Mo, 11. Dezember 2017

Meine Geschichte

25.07.2016 10:37

Kleinwüchsig: "Auf Mitleid kann ich verzichten!"

Nina ist 13 Jahre alt und 127 Zentimeter groß. Das Mädchen leidet unter einem Gendefekt. Lesen Sie das Protokoll einer Jugendlichen, die sich ihren Platz in einer viel zu großen Welt erkämpft.

Läuft mein Alltag wie gewohnt ab, dann merke ich nicht, dass ich anders bin. Oder, wie einige sagen, "nicht normal aussehe". Morgens gehe in die Schule, wo mich alle kennen und wissen, was mit mir los ist. Am Nachmittag treffe ich mich mit Freunden oder fahre Waveboard unten auf dem Treppelweg an der Donau.

Aber es gibt auch andere Tage. Wenn ich neues Gewand brauche zum Beispiel. Dann fahre ich mit der Mama und meiner Schwester Ines nach Amstetten ins Einkaufszentrum. Für die Kinder bin ich dort eine Attraktion, die sagen dann: "Mama, was ist denn des?" Doch die Blicke der Kleinen oder ihre Finger, die auf mich zeigen, kränken mich nicht. Mir ist klar, dass die neugierig sind. Ich würde ihnen auch gerne erklären, warum ich so klein bin, kurze Beine und Arme oder einen relativ großen Kopf habe. Aber dazu kommt es nicht.

Die Eltern zerren ihre Kinder vorher von mir weg und zischen oft noch: "Komm, schau da net hin." Sätze wie diese treffen mich schon. Einige Erwachsene stempeln mich anscheinend als armes Mädel ab. Aber auf Mitleid kann ich verzichten!

Es wird weiter jeder Zentimeter zählen
Ja, ich habe einen Gendefekt. Ja, ich bin kleinwüchsig. Ja, ich werde vermutlich nicht größer als 1,37 Meter werden. Ja, ich trage grad eine Schiene, weil meine Beine begradigt werden mussten. Auch weiß ich, dass mich dieses Handicap mein ganzes Leben lang einschränken wird. Ich kann zum Beispiel nicht Friseurin lernen, weil meine Wirbelsäule das viele Stehen nicht aushalten würde. Und es wird dabei bleiben, dass für mich immer jeder Zentimeter zählen wird: Ob bei der Türklingel, die ich erreiche oder eben gerade nicht mehr, oder ob ich es alleine schaffe, mir einen Bildband im Büchergeschäft aus dem Regal zu nehmen. Aber arm bin ich trotzdem nicht!

Wenn man anders ist als die anderen, hat man auch Vorteile. Gleichaltrige, die normal groß sind, haben oft einen ganz anderen Zugang zum Leben. Manchmal habe ich den Eindruck, andere 13-Jährige tun alles dafür, um aufzufallen. Die Burschen machen Blödsinn im Unterricht, die Mädchen posten komische Dinge im Internet. Ich dagegen erhalte Aufmerksamkeit, weil ich bin, wie ich bin. Viele tun alles, um aus der Masse herauszustechen. Dieses Problem habe ich nicht. Ohne meine Kleinwüchsigkeit wäre ich nicht in der Selbsthilfegruppe und hätte so nie meine beste Freundin kennengelernt. Agnes. Sie ist so alt wie ich und auch kleinwüchsig.

Ich träume von einer WG für kleine Leute
Wenn ich mit ihr zusammen bin, bin ich glücklich. Mit ihr lache ich so viel, dass oft der Bauch wehtut. Niemand versteht mich so gut wie sie. Was ich mir für die Zukunft wünsche? Ich träume von einer WG mit Agnes. In Wien. Wir kaufen uns Möbel für kleine Leute, teilen uns die Kosten. Und wenn eine von uns mal traurig ist, dann baut die andere sie wieder auf.

Tipps und Infos:

  • Die Wahrscheinlichkeit eines normalwüchsigen Paares, ein kleinwüchsiges Kind zu bekommen, liegt bei 1:15.000.
  • Via pränataler Diagnostik können Wachstumsstörungen bereits in der Schwangerschaft festgestellt werden.
  • Es gibt über 600 diagnostizierte Formen.
  • In Österreich sind zirka 10.000 Personen von Kleinwuchs (Körpergröße unter 150 Zentimeter) betroffen.
  • Betroffene oder deren Angehörige finden Rat und Hilfe unter www.bkmf.at oder auf www.facebook.com/bkmf.oesterreich.
  • Risikogruppen können im Zentrum für Medizinische Genetik Innsbruck Tests durchführen lassen.

Haben Sie auch ein Schicksal gemeistert und können damit anderen Mut machen? Dann schreiben Sie bitte an: brigitte.quint@kronenzeitung.at

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