Fr, 24. November 2017

krone.at-Reportage

15.07.2016 21:32

Nizza-Anschlag: „Strand ähnelt heute einer Wüste“

Freitag, 9.45 Uhr am Flughafen Nizza. Jedes Gespräch enthält das Wort Attentat. Obwohl es jede Menge Taxis gibt, kommen wir fast nicht ins Zentrum. Die Stadt ist weiträumig abgesperrt. Immer wieder nimmt der Taxler einen neuen Umweg. Versteinerte Miene, er kaut an seinen Nägeln. Im Radio spricht Premierminister Manuel Valls, er erklärt dem Terrorismus den Krieg. Auf den Straßen sehe ich Menschen, die ins Leere starren. Der Schock nach der Terrornacht sitzt tief.

Zwei Däninnen, die gemeinsam Urlaub an der Côte d'Azur machen, erlebten den Anschlag hautnah mit. Ihre Ferienwohnung liegt direkt am Prachtboulevard, über den der Attentäter mit dem Lkw bretterte. Maria, 21, wartete auf ihre Freundin, die den Blumenmarkt besuchte. "Plötzlich brach Panik aus", erzählt sie, "ich habe aus dem Fenster geschaut und gesehen, wie Menschen um ihr Leben laufen." Die Menge schrie, plötzlich waren Schüsse zu hören. "Ich hatte irrsinnige Angst um meine Freundin", sagt Maria. Die zwei Frauen halten einander an der Hand und atmen tief durch. Es fließen Tränen.

An der Promenade sitzt ein Mann mit seinem kleinen Sohn. Der Dreieinhalbjährige fragt, warum heute so wenige Menschen hier sind. "Es gab ein Attentat", sagt der Vater. Doch das Wort versteht der Kleine nicht. Auf einer Bank sitzt eine erschöpfte ältere Dame. Camille, 81, beantwortet gerade den 15. Anruf. Seit 1 Uhr früh rufen Freunde, Familie und Verwandte an. "Es geht mir gut", sagt sie. Immer wieder.

"Als ich runtergehen wollte, raste der Lkw in die Menge"
Plötzlich eine laute Sirene. Eine französische Familie wird von einem Polizeiboot vom Strand verwiesen, aus Sicherheitsgründen. Seit Jahren machen sie Urlaub in Nizza. Heute bleibt der Strand menschenleer. Henry, 69, hatte sich in seinem Hotelzimmer gerade für das Feuerwerk fertiggemacht. "Als ich bereit war, runterzugehn, raste der Lkw in die feiernde Menge hinein."

Direkt neben dem Ort des Terrors liegt ein Kinderkrankenhaus. 39 unschuldige Kinder wurden eingeliefert, mindestens zwei von ihnen haben nicht überlebt. Stephanie Simpson, die Kommunikationsleiterin der Klinik, will mir gerade erzählen, was hier los ist, als BBC anruft und sie zum Live-Interview bittet. Auch sie hat - wie viele Bewohner Nizzas - einer Familie Unterschlupf gewährt.

"Ich war sicher, da ist eine Bombe an Bord"
Aaron, 25, aus Manchester hat den weißen Lkw direkt auf sich zurasen sehen. "Ich war sicher, da ist eine Bombe an Bord", schildert er der "Krone". Er zerrte seinen Freund zu sich auf den Gehsteig - und beide überlebten. Junge Leute auf Scootern seien dem Amoklenker hinterhergefahren, hätten versucht, ihn zu stoppen. Vergebens.

Überall weinen Menschen. Der Sommer, das Meer, die Sonne, und so viel Schock und Trauer in den Gesichtern. Was für eine surreale Welt.

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