Sa, 18. November 2017

Tiefe Trauer in Graz

18.06.2016 08:42

Ein Jahr nach Amokfahrt: „Es begleitet immer“

Auch ein Jahr nach der Grazer Amokfahrt haben die Stadt und ihre Bewohner das Erlebte noch nicht verarbeitet. Zu tief sitzen Trauer, Schock und Wut. Auch die Einsatzkräfte, die am 20. Juni so vielen Menschen zur Seite standen und dadurch Schlimmeres verhinderten, werden diesen Tag wohl niemals vergessen können. "Es begleitet immer", so der steirische Landespolizeidirektor Josef Klamminger.

Für den Landespolizeidirektor wie auch für die gesamte Exekutive in der steirischen Landeshauptstadt war die Amokfahrt sowie deren Aufarbeitung ein "herausragendes Ereignis, das alle Einsatzkräfte und die Politik gefordert hat", blickt Klamminger zurück. Für die Polizei deshalb, weil bisher nicht da gewesene Herausforderungen bewältigt werden mussten: "In Graz gab es bisher keine Amokfahrt dieser Form."

Polizistin: "Alle sind über sich hinausgewachsen"
"Als ich die Toten und das Kind sah, war es furchtbar, aber man muss arbeiten und kann sich nicht in Trauer ergeben", sagt Christine Krenn, die als erste leitende Polizistin nach der Amokfahrt in der Grazer Herrengasse war und für die "Chaosphase" die Koordination übernommen hatte. Kollegin Ursula Auer löste sie als ranghöhere Offizierin ab und erinnert sich: "Alle sind über sich hinausgewachsen. Ich habe nun das Gefühl, es kann nichts mehr kommen, was nicht bewältigt werden kann."

Rotkreuz-Einsatzleiter: "Man weiß nicht, ob der Täter zurückkommt"
Rudolf Reiser war am 20. Juni 2015 als Einsatzleiter für das Rote Kreuz vor Ort: "Es waren sehr viele Ärzte und Sanitäter in der Innenstadt, die wussten, wie das System mit dem Einrichten einzelner Abschnitte funktioniert. Alle haben sich sofort zur Verfügung gestellt und wussten, was zu tun war. Es war gar keine Frage, Gastronomen brachten Getränke und Verbandskästen. Das Café Sacher in der Herrengasse wurde zum Stützpunkt des Kriseninterventionsteams. Das war eines meiner beeindruckendsten Erlebnisse."

Erleichterung sei aufgekommen, als gegen 12.45 Uhr bekannt wurde, dass der Täter gefasst ist. "Es ist ja immer ein Damoklesschwert über einem solchen Einsatz, man weiß ja nicht, ob es sozusagen einen Zweitschlag gibt, ob der Täter zurückkommt."

Bürgermeister: "Tue mir schwer, diesem Menschen zu vergeben"
Der Grazer Bürgermeister Siegfried Nagl wäre beinahe selbst Opfer des Amokfahrers geworden: In der Zweiglgasse hatte Alen R. ein junges Ehepaar gerammt, den Mann getötet, die Frau schwer verletzt, und fuhr weiter. Nur wenige Meter entfernt hatte er den auf seiner Vespa fahrenden Bürgermeister sowie einen Fußgänger anvisiert. Beide konnten sich mit knapper Not retten. Daran werde man immer denken, das bleibe Teil der Lebensgeschichte, sagt Nagl.

Der Bürgermeister zeigt sich auch ein Jahr nach der Tat von dem Zusammenhelfen von Einsatzkräften und Bevölkerung beeindruckt: "Mir war plötzlich klar, wie sehr man sich auf Graz verlassen kann, wenn es wirklich darauf ankommt."

Für den Amokfahrer Alen R. wünscht sich Nagl jedenfalls nur eines: "Ich und ein Großteil der Bevölkerung wollen, dass dieser Mann immer in Gewahrsam bleibt." Aber kann Nagl dem Täter vergeben? "Jemand, der Kinder zu Tode bringt - in dieser Frage wird man auch in seinem Christsein geprüft. Ich tue mir ganz schwer, diesem Menschen zu vergeben."

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