Sa, 25. November 2017

Spektakuläre Wende

12.12.2016 14:33

Neues Gutachten im Fall Aliyev sagt: Es war Mord!

Der Tod des kasachischen Ex-Botschafters Rakhat Aliyev in der Wiener Justizanstalt Josefstadt sorgt auch nach fast zwei Jahren noch für Wirbel. Die Selbstmordthese der Ermittler glaubt niemand mehr so recht - schon gar nicht Aliyevs Anwälte. Ein neues Gutachten besagt nun, Aliyev sei erst nach seinem Tod in der Zelle aufgehängt worden: "Es handelt sich damit um eine Tötung durch fremde Hand."

Rakhat Aliyev sei nicht durch Erhängen gestorben, wie der deutsche Gutachter Bernd Brinkmann schreibt. Todesursache sei vielmehr "eine sogenannte Perthes'sche Druckstauung" gewesen, schlussfolgert der Rechtsmediziner auf Basis der medizinischen Daten und Bilder der Obduktion. Der oder die Täter dürften sich demnach auf Aliyev gesetzt und ihm so den Brustkorb zusammengedrückt haben. Zusätzlich hätten sie ihm Nase und Mund zugehalten. Der ehemalige Botschafter sei erstickt und wohl erst nach seinem Tod aufgehängt worden. Laut Brinkmann müsse es sich um mindestens zwei Täter gehandelt haben.

"Es geht nicht zuletzt um Mord"
Die deutsche Wochenzeitung "Zeit", der das Gutachten vorliegt, sieht "eine spektakuläre Wende in einem Kriminalfall, der in Österreich seit Jahren Schlagzeilen macht. Es geht um Korruption, Geldwäsche, politische Intrigen, nicht zuletzt um: Mord." Und das ist nicht übertrieben: Aliyev war zeitweise Österreichs prominentester Häftling. Er soll gemeinsam mit mehreren Komplizen zwei Angestellte seiner Bank, die ihn um Geld betrogen haben sollen, ermordet haben, wurde aber posthum freigesprochen.

Schwiegersohn des Machthabers und mächtiger Geschäftsmann
Bevor er 2002 als Botschafter nach Wien geschickt wurde, war Aliyev in Kasachstan ein mächtiger Mann und gehörte zum engsten Zirkel des kasachischen Autokraten Nursultan Nasarbajew. In erster Ehe war Aliyev mit Nasarbajews Tochter Darigha verheiratet. Neben Mord waren ihm auch Geldwäsche, Korruption sowie die Bildung einer kriminellen Vereinigung vorgeworfen worden.

Drei Entführungen schlugen fehl
In Kasachstan wurde er in Abwesenheit verurteilt. Da Österreich die Auslieferung verweigerte, versuchte der kasachische Geheimdienst dreimal, ihn zu entführen. Im Juli 2011 begann auch die österreichische Justiz, gegen Aliyev wegen Geldwäsche und Mordes zu ermitteln. Der Ex-Botschafter verließ daraufhin das Land und soll sich zwischenzeitlich in Malta aufgehalten haben. 2014 wurde er bei der Einreise nach Österreich am Flughafen Wien-Schwechat verhaftet und in die Justizanstalt Josefstadt gebracht, wo er am 24. Februar 2015 tot aufgefunden wurde. Der Ex-Botschafter hatte die Vorwürfe gegen seine Person stets bestritten und sich selbst als politisch Verfolgten bezeichnet.

Video: Aliyevs Zelle in Todesnacht 14 Stunden ungeöffnet

Wiederaufnahme der Untersuchungen beantragt
Das nunmehrige Gutachten wurde von Aliyevs Anwälten Klaus Ainedter und Manfred Ainedter bereits in die Schweiz nach St. Gallen geschickt, wo Aliyevs Leiche ein zweites Mal untersucht worden war. Eine Wiederaufnahme der Untersuchungen wurde ebenfalls beantragt, wie die Juristen am Montag in Wien bekannt gaben. Entgegen früherer Vermutungen soll Aliyev zwar Schlafmittel genommen haben, aber keinesfalls sediert gewesen sein.

Staatsanwaltschaft fordert Ergänzungsgutachten an
Aufgrund der neuen Erkenntnisse forderte die Wiener Staatsanwaltschaft nun ein Ergänzungsgutachten bzw. eine Stellungnahme vom Schweizer Gerichtssachverständigen an, der im Vorjahr die Selbstmordthese bestätigt hatte, wie Sprecherin Nina Bussek am Montagnachmittag mitteilte. Nach Vorliegen des Gutachtens, was bis Jahresende der Fall sein dürfte, werde man "prüfen, was weiter passiert", so Bussek.

Michaela Braune
Redakteurin
Michaela Braune
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