Mi, 22. November 2017

„Krone“-Interview

16.08.2016 11:52

Durchstarter Roosevelt: Zeitlos und unsterblich

Der 25-jährige Marius Lauber aus dem beschaulichen deutschen Kleinstädtchen Viersen klingt auf den ersten Eindruck nicht aufregend - unter seinem Künstlernamen Roosevelt und mit Songs wie "Sea", "Fever" oder "Hold On" bringt der einstige Indie-Musiker die Tanzflächenböden der europäischen Clubs zum Glühen. Nun erscheint sein gleichnamiges Debütalbum und verbindet die mondän-moderne Welt des Electro mit der Strahlkraft des 80er-Pop. Wir haben uns mit Roosevelt zusammengesetzt und die kometenhafte Karriere analysiert.

"Krone": Marius, mit deinem Debütalbum "Roosevelt" legst du nun eines der spannendsten Dancepop-Alben des Jahres vor, wobei du aber eigentlich aus der Indie-Rock-Szene kommst.
Roosevelt: Das stimmt schon, vorher war ich in einer sehr gitarrenlastigen Indie-Rock-Band unterwegs. Ich habe damals darauf geachtet, dass ich am Schlagzeug einen Disco-Beat spiele. Durch die dichten Gitarren fiel das damals aber keinem auf. In den letzten beiden Jahren der Band habe ich angefangen, nebenher aufzulegen und da habe ich bereits auf Techno und House gesetzt. Funktionale Club-Musik eben, wo man sich sicher ist, dass die Leute tanzen können. Ich pendelte dann zwischen beiden Welten und 2010/2011 merkte ich, das man auch in einer Band Synthesizer benutzen kann. Man kann ein Dance-Fundament haben und trotzdem Pop-Songs schreiben. Das war aber nur für mich ein krasser Schritt, Synthesizer in Bands einzusetzen ist ja normal. Das haben schon die Talking Heads oder Kraftwerk gemacht. Ich sehe mich auf "Roosevelt" gar nicht so als DJ oder Produzent, sondern mehr als Erschaffer einer bandlastigen Pop-Platte.

"Krone": Bandlastig klingt interessant, denn du hast auf diesem Album eigentlich alles selbst gemacht.
Roosevelt: Im Studio fühlte sich das aber wie eine Bandproduktion an. Ich kam davon ab, nur am Laptop Loops und Samples herumzuschieben, sondern habe wirklich darauf geachtet, nach einer ganzen Band zu klingen. Es war mir wichtig, die Platte organisch klingen zu lassen. Man hört das auch bei den Arrangements, die zur klassischen Pop-Struktur gehen. Das hatte ich vor drei oder vier Jahren noch nicht.

"Krone": Du hast dir das Gespür für Pop-Songs über die Jahre also antrainiert?
Roosevelt: Das Gespür hatte ich schon immer, aber ich war nicht selbstlos genug, es auch durchzuziehen. Durch das Zusammenspielen mit anderen Bands auf Festivals hatte ich Lust, andere Klänge auszuprobieren. Auch von der Performance her wollte ich mich nicht immer hinter Rauch und Nebel verstecken. Ich will als performender Künstler wahrgenommen werden und nicht mehr so stark als Produzent. Das Wort "prominent" ist immer sehr bedeutungsschwanger, aber gerade für das Album machte es keinen Sinn mehr, mich hinter irgendwas zu verstecken.

"Krone": Warum eigentlich Roosevelt? Welchen Hintergrund hat dein Künstler-Alter-Ego?
Roosevelt: Für mich hat das so einen Hintergrund, wie wenn ich Texte schreiben. Ich achte sehr auf Phonetik, wie Wörter klingen und was dabei so mitschwingt. Ich fand den Namen vom Klang her super - eigentlich ist das so einfach. Zudem passt der Name ganz gut zu einer Person, denn viele Namen klingen nach Band - das wollte ich verhindern. Jedenfalls habe ich keine große Anekdote für dich dazu. Der Name hat sich einfach schnell festgesetzt, wie wenn eine gute Songidee auftaucht. Mich interessierte auch immer das US-Amerikanische, das so mitschwingt. Jedenfalls ist es eine historische Person, nach der man sich durchaus benennen kann. So viele gibt es davon ja nicht. (lacht)

"Krone": Das Artwork erinnert vom Bild, der Farbgebung und dem Schriftzug stark an Prince. War er einer der größten Einflüsse für dich als Künstler?
Roosevelt: Der Pop-Appeal war mir auf dem Album wichtig. Ich wollte eine Figur erschaffen, für die ich produziere. Das ist jetzt nicht so esoterisch gemeint, wie es bei Prince war, der eine schizophrene Beziehung zum Künstler hatte. Bei mir geht es eher um das Umschalten in den Zustand des Künstlers Roosevelt. Als Privatperson würde man sich im Studio auch weniger Sachen trauen, die Erschaffung so einer Figur war essenziell.

