Fr, 19. Jänner 2018

Konzert-Sternstunde

04.10.2006 19:56

Clapton mit Collins anno 1986

1986, das war das Jahr als ein Tschernobyl-Reaktor kapitulierte, Franz Vranitzky zum letzten Mal Bundeskanzler war und Rapid Fußballmeister. ’86 war aber auch das Jahr, in dem Eric Clapton noch ein kompromissloser Bluesrocker war und Phil Collins noch Haare hatte und seine Musik nicht für bunte Disney-Tierchen schrieb, die in Urwäldern ohne Umweltprobleme wohnen. 1986 war auch ein gutes Jahr am Schweizer Jazzfest in Montreux, denn dort traten die beiden Granden gemeinsam auf. Jetzt, 2006, gibt’s diese musikalische Sternstunde auf DVD.

Phil Collins und Eric Clapton verbindet eine lange Musikerfreundschaft, die schon über 25 Jahre währt. Die beiden halfen sich noch ganz am Anfang ihrer Karrieren mit Studiosessions aus und spielten bis in die späten 90er hinein mehrere Allstar-Konzerte für einen guten Zweck – darunter auch das sehr empfehlenswerte „Music for Montserrat“

In Montreux war Phil Collins teil der Clapton-Band, zusammen mit Ausnahmebassist Nathan East – um den sich die beiden bei der Zusammenstellung ihrer Tourbands jetzt noch kloppen – und Keyboarder Greg Phillinganes. So, wie sie damals spielten, wird man die beiden heute nicht mehr erleben: Eng zusammen gestellt auf einer kleinen Bühne nur mit Comics von Keith Haring dekoriert, ohne Treppen, besonders geartete Lichteffekte, Videowall oder gar Podeste. Denn sogar der kleine Phil sitzt mit seiner Trommelburg fast am Boden.

Für eine 20 Jahre alte Aufnahme haben die Ingenieure den Ton auf der DVD außerordentlich gut hinbekommen, die Bildqualität ist anno 1986, was die Aufnahme aber irgendwie authentischer macht und es hat was für sich, wenn die glänzenden Stimmwirbel auf Claptons Strat schillernde Leuchtstreifen durchs Bild ziehen. Die Audiospuren stehen in PCM Stereo, Dolby Digital 5.1 und DTS-Surround zur Verfügung und bieten da wie dort exzellenten Ton ohne Unterschlagungen, was vor allem bei einer Vier-Mann-Band extrem wichtig ist. Extras, Trailer oder eine Zusatz-Doku gibt es keine, dafür 114 Minuten Clapton pur und ein dreiseitiges Booklet mit interessanten Hintergrundinformationen.

Dort steht zum Beispiel drin, dass Clapton für dieses Spezialkonzert Steve Lukather von TOTO an der Rhythmusgitarre haben wollte. Den zweiten Gitarristen hat er dann ganz weggelassen, womit die DVD noch um eine Klasse besser wird, da man Clapton selten bis gar nicht auf sich allein gestellt in einem Bandgefüge erlebt. Beim Montreux-Konzert wird einem klar, was dieser Typ drauf hat, wenn er da „Layla“, „Same Old Blues“ oder „Further On Up The Road“ ohne fremde Unterstützung von den Saiten lässt.

Die Montreux-Setlist umfasste alle bis dahin bekannten Clapton Hits. Insgesamt 16 Songs (für die komplette Auflistung siehe unten) reißen die vier schwitzend und rauchend – Clapton klemmt sich in alter Jimi-Hendrix-Manier seinen Tschik zwischen die Saiten auf der Kopfplatte – herunter. Und weil er schon mal Phil Collins da hatte, spielten sie auch „In The Air Tonight“, wobei hier Collins die Gesangsparts übernahm und am Ende eine dieser furiosen Powerdrumming-Gesangs-Orgien hinlegte, die er heute noch so gekonnt wiederholt.

Fazit: Diese DVD ist ein Muss für Clapton-Fans. Wer sich ohnehin überlegt, ein Clapton-Konzert fürs Wohnzimmer zu kaufen, dem sei gerade hierzu geraten. Im Vergleich zu den bisher erhältlichen Titel wie „Live in Hyde Park“ ist dieses Konzert um Längen besser und auch akustisch weitaus interessanter. 1986 war ein gutes Jahr in Montreux, 2006 ist ein gutes für Clapton-Fans. Sein neues Album, "The Road To Escondido" gemeinsam mit J.J. Cale kommt übrigens am 7. November!

10 von 10 nostalgischen Konzert-Momenten

Christoph Andert

DIE TRACKLIST
Crossroads
White Room
I Shot The Sheriff
I Wanna Make Love To You
Miss You
Same Old Blues
Tearing Us Apart
Holy Mother
Behind The Mask
Badge
Let It Rain
In The Air Tonight
Cocaine
Layla
Sunshine Of Your Love
Further On Up The Road

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