Sa, 18. November 2017

„Viele schämen sich“

29.10.2016 09:33

Jeder siebente Österreicher ist von Armut bedroht

Österreich zählt zu den reichsten Staaten der Welt - kaum ein Land, in welchem das soziale Netz enger gespannt wäre. Und dennoch ist die Armut allgegenwärtig. 1,18 Millionen Menschen sind armutsgefährdet, knapp 400.000 von diesen leben in akuter Not. Vielen bleibt nur der Weg zur Caritas.

Jeder siebente Einwohner Österreichs ist armutsgefährdet. Das Leben der Betroffenen gleicht einem finanziellen Balanceakt, ihr Einkommen reicht gerade einmal für das Nötigste. Ein kleiner Schubser genügt, und schon droht der Fall in die Armut: ein persönlicher Schicksalsschlag, gesundheitliche Probleme oder auch nur ein Auto, das den Geist aufgibt.

Jeder Fall ist individuell, viele haben jedoch einen gemeinsamen Nenner: Die Armut in Österreich ist tendenziell weiblich, und sie gebärt viele Kinder. 476.000 der armutsgefährdeten Menschen sind Frauen, knapp 300.000 Kinder und Jugendliche leiden unter einem Leben am Existenzminimum.

Das eigentliche Drama aber verbirgt sich hinter diesen Zahlen: Armut ist vererbbar. Wer in prekären Verhältnissen aufwächst, ist durch die materiellen Einschränkungen meist auch in seinen Möglichkeiten beschränkt. Die Konsequenz: Aus armen Kindern werden arme Erwachsene. Ein Teufelskreis, den sich eine solidarische Gesellschaft nicht leisten darf und angesichts der demografischen Entwicklung auch aus ökonomischen Gründen nicht leisten kann.

Doch wie diesen durchbrechen? Für Judit Marte-Huainigg, Sozialpolitik-Expertin der Caritas, ist ein Umdenken in der Bildungspolitik der Schlüssel: "Was eine Familie nicht leisten kann, muss die Öffentlichkeit leisten. Vor allem in der Kinderbetreuung bedarf es neuer Prämissen. Es geht nicht nur darum, das quantitative Angebot zu steigern, vor allem müssen wir auch massiv in die Qualität investieren."

"Oftmals schämen sich die Betroffenen"
Wer arm ist, schreit nicht laut auf, er ist leise und versteckt sich. Der Vorarlberger Michael Natter, Fachbereichsleiter der Caritas-Sozialberatungsstelle in Dornbirn, weiß, wie viel Überwindung es kostet, um Hilfe zu bitten: "Die Betroffenen schämen sich und tun sich meist sehr schwer, über ihre Armut zu reden." Wer aber um Unterstützung ansucht, bekommt sie - auf unterschiedlichste Weise - meist gewährt. Verwalter der Armut will die Caritas aber nicht sein - Ziel ist, die Betroffenen über eine Vielzahl an begleiteten Angeboten in ein selbstbestimmtes Leben zurückzuführen.

Der Vorarlbergerin Emel Kenes ist dies gelungen. Über viele Jahre war sie als Mutter und Hausfrau gebunden, dementsprechend schwer fiel ihr der Weg zurück ins Arbeitsleben. Mangelnde Ausbildung, fehlende Berufserfahrung, fortgeschrittenes Alter - das Etikett "unvermittelbar" war ihr rasch umgehängt. Doch dank des Wiedereinstiegsprogramms der Caritas hat sie es geschafft. "Ich habe mir sogar meinen Traum erfüllt und eine Lehre abgeschlossen", berichtet sie mit hörbarem Stolz, "und vor allem habe ich an Selbstvertrauen gewonnen!" Seit zwei Jahren arbeitet sie in Rankweil in einer Filiale der Bäckerei Mangold, längst ist sie unverzichtbar geworden. Die Armut mag viele Menschen gefangen halten, aber es gibt sehr wohl ein Entkommen.

"Reformieren statt diffamieren" fordert Caritas-Präsident Michael Landau im Interview mit der "Krone":

"Krone": Herr Präsident Landau, in Österreich sind 1,18 Millionen Menschen von Armut bedroht. In der öffentlichen Debatte dominieren allerdings andere Themen. Warum?
Michael Landau: Armut ist generell kein Thema, über das gerne gesprochen oder im Freundeskreis auf Facebook diskutiert wird. Auch unsere Politiker vergessen bei ihren aktuellen Rechenbeispielen rund um geplante Kürzungen und Deckelungen bei der Mindestsicherung oft, worum es eigentlich geht: nämlich um Frauen, Männer und Kinder, sie sich von einem Monat zum nächsten sorgen und abmühen. Die Mindestsicherung gehört zwar reformiert, aber nicht diffamiert! Die Politik sollte sich weit wichtigerer Themen annehmen.

Und diese wären?
Erstens: Arbeitsplätze schaffen, von denen man auch leben kann - für 297.000 Menschen in Österreich gilt dieser einst selbstverständliche Grundsatz nämlich nicht mehr. Zweitens: leistbaren Wohnraum schaffen. Die hohen Kosten für Wohnen, Heizen, Energie bewegen viele Menschen in unserem Land. Sollen wir uns wirklich damit abfinden, dass 220.000 Menschen in Wohnungen leben, die sie nicht angemessen warmhalten können? Und nicht zuletzt gilt es, Kindern aus sozial schwachen Familien faire Chancen - vor allem auch im Bereich der Bildung - zu ermöglichen.

Sie haben jene Menschen angesprochen, die trotz Erwerbsarbeit armutsgefährdet sind. Wie lässt sich dieses strukturelle Defizit beheben?
Es bedarf neuer Rahmenbedingungen: Die Lohnnebenkosten müssen gesenkt und Beschäftigungsanreize für Unternehmen geschaffen werden. Und es muss einen erweiterten Arbeitsmarkt für all jene geben, die auf dem regulären nicht Fuß fassen können.

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