Di, 21. November 2017

Skandale faszinieren

16.10.2016 06:00

Peinliche Promi-Tussis völlig neben der Spur

Ein neues Buch geht dem Phänomen der peinlichen Promi-Tussis nach, die immer wieder mal gerne aus der Rolle fallen. Sie nerven uns - und trotzdem schauen wir ihnen ständig fasziniert zu.

Wenn weibliche Promis aus der Rolle fallen, gehen die Bilder schnell um die Welt: Miley Cyrus torkelt vollgepumpt mit Margaritas aus einem Lokal. Lindsay Lohan wird, von Drogen gezeichnet, ins Gefängnis geführt. Britney Spears rasiert sich im Wahn eine Glatze. Kate Moss sackt im Auto zusammen und keiner würde vermuten, dass es sich hier um ein Topmodel handelt. Courtney Love, Paris Hilton, Kim Kardashian, Tara Reid - die Liste der angefeindeten Celebrities ist lang.

Stets wallt dann die Empörung hoch, vor allem auf Facebook, Twitter & Co. Kein noch so großer Erfolg hätte diesen Stars und Sternchen auch nur annähernd so viel Aufmerksamkeit gebracht wie ihr schlechtes Benehmen. Wir lieben es, ungezogene Tussis hassen zu dürfen.

Bestseller "Trainwreck" beschäftigt sich mit Phänomen
So jedenfalls beschreibt es die US-Autorin Sady Doyle in ihrem neuen Beststeller "Trainwreck". Der Begriff (auf Deutsch: Zugsunglück) hat sich in den USA für Frauen eingebürgert, die sich in der Öffentlichkeit katastrophal danebenbenehmen - in Anlehnung an die gleichnamige Filmkomödie (lief bei uns unter dem Titel "Dating Queen"), in der Amy Schumer eine hysterische Großstadt-Tussi spielt, die ständig zu dick aufträgt und auf Partys lautstark nervt.

Aber warum fasziniert uns das Phänomen derart, dass schlaue weibliche Geschöpfe ein Geschäft aus der peinlichen Selbstdarstellung machen konnten? Und warum können wir beim besten Willen nicht wegschauen, wenn wir sie scheitern sehen?

Weil sie mit diesen Auftritten gegen gesellschaftliche Stereotype rebellieren, meint Sady Doyle. Auch im Zeitalter der Emanzipation hegen wir immer noch unbewusst strenge Vorstellungen, wie Weiblichkeit auszusehen hat. Genau dagegen wehren sich eben jene Frauen, die Doyle in ihrem Buch beschreibt, wenn sie immer wieder einmal zu laut, zu nackig, zu betrunken, psychisch zu unstabil, zu aufgekratzt sind.

Sind das die neuen Heldinnen der Feministinnen?
Doyles Buch hat in den USA bereits eine heftige Debatte ausgelöst. Ausgerechnet die reiche und berühmte Tussi mit dem Hang zum Exzess soll die neue Heldin der Feministinnen sein? Aber ja doch: "In ihrer Verletzung akzeptierter gesellschaftlicher Codes (…) ist sie auch eine beeindruckende Kraft kultureller Subversion", schreibt Doyle und nennt auch historische Beispiele, wie die heroinsüchtige Jazzsängerin Billie Holiday oder die rebellische Schriftstellerin Charlotte Brontë.

Außerdem: Dass wir uns an diesen Tabuverletzungen weiden, zeige doch, wie patriarchal die Gesellschaft noch ist. Wenn einer Frau nach zu viel Champagner der Busen aus dem Kleid schlüpft, blitzen sofort die Kameras. Wenn männliche Stars im Suff die Hose verlieren, dreht sich keiner um. Männliche Trash-Promis, die deshalb berühmt werden, weil sie so peinlich sind, gibt es nur sehr wenige.

Genau deshalb wünscht sich Doyle ein realistischeres Frauenbild, denn "Frauen sind weder ein Symbol für übermenschliche Tugend noch für alles, was abstoßend und kaputt ist. Sie sind gar kein Symbol, sondern einfach nur sie selbst." Das freilich manchmal mit mehr Erfolg, manchmal mit weniger.

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