Do, 19. April 2018

Ehrgeiziges Projekt

24.11.2016 17:03

"Wir lassen kein Kind zurück"

18 Millionen Menschen leben im deutschen Bundesland Nordrhein-Westfalen. Die dortige Landesregierung hat sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Kein Kind soll zurückbleiben, alle sollen mit denselben Chancen ins Leben starten. Erste Erfolge stellen sich ein. In der Steiermark soll nächstes Jahr ein ähnliches Projekt starten. Eine Delegation hat sich vor Ort Inspiration geholt.

Deutsche Gründlichkeit beginnt mitunter schon im Wochenbett. Im Katharinenhospital der Kleinstadt Unna besucht Familienhebamme Anke Markmann die jungen Mütter, klärt sie über Hilfen und Beratungen auf - und erfährt dabei, wo das Kind ein schwieriger Start ins Leben erwartet: Wenn etwa die Frau auf sich allein gestellt, die Beziehung mit dem Vater problematisch oder die finanzielle Not groß ist.

Markmann ist ein kleiner Baustein in einem großen Projekt: "Kein Kind zurücklassen" hat sich das einwohnerstärkste deutsche Bundesland Nordrhein-Westfalen (NRW) 2012 zum Ziel gesetzt - vorerst in 18 Kommunen, jetzt wird auf 40 ausgedehnt. "Armut soll nicht von Eltern auf ihre Kinder vererbt werden. Allen Kindern sollen Chancen eröffnet werden, von der Geburt bis zum Eintritt ins Berufsleben. Es darf keine Lücken geben", umreißt Familienstaatssekretär Bernd Neuendorf die hehre Zielsetzung.

"Erdmännchen" werden in Schule versorgt
Erste Erfolge sind vorzuweisen, etwa das Hannibalviertel in Dortmund. 65 Prozent Migrantenanteil, dicht besiedelt, quasi kein Grün. Bei einem Ausflug haben die Kleinen vor Aufregung geschrien, als sie einen Wald sahen, wird erzählt. Sprachkurse, Elterntreffs, Kinderstuben, in denen Tagesmütter Unter-Dreijährige betreuen: Viel wird nun getan, und es geht wieder aufwärts.

Ausgangspunkt war die hochengagierte Grundschule Kleine Kielstraße. Dort werden zum Beispiel im Untergeschoß 40 "Erdmännchen" versorgt, das sind junge Geschwister von Schülern, die ansonsten keine Betreuung hätten. "Und ich habe eine Warteliste", sagt Schulleiterin Gisela Schultebraucks. Sie kann auf stolze Zahlen verweisen: Obwohl bei 86 Prozent ihrer Schüler zuhause nicht deutsch gesprochen wird, schafft es fast die Hälfte ins Gymnasium.

"Chance der Kinder soll nicht von Adresse abhängen"
Groß ist der Hilfsbedarf auch in Gelsenkirchen. Nirgendwo sonst in Deutschland ist Kinderarmut so verbreitet. Die Stadtverwaltung hat anhand vieler Daten (Schuluntersuchungen, Migrantenanteil usw.) erhoben, in welchen Vierteln Kindern besonders bedroht sind zurückzubleiben - und steuert dort mit Maßnahmen wie einem für alle offenen Familienbüro entgegen. "Es ist unerträglich, dass die Chancen der Kinder noch immer von der Adresse der Eltern abhängen", sagt Oberbürgermeister Franz Baranowski.

Steiermark plant ähnliches Projekt
Vorarlberg und Niedersachsen sind erste Nachahmer des großen Projekts in Nordrhein-Westfalen. In dieser Woche war auch eine steirische Delegation vor Ort, mit SP-Bildungslandesrätin Ursula Lackner, Beamten und Vertretern von einigen Gemeinden. Klar wurde: Im Vergleich zum Ruhrgebiet ist die Steiermark eine wahre Insel der Seligen, doch die Probleme sind - zumindest im Kleinen - da und Lösungen dringend gefragt.

"Wir müssen offen sagen: Viel mehr Geld werden wir künftig nicht zur Verfügung haben. Wir müssen uns und die vielen vorhandenen Angebote daher besser vernetzen", sagt Lackner. Bis zum Frühjahr 2017 soll es ein klares Bekenntnis der Landesregierung zu einem ähnlichen Projekt geben, dazu eine Dachmarke und bis zu zehn Pilotgemeinden, "die Kinder in den Mittelpunkt stellen und Systeme neu denken", meint Lackner. Möglicherweise gleich vom Wochenbett an…

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