"Krone": Ist Roosevelt also wirklich eine Kunstfigur, die wenig mit dir selbst als Privatperson gemein hat?
Roosevelt: Das klingt immer so schräg, trifft aber durchaus zu. Es geht in der Popkultur darum Figuren zu erschaffen, die zeitlos und unsterblich sind. Mir hilft das auch auf der Bühne, die Songs zu performen. Ich war früher oft überrascht auf der Bühne zu stehen und fühlte mich nicht immer wohl. Jetzt sieht das doch etwas anders aus und ich bin nicht mehr so nervös.

"Krone": Warum hast du eigentlich alles alleine verfasst? Bist du kein Teamplayer, sondern eher eine Art Diktator?
Roosevelt: Es hat auch damit zu tun, dass es anfangs gar kein Plan war, als Solokünstler durchzustarten. Nach all den Jahren in Bands war das mehr ein Experiment. Was passiert, wenn ich das alleine mache? In einer Band hast du oft Ideen, die in eine total andere Richtung gehen, das konnte ich hier eben verhindern. Ich fand dann Stück für Stück Spaß daran und da wurde mir bewusst, dass ich das forcieren müsste. Es gab erste Live-Auftritte, die erste Single, die erste EP und jetzt eben das Album. Ich wollte mir Zeit lassen, um einen gewissen Sound zu kreieren.

"Krone": Durch das Internet sind viele Songs von dir bereits sehr bekannt und in vielen Clubs der absolute Renner. Hat dich das selbst überrascht, dass das so schnell ging?
Roosevelt: Dass es auch außerhalb Deutschlands funktionierte, war keine Riesenüberraschung, da die Songs beim englischen Label Greco-Roman von Hot Chip herausgekommen sind. Hot Chip waren immer eine dieser Bands, die mir gezeigt haben, dass es natürlich ist, Dance mit Pop zu vermischen. Überraschend war im Endeffekt, dass ich mir leisten konnte, eine Band auf Tour mit zu nehmen und bei Festivals aufzutreten. In solchen Dimensionen habe ich nie gedacht und deshalb war es auch angenehm, einen Schritt nach dem anderen zu machen. Es war nie so das 90er-Jahre-Majorlabel-Ding, dass ich plötzlich vor tausende Leute gestellt wurde. Ich fühle mich durch den langsamen Vorgang einfach sicherer. Manchmal gibt es schon Momente, wo man erst in Ruhe realisieren muss, was da gerade alles abgeht. Das ist oft schon Wahnsinn.

"Krone": Du kommst aus der kleinen Ortschaft Viersen, bist aber mittlerweile sicher in der deutschen Musikmetropole Berlin verankert?
Roosevelt: Ich zog schnell nach Köln, denn das war für mich immer schon die Stadt, in der ich auf Konzerte gegangen bin. Da machten Bands in der Gegend am ehesten Halt. Ich war 2013 ein Jahr in Berlin - auch wegen dem Studio - aber Köln mochte ich schon immer. Es fühlt sich da ein bisschen an wie im Dorf, vor allem im Gegensatz zu anderen Metropolen, wenn ich etwa aus New York, Berlin oder Paris hier wieder zurückkomme. Ich brauche einfach einen gewissen Abstand zu diversen Sachen. Ich picke gerne etwas heraus, bin aber ungern schnell Teil von etwas. Ich mag diese Art von Isolation.

"Krone": Es ist also noch möglich, in Deutschland ein Musiker sein zu können, ohne in Berlin zu wohnen?
Roosevelt: Auf jeden Fall. Nach Berlin zieht man, um Musiker zu werden und in Köln ist man Musiker - das hat unlängst jemand gesagt und das stimmt. Man ist sich bewusst, dass Köln keine schöne Stadt ist und oberflächlich wenig passiert, aber hier sind viele Leute, die einfach machen. Da fühle ich mich sehr wohl.

"Krone": Du hast schon oft betont, dass das Reisen ein schöner und wichtiger Teil deines Jobs ist. Kriegst du dabei auch das Gefühl, dass du vielleicht gerne aus der Kölscher Beschaulichkeit ausbrechen möchtest?
Roosevelt: Mein Ziel war schon immer, in solchen Städten einfach auf Tour zu sein. Wenn ich außerhalb der Tour mal Zeit habe, arbeite ich eh an Musik und da ist mir nicht so wichtig, wo das passiert. In Köln bin ich einfach nicht abgelenkt, das war in Berlin für mich viel schwieriger. Ich denke kaum daran, in eine größere Stadt zu ziehen, sondern sie einfach auf Tour aufzusaugen, um daheim davon inspiriert zu sein während der Arbeit.

"Krone": Du hast heuer schon einen sehr tollen Slot beim renommierten Primavera-Festival in Barcelona gehabt. War das eines deiner größten Karrierehighlights?
Roosevelt: Absolut, ja. Es gab in den letzten zwei Jahren ein paar Momente, wo man schon gerne mal innehält. Beim Primavera haben sie mir echt einen absurd-geilen Slot gegeben - im letzten Jahr war Caribou der letzte Headliner, heuer wir. Nach so einem Festival ist man meist erst einmal leer, aber ein paar Tage später waren wir gleich in Porto und dort auch Headliner. Es war schön, diese Erfahrung noch einmal zu erleben.

