Mi, 22. November 2017

Volle Stadthalle

22.11.2016 00:32

Würzig und agil: Red Hot Chili Peppers in Wien

Seit Wochen war das Wiener-Stadthallen-Konzert der Red Hot Chili Peppers ausverkauft - und das, obwohl ihr Auftritt letzten Juni beim Nova Rock in die Kategorie "verzichtbar" eingeordnet werden konnte. Anthony Kiedis, Flea und Co. zeigten sich in Wien aber meist von einer guten Seite und lieferten eine bunte Rock-Performance, bei der die positiven Seiten deutlich überwiegten.

Ein bisschen Zittern in den Knien durfte man haben, bevor sich die Stadthallen-Tore am Abend für eines der größten Herbst-Konzerte Wiens öffneten. Die Funk-Rocker Red Hot Chili Peppers haben sich angesagt, doch bei den letzten Österreich-Auftritten bekleckerte sich die Kultband aus Kalifornien nur selten mit Ruhm. Als größter Headliner der diesjährigen Nova-Rock-Saison ließen sie ihre Fans mit ungläubigem Staunen zurück. Die fulminanten Lichteffekte konnten weder Kiedis‘ Textaussetzer, noch die hagere Bühnenperformance übertünchen. Auch vom letzten Stadthallen-Gig anno 2011 erzählen Zeitzeugen mit Schaudern - keine guten Voraussetzungen für einen paralysierenden Abend voller Hits.

Maue Stimmung
Glücklicherweise sind die lahmen Schoten aber rechtzeitig feurig geworden und zeigen sich vor ausverkauftem Haus in überraschend guter Verfassung. Rund 105 Minuten lang zaubern die Amerikaner ein buntes Potpourri aus gut 30 Jahren Bandgeschichte aufs Parkett und überraschen dabei mit einer stimmig zusammengestellten und keineswegs nur auf große Hits bedachten Setlist. Das wiederum überfordert viele Anwesende, denn richtig gute Stimmung kommt nur bei den Top-Hits auf. "Californication", bereits tief im letzten Konzertdrittel verankert, sorgt für einen ersten Schwall an Begeisterungsstürmen, beim Klassiker "By The Way" und dem abschließenden "Give It Away" brandet noch einmal unbändiger Jubel auf - ansonsten kann man von einer intimen Show im opulenten Rahmen sprechen.

Die Stadthallen-Bühne wirkt für das um zwei Zusatzmusiker am Piano und an den Keyboards verstärkte Stammquartett ohnehin viel zu groß. Auf ein wuchtiges Bühnenbild verzichten die Chili Peppers bewusst - Will Ferrell-Look-A-Like Chad Smith thront mit seinem Drumset im Zentrum des Geschehens, wird von ein paar Verstärkerwänden flankiert und lässt sich von den vier hinter ihm befindlichen Videowänden bestrahlen. Das A-ha-Erlebnis kommt aus der Luft: Mehrere hundert, in verschiedenen Farben und Formationen schwebende Leuchtröhren garantieren ein intensives, visuelles Erlebnis, das des Öfteren von Kiedis‘ schiefer Stimmlage ablenkt.

Fit und fidel
Denn auch wenn Sound, Zusammenspiel und Motivation passen, gesanglich sind und bleiben die Kalifornier im biederen Durchschnittssegment. Der sich erneut mit Textzettel behelfende Frontmann tut sich vor allem in den hohen und lang gezogenen Momenten schwer, mit dem instrumentalen Rhythmus und einem angenehmen Stimmtimbre mitzuhalten. Dass er wie ein Gummiball über die Bühne springt ist dabei auch nur ein schwacher Trost. Der körperlich immer noch topfitte 54-Jährige reißt sich nach "The Adventures Of Rain Dance Maggie" das Shirt vom Leib und Kollege Michael "Flea" Balzary, der wohl berühmteste Bassist der Rock-Gegenwart, läuft vor dem Zugabenblock sogar im Handstand über die Bühne. Eine bewundernswerte Fitness angesichts des nicht immer koscheren Lebensstils der Protagonisten.

So dünn Kiedis gesanglich performt, so dicht und gut eingespielt ist die Instrumentalfraktion. Flea und Gitarrist Josh Klinghoffer setzen ein ums andere Mal zum fröhlichen Jam an und duellieren sich auf hohem Niveau. Während Flea als Rampensau für die (oft notwendige) Publikumsanimation zuständig ist, springt und grätscht Klinghoffer eher introvertiert Richtung Drumset, beweist aber über die volle Spielzeit souverän, dass er ein mehr als würdiger Nachfolger für den oft vermissten John Frusciante ist. Die vielen James und partiell eingebauten Soli bringen aber auch mit sich, dass die Band etwa zwei Songs dafür opfern muss. Eine zwiespältige und wenig zufriedenstellende Angelegenheit.

Old-School-Highlight
Klassiker wie "Sick Love", "Under The Bridge", "Suck My Kiss" oder "Snow (Hey Oh)" bekommt das Publikum in Wien gleich gar nicht geliefert. Für perfekt choreografierte und überraschungsarme Shows waren die Chili Peppers noch nie bekannt und das bringt nun einmal mit sich, dass nicht jeder "seinen" Song serviert bekommt. Die Auswahl lässt dennoch wenig zu wünschen übrig. "Around The World" und "Dani California" nach dem eher zähen Jam-Intro sind solide Klassiker, das melancholische "Goodbye Angels" sorgt für einen angenehmen Ruhemoment, "I Could Have Lied" beweist sich als verkannte Perle und das mit enormer Power und Liebe zum Funk zelebrierte "Blood Sugar Sex Magik" ist der eigentliche Höhepunkt der Show.

Die Red Hot Chili Peppers schaffen es somit, die vielleicht beste Österreich-Show seit Ewigkeiten abzuliefern. Auch wenn der familiäre Teamspirit nur selten aufblitzt und sich die Band des Öfteren in ihrer eigenen Frickelei verzettelt, absolvieren die Kalifornier eine souveräne und in keiner Phase redundante Show. Dass sie in diesem Leben nicht mehr zu den besten Livebands aufstoßen, das wissen mittlerweile auch langjährige Die-Hard-Fans, doch wenn Spielfreude und Motivation auf diesem Level bleiben, werden der reichhaltigen Legende noch weitere Kapitel hinzugefügt werden können. Auch dank der live hervorragend funktionierenden Song-Neulinge "Dark Necessities" und "Go Robot", die ihre Entfaltung in diesem Segment besser entfachen, als auf dem aktuellen Album "The Getaway".

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