Sa, 18. November 2017

Tempelberg-Attentat

20.05.2016 07:00

ORF will Hofer als Lügner vorführen - und hilft FP

Die Luft ist raus zwischen Norbert Hofer und Alexander Van der Bellen. Denn nach der ausgearteten ATV-Debatte, die sogar für internationale Schlagzeilen gesorgt hatte, zeigten sich die beiden Bundespräsidentschaftskandidaten am Donnerstag im ORF-Duell regelrecht streichelweich - manch einer würde sagen: langweilig. Wirbel kam nur einmal kurz auf, als die Israel-Reise von Norbert Hofer im Jahr 2014 thematisiert wurde. Vor allem FPÖ-Anhänger sind ob des misslungenen Versuchs seitens des ORF, ihren Kandidaten als Lügner vorzuführen, erbost.

Nach der untergriffigen ATV-Debatte hatte ORF-Moderatorin Ingrid Thurnher schon zu Beginn des Duells um "freundliche Disziplin" ersucht. Doch die Sorge um eine mögliche erneute Eskalation war unbegründet, die beiden Kandidaten kamen nicht einmal in die Nähe des Niveaus der entgleisten Konfrontation auf ATV - aber diese war ja auch unmoderiert gewesen.

Beide Kandidaten zeigten sich jedenfalls geläutert, Hofer meinte: "Wenn man zwei Gladiatoren in eine Arena sperrt, kann es schon etwas heftiger werden." Van der Bellen gab zu, dass man sich "nicht besonders präsidentiell verhalten habe": "Es war schon klar, dass das eine Situation ist, die entgleisen könnte. Wenn man dann 'Nein' sagt, heißt es wieder, man drückt sich."

"Der Hustinettenbär wird nicht entscheiden"
Was dann folgte, war eine Wiederholung der bekannten Positionen. Hofer ruderte wieder um seine Aussage herum, er würde im Fall des Falles die Regierung auch entlassen. Auf die Frage von Thurnher, ob am Ende denn er entscheide, ob die Regierung gut oder schlecht arbeite, meinte Hofer patzig: "Ja, wer denn sonst? Der Hustinettenbär wohl nicht."

Van der Bellen schwächelte bei Sicherheitsfragen und seinen Kompetenzen in Sachen Landesverteidigung: "Da überlasse ich die Entscheidungen dem Verteidigungsminister." Auch sonst hielt sich der ehemalige Grünen-Chef bei den wirklich heißen Themen eher im Hintergrund, dafür kam es zu dem einen oder anderen Schlagabtausch zwischen Thurnher und Hofer.

Wirbel um Hofers Israel-Reise
Heftiger wurde es dann, als Thurnher Hofers Israel-Reise im Jahr 2014 ansprach. Denn der FPÖ-Kandidat hatte sich dabei in Widersprüche verstrickt, was einen angeblichen versuchten Terroranschlag auf dem Tempelberg in Jerusalem anging. Unklar ist, ob Hofer tatsächlich in Jerusalem war. In der diesbezüglichen Presseaussendung der FPÖ vom 2. 8. 2014 werden zwar mehrere israelische Städte erwähnt - Jerusalem allerdings nicht.

Doch gerade dort will Hofer unmittelbar Zeuge eines versuchten Terroranschlags geworden sein, bei dem die angebliche Angreiferin ("Sie hatte Handgranaten und Maschinengewehre") erschossen worden sei. Der ORF zeigte daraufhin ein kurzes Interview mit einem israelischen Polizeisprecher, der bestritt, dass es zum besagten Zeitpunkt einen solchen Vorfall gegeben habe.

Hofers Reaktion hier im Video:

Unbewaffnete Frau angeschossen
Israelische Medien berichteten tatsächlich von einem Vorfall mit einer ultraorthodoxen Jüdin, die am Abend des 30. Juli am Eingang zur Klagemauer von der Polizei angeschossen worden war, nachdem sie sich einer Sicherheitsanweisung widersetzt hatte. Die Frau war unbewaffnet.

Ein YouTube-Video zeigt den Polizeieinsatz:

Hofer reagierte auf die ORF-Recherche jedenfalls alles andere als souverän: "Wenn jetzt wirklich hier versucht wird, mir zu unterstellen, ich hätte die Unwahrheit gesagt, dann werde ich mich wehren!" Und weiter: "Da sieht man wieder einmal die Objektivität des ORF."

Armin Wolf: "Das ist kein ORF-Skandal"
Nach dem Kandidaten-Duell bezeichnete in der "ZiB 2" Anchorman Armin Wolf die Tempelberg-Diskussion als den "spannungsgeladensten Moment" der TV-Debatte. Auf seiner Facebook-Seite nahm er ausführlich Stellung zur Causa und verteidigte die Version, die im ORF zu sehen war - nämlich, dass tatsächlich eine Frau, eine ultraorthodoxe Jüdin, bei einem Polizeieinsatz angeschossen worden war. "Das Statement der israelischen Polizei dem ORF gegenüber ist - soweit sich das bisher recherchieren lässt - faktisch korrekt (...) Ein ORF-Skandal ist es nicht", so Wolf.

Friedliche "Weichspüler-Debatte"
Bis auf diese Verstimmung lief es aber eigentlich sehr gesittet ab. Bei Themen wie Grenzschließungen, Asylkrise und EU war man sich - wie immer - nicht einig, dafür aber darin, dass Österreich ein schönes Land und die Österreicher hilfsbereit seien. Untergriffige Attacken und Kampfrhetorik sparte man sich in der, wie es Politikwissenschaftler Peter Filzmaier in der "ZiB 2" ausdrückte, "Weichspüler-Debatte". Ob die beiden Kandidaten damit noch unentschlossene Wähler auf ihre Seite ziehen konnten, bleibt abzuwarten. Abgerechnet wird am Sonntag.

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