So, 19. November 2017

„Wölfe“ feiern sich

16.06.2016 15:02

Blutbäder live im Web: Die neue Terror-Dimension

"Ich weiß noch nicht, was ich mit ihm machen werde", sagte Larossi Abballa nach der Tötung eines Polizistenpaares nahe Paris über dessen dreijährigen Sohn, den er als Geisel hielt - live auf Facebook. Der Fall zeigt ebenso wie das Orlando-Massaker, bei dem ein IS-Terrorist Dutzende Menschen in einem Nachtclub tötete, dass "einsame Wölfe" gezielt soziale Medien nutzen, um die breite Öffentlichkeit in Echtzeit mit ihren Taten zu konfrontieren. Das verleiht dem islamistischen Terror eine neue Dimension.

Dass der IS soziale Medien nutzt, um Propaganda zu verbreiten und ausländische Kämpfer anzuwerben, ist nichts Neues. Seit Jahren fluten die Dschihadisten Websites wie Twitter mit Fotos und Videos ihrer abscheulichen Taten, schüren so Angst unter ihren Widersachern.

Bisher kamen solche Bilder meist aus dem Bürgerkriegsland Syrien, nicht aus Europa oder den USA. Das hat sich mit dem Attentat Abballas in Paris nun geändert. Der "einsame Wolf" des IS streamte seinen Terrorakt - krone.at berichtete - live aus einem Pariser Vorort, postete Fotos der Getöteten auf seine Facebookseite.

Wollte Abballa Anerkennung anderer Dschihadisten?
Darüber, wen Abballa damit erreichen wollte, kann man nur mutmaßen. Andere Radikale in Frankreich dürften ebenso zu seinem Online-Bekanntenkreis gezählt haben wie Dschihadisten in Syrien. Es ist wahrscheinlich, dass IS-Vertreter seine Videobotschaft verfolgten - ebenso wie schockierte Franzosen, die nicht glauben konnten, was sie da gerade sahen.

Mit seinem Live-Video hat Abballa also zwei Ziele auf einmal erreicht: Es dürfte ihm letzte Anerkennung unter Dschihadisten verschafft und gleichzeitig Europäer in Angst und Schrecken versetzt haben.

"Kostet die Rache des Islamischen Staates"
Auf ganz ähnliche Weise hat Omar Mateen, der in Orlando 53 Besucher eines Nachtclubs erschossen hat, seine Tat auf Facebook glorifiziert. Er streamte seinen Amoklauf zwar nicht live, wie "CNET" berichtet, doch auch er nutzte Facebook, um Angst zu verbreiten.

Unmittelbar vor der Tat soll er gepostet haben: "Ihr tötet unschuldige Frauen und Kinder mit euren Luftangriffen. Jetzt kostet die Rache des Islamischen Staates!" Anschließend eröffnete er das Feuer auf nichts ahnende Partybesucher.

Attentäter getötet, Botschaften trotzdem publik
Beide Attentäter - Abballa in Paris und Mateen in Orlando - wurden nach ihren Terrorakten bei Schießereien mit der Polizei getötet. Ihre Botschaften konnten sie dank sozialer Medien trotzdem verbreiten - und darum dürfte es ihnen auch gegangen sein.

Sie wollten andere radikale Dschihadisten an ihren Taten teilhaben lassen, sich ihre Anerkennung sichern - und weitere "einsame Wölfe" zu solchen Massakern animieren. Mit Facebook, Twitter und anderen Werkzeugen des Social Web haben sie die Mittel dazu - und Ermittler eine Sorge mehr, wenn es um Radikalisierung im Netz geht.

Terror-Postings für Facebook schwer kontrollierbar
Besonders problematisch sind die Postings und Streams der Terroristen für die Betreiber der sozialen Netzwerke. Facebook und Twitter beteuern zwar, hart gegen IS-Propaganda auf ihren Plattformen vorzugehen. Facebook beschäftigt sogar ein Heer philippinischer Billiglohnarbeiter, die das soziale Netzwerk von solchen Inhalten säubern.

Allerdings: Bis diese Zensoren auf IS-Propaganda aufmerksam werden, dauert es seine Zeit. Bei einem Live-Video, das von Beginn an in Echtzeit verfolgt werden kann, ist das zu langsam. Abballa streamte mehr als 13 Minuten lang live aus dem Haus seiner Opfer - mit dem völlig verstörten Kind, das er zum Waisen machte, im Hintergrund.

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