So, 19. November 2017

krone.at-Kommentar

04.12.2016 17:24

Kann Van der Bellen ein Präsident für alle sein?

Vom Boden- bis zum Neusiedler See war das laute Aufatmen zu hören: Die Mehrheit der Österreicher hat "brav" gewählt, sich also gegen eine drohende massive Veränderung des politischen Systems, gegen einen aggressiven Politstil, gegen einen Rechtsruck im Land entschieden - und damit für einen coolen älteren Herrn, der sicher ganz gut in die Hofburg passt.

Auch im Elfenbeinturm der heimischen Intelligenzija, der zu Recht besorgten Mahner, der ehrlich beherzten Linken und der etwas weniger ehrlichen politischen Betonierer knallten die Champagnerkorken: Die Strategie der Angst vor jeder Veränderung ging auf. Und Norbert Hofer war als Gegenkandidat zu unösterreichisch, einfach zu Trump.

Alexander Van der Bellen wird in den ersten Monaten seiner Präsidentschaft jetzt aber Hunderttausenden Hofer-Wählern beweisen müssen, dass er ein Bundespräsident für alle Österreicher sein kann. Seine erste Aufgabe muss sein, diesem starken Lager eine ehrliche Aussöhnung anzubieten. Alles andere wäre katastrophal für unser Land.

Wir Österreicher haben nach drei erbitterten Wahlschlachten eine Erholungsphase dringend nötig: Das jetzt so eindeutige Ergebnis ist auch eine harte Abrechnung mit der Wahlanfechterei, mit einem Zuviel an Wahlkämpfen.

Im Finish seiner Langzeit-Kampagne hätten Alexander Van der Bellen aber beinahe einige Fehler den Sieg gekostet:

- Der "gute, nette Professor" blickte im Herbst plötzlich etwas zornig von Tausenden Plakaten.

- Bei TV-Debatten hielt der lange Zeit gelassen jeden noch so grauslichen Angriff Hofers ins Leere laufen lassende Polit-Routinier auch selbst Zettel mit giftigen alten Geschichten in die Kameras.

- Und Van der Bellen hat zugelassen, dass seine Person, sein Wahlkampf von absolut unbeliebten Vertretern der für Österreich so typischen politischen Verhaberung vereinnahmt wird: Die plumpe Öxit-Kampagne des Industriellen Hans Peter Haselsteiner und des Ex-EU-Bonzen Franz Fischler konterkarierte die gute Positionierung Van der Bellens als volksnaher Anwalt aller Österreicher - plötzlich war der Ex-Grüne der Kandidat eines Multimillionärs, eines grantelnden Ex-Bankers, eines mittelmäßig beliebten ÖVP-Obmanns und auch der Wiener SPÖ.

Sie haben's natürlich alle gut gemeint. Aber das ist ja oft das Gegenteil von gut.

Alexander Van der Bellen war stark genug, um auch diese Helfer zu verkraften.

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