Mo, 20. November 2017

„Krone“ vor Ort

27.08.2016 16:45

Nach Beben 2009: L‘Aquila - die ewige Baustelle

Manche Wunden heilen nie! Während in Amatrice nach dem Horrorbeben die Aufräumungsarbeiten weiterlaufen, begab sich die "Krone" auf Lokalaugenschein nach L'Aquila: Hier kam es 2009 zur Tragödie - aufgebaut ist bisher wenig...

Es ist brütend heiß Ende August in L'Aquila. 30 Grad zeigt das Thermometer an, der Asphalt flimmert. Beim Blick auf die Stadt hebt sich schon von Weitem gleichsam eine Armada an Baukränen vom historischen Zentrum ab. 20 oder mehr der gigantischen Bauwerkzeuge müssen es sein - und sie ragen wie gelbe Mahnmäler in den Spätsommerhimmel.

Rom gilt bekanntlich als Ewige Stadt Italiens, L'Aquila gilt mittlerweile als die ewige Baustelle unseres Nachbarlandes. Mehr als sieben Jahre ist es nun her, dass am 9. April 2009 ein Beben die Hauptstadt der Abruzzen heimsuchte und vieles dem Erdboden gleichmachte: 309 Menschen verloren damals ihr Leben. Etliche Gebäude stürzten ein. Wiederaufgebaut sind bisher nur die wenigsten.

Und jetzt am Mittwoch die Katastrophe nur wenige Kilometer entfernt in Amatrice. Viele der leidgeprüften Bewohner dachten, dass sich der Albtraum wiederholt. Denn auch in L'Aquila zitterte wieder alles wie wild - von der großen Tragödie wie damals sollte man diesmal zum Glück aber verschont bleiben. Die Angst bleibt.

"Wir leben ständig mit der Ungewissheit"
"Wir leben ständig mit der Ungewissheit. Auch 2009 gab es immer wieder Nachbeben, zwei Jahre lang hat uns das fast täglich begleitet", verrät Hotelmitarbeiterin Flavia der "Krone".

Die 33-Jährige denkt trotzdem positiv, liebt ihren Heimatort über alles. Nie würde sie von hier wegziehen wollen.

Das frühere Touristenviertel gleicht heute einer Geisterzone. Vom berühmten "dolce vita" ist hier nichts zu spüren. Aufgerissene Straßen, wohin das Auge reicht, dazwischen Ruinen, umringt von Mischmaschinen und Absperrbändern. Sogar der Piazza Duomo, der historische Domplatz der 70.000-Einwohner-Stadt, ist noch immer eine Baustelle.

Geschäfte, Märkte oder eine Trattoria? Fehlanzeige. Nur vereinzelt haben Kaffeehäuser wieder ihre Pforten geöffnet und bieten Espresso oder Cappuccino an, in den Auslagen aufgestapelte Tramezzini mit Mozzarella und Tomaten oder Thunfisch sollen den ärgsten Hunger stillen.

"Wenigstens geht jetzt langsam etwas weiter"
Durch eine Seitengasse spaziert die hochschwangere Maria Teresa und schiebt einen Kinderwagen vor sich her. Auch sie hat das aktuelle Erdbeben mit den vielen Toten in den umliegenden Ortschaften mitgenommen, die Fassungslosigkeit steht ihr ins Gesicht geschrieben. "Ich habe damals, als bei uns alles zerstört wurde, direkt im Zentrum gewohnt, ich bin danach aber weggezogen und wohne jetzt außerhalb", erzählt sie.

Auf die Frage, warum hier kaum noch etwas fertig renoviert ist, antwortet die 36-Jährige zunächst mit einem hilflosen Blick. Dann zuckt sie fast gleichgültig mit den Schultern - und gibt sogar eine vorsichtig positive Prognose ab: "Wenigstens geht jetzt langsam etwas weiter und die Arbeiten haben begonnen." Sieben Jahre danach.

Italienische Medien berichten wiederum, dass Millionen staatlicher Unterstützung in korrupten Sümpfen versickert sein sollen. Auch die Mafia dürfte ihre Hände nach der Katastrophe im Spiel gehabt und Profit aus dem Leid der Menschen geschlagen haben.

Gedenkplatz für die Opfer des Bebens errichtet
Dort, wo früher ein Studentenwohnheim war und das Leben nur so pulsierte, ist mittlerweile ein selbst errichteter Gedenkplatz geschaffen worden. Auf der Tafel steht: "Für die Kinder der Wissenschaft, weil Wissen immer Leben bedeutet. Für die Studenten, die wir bei dem tragischen Erdbeben verloren haben." Eine Friedhofskerze brennt, ein Rosenkranz wackelt darüber im Wind hin und her.

Wenige Schritte davon entfernt, ist das Bild eines Mädchens auf einer Gitterabsperrung befestigt. Francesa Milani wurde nur neun Jahre alt.

Regelmäßig kommen Überlebende hierher, gedenken, bringen frische Blumen mit. Hier mitten im "centro storico", dem historischen Zentrum, das es einmal war, bevor die Naturgewalten erbarmungslos zugeschlagen haben.

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