Mi, 22. November 2017

Alen R. vor Gericht

21.09.2016 06:05

Todeslenker „gehört ein Leben lang eingesperrt“

Wie schnell sich die Stimmung doch trüben kann. Erst am Sonntag kam die halbe Steiermark zum "Aufsteirern" nach Graz und feierte ein rauschendes Fest. Seit Dienstagfrüh wird das große Trauma der Stadt, die Amokfahrt vom 20. Juni 2015, bei Gericht verhandelt. Was dort geredet wird, lässt kaum jemanden kalt.

Es ist ein trüb-feuchter Morgen in der Conrad-von-Hötzendorf-Straße. Dutzende Polizisten und Security-Beamte wie auch Kamerateams tummeln sich vor dem Haupteingang des Grazer Gerichtsgebäudes. Aber der Andrang ist nicht so riesig wie erwartet. Außer den Akkreditierten stellen sich nur rund 50 Leute an, um die Verhandlung per Videoübertragung zu sehen. Sicherheitsleute kassieren die Handys: Aufnahmen verboten!

Drinnen ist es gemütlich, fast wie im Kino. Auf der Leinwand eine reichlich spartanische Inszenierung, der Verhandlungssaal in der Totalen: billige Tische, laut scharrende Stühle, Menschen in schwarzen Anzügen, die lungern und warten.

Mit etwas Verspätung wird der "Betroffene" hereingeführt. Der Richter erfragt die persönlichen Daten und landet gleich eine Pointe: "Vorstrafen?" "Nein." "Na, denken S' noch amal nach." Da wird sogar gekichert im "Kino". Ist es Anspannung, die sich entlädt?

"Täter ist ein Mysterium, das fasziniert"
Sicher, denn eigentlich ist niemandem zum Lachen zumute, auch wenn die "Kiebitze" aus den unterschiedlichsten Motiven da sind. Ein Mann aus Schwaben in Deutschland war zum "Aufsteirern" in Graz. Er ist geblieben, um sich "das einmal anzusehen. Ich halte das für maßlos übertrieben, diesen Rummel wegen eines Geisteskranken. Prozess schön und gut, aber wozu die Maschinenpistolen vor der Tür?"

Extra aus Hamburg ist ein junger Filmemacher angereist, er möchte etwas über den Prozess drehen. "Der Täter ist ein Mysterium. Natürlich fasziniert das, auch wenn wir ihn selbst ja gar nicht zeigen dürfen."

"Ich muss diesen Mann einmal sehen"
Ganz und gar keine Sensationslust verspürt hingegen eine Frau, die still und ernst auf dem Gang steht. "Meine Tochter wurde in der Herrengasse niedergefahren und schwer verletzt", erzählt sie. Heute könne sie schon wieder ein bisschen gehen, sitze aber die meiste Zeit im Rollstuhl. "Sie ist 21, hat studiert. Die Amokfahrt hat sie aus ihrem Leben gerissen." Jetzt, wo der Prozess in den Medien sei, reiße alles wieder auf. "Meine Tochter hat die ganze Nacht geweint. Sie wollte nicht, dass ich herkomme, aber ich muss einmal diesen Mann sehen." Hoffentlich hilft es ihr, das Trauma zu verarbeiten.

Wie schwierig das ist, weiß Edwin Benko, der Leiter des Kriseninterventionsteams. Er hat Opfer und Angehörige nach der Wahnsinnstat betreut. Für sie sei es wichtig, dass es eine eindeutige Schuldzuweisung gebe, diktiert er in die Kameras. Genau das dürfte aber schwierig werden. Gutachter stuften Alen R. als unzurechnungsfähig ein - und damit als nicht schuldfähig.

"Diese Ausreden sind lächerlich"
Gleich am Beginn bestreitet er seine bösen Absichten. Er sei auf der Flucht gewesen, habe die Kontrolle über das Auto verloren - Behauptungen, die die Menschen auf den Straßen empören. "Diese Ausreden sind lächerlich", spricht eine Dame in der Herrengasse Klartext. "Ein Trauma ist keine Entschuldigung für so eine Tat. Der gehört ein Leben lang eingesperrt. Sonst gibt's in Graz einen Aufstand."

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