kommen, das macht mich wirklich stolz.

Ist es vielleicht sogar ein Vorteil, dass ihr im Gegensatz zu vielen anderen Bands nicht diesen einen großen Hit habt, mit dem man euch sofort assoziiert?
Da stimme ich dir zu. Wir haben schon selbst in einigen Punkten darauf geachtet, dass wir nicht zu sehr in den Greifarmen der Musikindustrie landen. Aber natürlich hatten wir auch viel Glück, dass wir keinen großen Superhit hatten. Ich denke, dass uns diese Tatsache viel Freiheit verschafft hat, denn sobald du einen Tophit hast, bist du auf ewig in einer Nische gefangen.

Viele britische Bands wie Franz Ferdinand oder Razorlight, um nur zwei zu nennen, galten jahrelang als große britische Aushängeschilder, orientieren sich in der Popularitätsskala derzeit aber eher nach unten. Bei euch ist das überhaupt nicht so - was macht ihr so anders?
Ich war nie ein großer Fan von Razorlight und habe keine Ahnung, was die so treiben. Wir haben uns einfach die Motivation erhalten und setzen uns mit jedem Album sehr hohe Standards. Wir haben uns musikalisch klar entwickelt und nicht ein Album dauernd wiederholt. Ich weiß es aber nicht, konzentriere mich eher darauf, meine Kreativität so gut wie möglich nach außen zu tragen und jede Show zu etwas Besonderem zu machen. Darauf liegt mein Fokus.

Robert Fröwein
Robert Fröwein

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