Fr, 23. Februar 2018

Meine Geschichte

07.12.2016 16:30

Zwölfjährige: "Das Christkind soll Papa helfen"

Laras unbeschwerte Kindheit endet, als ihr Papa krank wird: Hirntumor und Multiple Sklerose. Lesen Sie das Protokoll einer tapferen Zwölfjährigen.

Wenn in meiner Klasse über Weihnachten geredet wird, dann geht es meistens um Geschenke. Viele wünschen sich ein neues Handy. Ein Huawei. Das ist grad total angesagt. Oder Nike-Schuhe. Einige Mädchen fahren einmal in der Woche zu Primark. Shoppen. Ich glaube, ich bin die Einzige, die eine Winterjacke vom letzten Jahr trägt. Mein Handy ist vier Jahre alt. Wenn ich das Christkind um etwas bitten darf, dann wäre das aber nichts, was man kaufen kann: Das Christkind soll dem Papa helfen! Er soll einfach wieder gesund werden.

Schockdiagnose vor drei Jahren
Vor drei Jahren ist bei uns daheim alles anders geworden. Plötzlich ist der Papa nicht mehr jeden Tag in die Arbeit gefahren. Auf einmal war er immer da. Ich weiß noch, dass ich das super gefunden habe. Er hatte viel Zeit für mich. Stundenlang haben wir damals Papierflieger gebastelt.

Aber dann habe ich ihm immer öfter helfen müssen, das Papier glatt zu streichen. Seine Hand ist ganz steif geworden. Die Mama sagt, das kommt von dem Tumor in seinem Kopf. Und von der zweiten Krankheit, die er hat. Multiple Sklerose heißt sie.

Der Papa hat doch früher immer mir geholfen, und plötzlich war das dann umgekehrt. Er war für mich immer der Starke gewesen. Der, dem keiner was anhaben konnte. Aber diese Krankheit war stärker als er.

"Papa war oft wütend"
Irgendwann haben wir uns dann jeden Tag gestritten. Der Papa war nämlich oft wütend. Nicht auf mich, auf ihn selber. Er hat gesagt, sein Körper gehorcht ihm nicht. Ich habe ihn dann angeschrien. Aus Trotz. Ich wollte meinen alten Papa zurück. Den, der einen Ball so hoch zum Himmel schießen kann, dass man ihn nicht mehr sieht. Wenn ich nur die Zeit zurückdrehen könnte, dann könnte mein Handy noch älter und meine Jacke aus dem Mittelalter sein.

Haben Sie auch ein Schicksal gemeistert und können damit anderen Mut machen? Bitte schreiben Sie mir: brigitte.quint@kronenzeitung.at

Aber wenn etwas schön ist, dann denkt man ja nicht daran, dass es irgendwann vorbei ist. Das machen auch die Erwachsenen nicht. Es ist ja auch nicht so, dass mein Leben jetzt schlecht ist. Ich finde es okay, dass wir wenig Geld haben. Wir können halt nicht in den Urlaub fahren oder so. Denn die Mama kriegt nur Notstandshilfe, weil sie keine Arbeit in der Nähe findet. Und der Papa lebt von der Frühpension.

"Das macht mir Angst"
So wirklich daran denken mag ich nicht, wie das mit Papas Krankheit werden wird. Das macht mir Angst. Wenn die schlimmen Gedanken kommen, dann rede ich mit der Mama. Zum Papa selber mag ich nichts sagen, weil er sich dann noch mehr Sorgen macht.

Ich fürchte, dass auch das Christkind den Papa nicht ganz gesund machen kann. Aber so stark wie alle meinen, ist diese blöde Krankheit auch nicht. Denn sonst könnten wir uns über gar nichts mehr freuen. Tun wir aber. Es sind halt andere Dinge als Turnschuhe oder Smartphones.

Hintergrund

  • 2013 wurde Gerhard Stadlbauer (er war damals 45 Jahre alt) ein inoperabler Gehirntumor diagnostiziert. Die Untersuchung wurde gemacht, weil seine Hand immer kraftloser wurde.
  • Zwei Wochen später stellten Experten eine weitere Erkrankung bei dem Tischler fest: Multiple Sklerose. Dabei handelt es sich um eine neurologische Erkrankung, die zu bleibender Behinderung und vorzeitiger Berentung führen kann.
  • Die Wahrscheinlichkeit, dass ein MS-Patient auch an einem Gehirntumor erkrankt, ist um eine geringe Prozentzahl höher als bei einer altersentsprechenden Vergleichsgruppe ohne MS.

Alle Teile der Serie "Meine Geschichte" finden Sie unter: krone.at/meine Geschichte!

Brigitte Quint, Kronen Zeitung

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