Fr, 24. November 2017

Ehepaar erschlagen

18.07.2016 16:54

Familienvater wegen Doppelmordes vor Gericht

Unter großem Medien- und Publikumsinteresse hat am Montag in Linz der Prozess gegen einen 41-Jährigen begonnen, der im Februar in Oberösterreich ein Nachbarehepaar mit einer Eisenstange erschlagen haben soll. Der Schwurgerichtssaal im Landesgericht war voll besetzt. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Vater zweier Kinder Doppelmord vor, die Verteidigung spricht von Totschlag.

Am Dienstag wird der Angeklagte 42 Jahre alt. Seinen Geburtstag wird er wohl nicht wirklich feiern, schließlich muss sich der zweifache Familienvater jetzt wegen Mordes vor Gericht in Linz verantworten. 15 Jahre lang hatten ihn seine Nachbarn immer wieder sekkiert, mit Anzeigen eingedeckt, bei jeder Grillfeier im Garten die Polizei alarmiert.

15 Jahre lang zuckte er nur mit den Schultern und besänftigte seine Frau: "Die reden ja nur blöd daher." Doch am 13. Februar genügte ein kurzer Stupser der Nachbarin, um ihn ausflippen zu lassen. Danach lag das Rentner-Ehepaar auf der Straße: erstochen und erschlagen.

Unbeschreibliche Gewaltorgie
Es scheint unfassbar, wo dieser schmächtige, fast zierliche Mann die Kraft für dieses Verbrechen hernahm. Aber offenbar hatte es in seinem Innersten jahrelang gebrodelt und dann entlud sich die ganze Verzweiflung, der ganze Hass auf das rabiate Nachbarspaar in einer unbeschreiblichen Gewaltorgie.

Roland Haider ist HTL-Absolvent, ein Techniker mit Leib und Seele. Beruflich bereiste er die ganze Welt, verdiente überdurchschnittlich gut und konnte sich bald ein eigenes Häuschen in Leonding leisten. Ausgesucht hat er es nicht wegen des schönen Gartens, sondern wegen der günstigen Lage für die Funkfrequenzen, die er für sein Hobby, das Funken, brauchte. Als sich der introvertierte Technikfreak dann auch noch verliebte, wurde schnell geheiratet. Zwei Kinder krönten das junge Glück.

"Mama, warum bin ich eine Missgeburt?"
Doch die Attacken der Nachbarn nahmen kein Ende: Im Winter wurde Schnee auf sein Grundstück gekippt, im Sommer eine Eibe umgeschnitten, die mitten im Garten stand. Aber weil keiner die Täter gesehen hatte, gab es auch keine Anzeige. Seine Frau wurde - so Anwalt Mauhart in seinem Plädoyer - als "blade Sau" beschimpft, er selber als Giftzwerg, der behinderte Sohn als Krüppel, alle miteinander als Sozialschmarotzer bezeichnet. Eine Zeugin sagte aus, dass die kleine Tochter einmal weinend aus dem Garten ins Wohnzimmer stürzte und fragte: "Mama, warum bin ich eine Missgeburt?"

"Es war wie das Amen im Gebet"
Einmal im Jahr, zu seinem Geburtstag, gab es ein Grillfest mit Freunden. "Es war wie das Amen im Gebet. Um 22 Uhr stand die Polizei vor der Haustür, weil es eine Anzeige wegen Lärmbelästigung gegeben hatte", erzählt der Angeklagte mit fester Stimme im vollbesetzten Schwurgerichtssaal. Und die Nachbarn waren kreativ mit ihren Anzeigen: Einmal stand sogar die Zollfahndung vor der Tür. Der Vorwurf: Er würde seine Oldtimer mit Heizöl fahren.

Nichts davon entsprach den Tatsachen - aber Roland Haider bekam plötzlich Druck aus einer völlig unerwarteten Richtung: Seine Frau litt unter den ständigen Streitereien und Vorwürfen der Nachbarn, zuletzt fürchtete sie wohl ernsthaft um das Leben ihrer Kinder. Und obwohl es eine gute Ehe war, wollte sie nur noch weg, forderte, dass er das Haus verkaufen sollte. "Aber wer hätte uns das Haus bei diesen Nachbarn abgekauft?", fragte er sich noch vor Gericht.

"Nau, deppert, word'n?"
Als er am 13. Februar noch kurz in den nahen Supermarkt ging, passierte das Unvorstellbare. Als ihm die Nachbarn entgegenkamen, wechselte er sogar die Straßenseite - doch die Frau, so sagte er später aus, rempelte ihn mit dem Ellbogen an und fragte: "Nau, deppert word'n?"

Und das brachte offenbar nach 15 Jahren das berüchtigte Fass zum Überlaufen: Erst brachte er das Ehepaar - er 74, sie 72 Jahre alt - mit Schlägen und Fußtritten zu Boden, dort trat er mit seinen Arbeitsschuhen auf sie ein. In seiner Rage holte er sich von einer nahen Baustelle noch eine Stahlstange, mit der er auf seine Opfer einschlug und einstach. Beide Nachbarn verstarben wenig später im Spital.

Haider ließ sich noch am Tatort widerstandslos festnehmen. Er hatte seinen Kopf auf die Arme gestützt und flüsterte nur immer wieder: "Ich war's. Ich hab sie umgebracht. Es tut mir so leid." Er, der seit Jahrzehnten angelt, aber noch nie einen Fisch töten konnte, hat jetzt zwei Menschenleben auf dem Gewissen.

Handelte Angeklagter in "heftigem Affekt"?
Verteidigt wird er von Andreas Mauhart, einem alten Schulfreund. Der Anwalt will anhand des Gutachtens der forensischen Psychiaterin Adelheid Kastner nachweisen, dass der Angeklagte in einem "heftigen Affekt" gehandelt hat. Denn während es bei Mord lebenslang heißen kann, könnte Haider bei einer Verurteilung wegen Totschlags mit fünf bis zehn Jahren Haft davonkommen.

Der Prozess ist für zwei Tage anberaumt und wird am Dienstag - an Haiders 42. Geburtstag - fortgesetzt.

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