So, 18. Februar 2018

Paartherapie

05.12.2016 16:00

"The Last Guardian": Gassi-Gehen mit Hindernissen

Von vielen war er bereits abgeschrieben worden, diesen Mittwoch - und damit über sieben Jahre nach seiner ersten Ankündigung - kommt Sonys "The Last Guardian" nun doch noch in den Handel. Der PS4-Exklusivtitel erzählt die außergewöhnliche Geschichte einer außergewöhnlichen Beziehung zwischen einem jungen Helden und einer mysteriösen Kreatur namens Trico. Aber reicht Außergewöhnlichkeit auch für ein gutes Spiel? krone.at hat "The Last Guardian" bereits getestet.

Der junge Held erwacht in einer Höhle. Neben ihm in Ketten eine mysteriöse Kreatur: halb Vogel, halb Säuger. Wie und warum es beide an diesen Ort verschlagen hat, ist ungewiss, doch um ihm zu entfliehen, müssen Mensch und Mischwesen gemeinsame Sache machen.

"The Last Guardian" verliert dabei wie seine geistigen Vorgänger "Ico" und "Shadow of the Colossus" aus der Feder des japanischen Entwicklers Fumito Ueda nicht viele Worte - und wirkt dadurch wie ein Anachronismus in der Welt der immer komplexeren Videospiele. Aufwändige Cutscenes, Skill-Trees, Challenges, Multiplayer-Modi? Fehlanzeige.

Im Mittelpunkt der sich nur ganz allmählich in knappen Sätzen offenbarenden Geschichte - vorgetragen im japanischen Original, auf Deutsch untertitelt - steht stattdessen die Beziehung der ungleichen Protagonisten - anfänglich geprägt von einer gehörigen Portion Misstrauen, das im Spielverlauf beiderseitigem Vertrauen und Zuneigung weicht.

Die Beziehung des Jünglings zu Trico gleicht dabei über weite Strecken jener eines Kindes zu einem vernachlässigten Hund aus dem Tierheim: Viel Geduld, Zureden, Leckerlis und Streicheleinheiten (insbesondere, wenn er verletzt und aufgewühlt ist) sind vonnöten, um aus dem verängstigten und starrköpfigen Geschöpf einen folgsamen Begleiter zu machen.

Rückschläge bleiben dabei nicht aus und zerren gerade in den ersten Stunden stark am Nervenkostüm. Denn wie beim Gassi-Gehen mit einem Hund verweigert auch Trico seinen Dienst und will seinen eigenen Weg gehen - oder bleibt schlimmstenfalls gleich ganz stehen. Zu wissen, welchen Pfad man in der weitläufigen und verzweigten Ruinenanlage einzuschlagen hat, aber diesen aufgrund mangelnder Initiative des tierischen Begleiters nicht erreichen zu können, treibt nicht selten zur Weißglut und in die Verzweiflung.

Doch wie bei einem echten Tier aus Fleisch und Blut wachsen Trico und sein kleiner Menschenfreund - und damit auch der Spieler - zusammen. Und mit der Fähigkeit, ihm Befehle zu erteilen, sind auch die Probleme der Wegfindung weitgehend ausgeräumt. Ungeduldig darf man aber trotzdem nicht sein, denn anders als andere virtuelle tierische Begleiter behält Trico selbst dann noch seinen eigenen Kopf.

Mitunter heißt es also warten, um sich beispielsweise an Tricos Schweif auf tiefere Ebenen abzuseilen oder über seinen Rücken auf höher gelegene Plattformen zu gelangen. Ein anderes Mal muss das Menschlein dem Wesen den Weg bereiten und etwa durch schmale Tunnel oder Balken in schwindelerregender Höhe zu Hebeln und Schaltern kriechen und kraxeln, um Tore für die Kreatur zu öffnen.

Und damit die Action nicht zu kurz kommt, gesellen sich zu Puzzles und der Suche nach dem nächsten Ausgang gelegentliche Schleicheinlagen und der eine oder andere (von Trico bestrittene) Kampf. Wirklich spannend sind Letztere allerdings nicht. Spannung ergibt sich in "The Last Guardian" vielmehr aus der Frage nach den Umständen, die den Helden und Trico in die Ruine verschlugen.

Spannungen der ganz anderen Art ergeben sich leider aus der teilweise ungenauen Steuerung, vor allem jedoch aus der Kameraführung, die das einzige wirkliche, aber eben auch sehr große Manko des Spiels darstellt. Mal enge Gässchen, dann wieder gigantischen Ruinen auf der einen Seite und ein kleiner Mensch und sein großer Begleiter auf der anderen Seite vertragen sich einfach nicht. So ist man ständig auf der Suche nach dem richtigen Blickwinkel und ärgert sich nicht selten, wenn man diesen nicht findet und deshalb beispielsweise in die Tiefe stürzt.

Fazit: Gut Ding braucht Weile - das galt offenbar nicht nur für die Entwicklung von "The Last Guardian", sondern gilt auch für die Beziehung der beiden Protagonisten des Spiels, die erst zueinander finden müssen. Mit jedem Schritt, den die beiden aufeinander zugehen, wächst auch der Spaß am Spiel, das neben der Interaktion der beiden Hauptfiguren vor allem von seiner mystisch-mysteriösen Atmosphäre lebt. Dass Manches nach derart langer Entwicklungszeit noch unausgereift wirkt, allen voran Kamera und Steuerung, enttäuscht zwar, kann den ansonsten positiven Gesamteindruck dieses außergewöhnlichen, weil einzigartigen Titels jedoch nur bedingt trüben.

Plattform: PS4
Publisher: Sony
krone.at-Wertung: 8/10

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