"Krone": Und wahrscheinlich kräftig zu networken.
Roosevelt: Ich bin nicht so der Business-Networker, das ist mir meist viel zu stressig. Mir ist schon bewusst, dass man bei einem Reeperbahn-Festival oder in Austin zu Sachen kommen kann, aber wirklich Spaß macht es mir nicht. Ich war nie scharf darauf, mit 1.000 Agenten und Labels zu reden. Das liegt wohl auch daran, dass ich eine gute Heimat habe, dort gut vernetzt bin und mit den Leuten schön zusammenarbeiten kann. Mir geht es drum, andere Bands zu treffen und gemütlich ein Bier zu trinken. Das Wiedersehen anderer Künstler ist immer sehr schön.

"Krone": Ein Majorlabel ist mit Universal bei dir nur im Vertrieb beteiligt. Wäre das für dich und deine Kunst überhaupt interessant und notwendig, bei einem solchen Label fix zu unterschreiben?
Roosevelt: Es gibt Bands, die dort glücklich sind, aber es gibt auch welche, die vom Label vier, fünf Jahre hingehalten wurden, bis das Album rauskam. Ich bin derzeit wahnsinnig glücklich, weil hier alle für meine Musik brennen. Ich kenne die andere Seite nicht und bin derzeit nicht neugierig. Ich hätte einen gewissen Respekt vor so einem Majorlabel, aber es ist schwer, allgemein zu urteilen.

"Krone": Das viele Reisen und Festivalspielen kann auch schnell zu einem Jet-Set-Leben führen, wie es vor allem Künstler aus dem EDM-Bereich kennen. Drei Gigs in drei verschiedenen Städten in einer Nacht. Wäre das auch für dich vorstellbar?
Roosevelt: Eine gewisse Grenze gibt es schon. Gerade die Zeit, wo sich Promotage mit Festivals mischen, sind extrem. Da kommt man gar nie mehr nach Hause. Mich unterscheidet von DJs, dass ich viel zu Hause an Musik arbeite und ich dann oft warte, endlich wieder unterwegs zu sein. Das Album war im März fertig und seit dem Zeitpunkt wartete ich schon darauf, dass es wieder losgeht. Ein Ausgleich ist wichtig und den will ich auch künftig beibehalten. Ich sehe mich selbst ganz klar als auftretender Künstler, aber es muss auch Phasen geben, zuhause zu sein und an Musik zu schrauben. Ich war nie gut darin, im Flugzeug am Laptop Songs zu kreieren, bei mir muss eine Tür zufallen und ich muss meine Ruhe haben. Ich brauche da auch keinen Kontakt zur Außenwelt. Die beiden Extreme machen es aber leichter, sie beide klar zu genießen. Diese Bandbreite passt sehr zu mir.

"Krone": Was ist für dich die Essenz eines guten Disco-Pop-Songs? Was macht ihn zu einem Hit, der die Zeiten überdauern kann?
Roosevelt: Das ist eigentlich schwer zu sagen. Die einzige Limitierung auf der Platte war, dass ich auf das Club-Fundament nicht verzichten wollte. Bei den Indie-Leuten geht es viel mehr darum, cool herumzustehen, aber nicht die Energie zu filtern, die man bei Techno oder House verspürt. Ich wollte diese Energie einfach nicht mehr missen und das hört man schön in der Produktion meiner rhythmischen Parts. Wenn es nicht zu eindeutig ist und zwei verschiedene Welten aufeinanderclashen, dann entsteht meist etwas sehr Gutes. Ein Künstler wie James Blake etwa ist unheimlich interessant, weil er wohlklingende Harmonien auf dem Klavier mit den knarzigsten Electro-Elementen vermischt. Damit erschuf er etwas ganz Neues. Ich versuche - in der Tradition von Arthur Russell - eine gewisse Melancholie in einen tanzbaren Club-Sound zu integrieren. Diese Tradition gibt es aber schon länger, das ist keine Erfindung von mir.

"Krone": Warum haben eigentlich die meisten Pop-Künstler einen so überbordenden Hang zur Melancholie?
Roosevelt: Ich mochte niemals glückliche Songs. Musik ist am Spannendsten wenn Sachen aufeinandertreffen, die offenkundig nicht zueinanderpassen. Es gibt Momente in Clubs, wo die Leute total abgehen, dabei aber die traurigsten Texte dazu gesungen werden. Ich will keine eindeutig-funktionale Tanzmusik machen.

"Krone": Könntest du dir vorstellen, in Zukunft noch experimenteller zu werden?
Roosevelt: Auf jeden Fall. Ich habe meinen Sound gefunden und werde wohl nie eine Metal- oder Minimal-Techno-Platte machen - das Roosevelt-Konzept ist ziemlich gesetzt. Es kann sehr produktiv sein, sich zu limitieren. Es ist schwer, schon jetzt über das nächste Album zu reden, aber ich habe jedenfalls Lust, wieder Grenzen zu verschieben. In welche Richtung auch immer.

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