Mi, 18. Oktober 2017

Reaktorunfall 1986

24.04.2016 08:14

Tschernobyl: Horrortag – auch für Klitschko-Brüder

Die Apokalypse von Tschernobyl jährt sich am Dienstag zum 30. Mal. Ein Horrortag, an den bestimmt auch die Klitschko-Brüder, die beiden Champion-Boxer aus der Ukraine, mit Wehmut zurückdenken. Schließlich ist ihr über alles geliebter Vater Wladimir Rodionowitsch mit 64 Jahren an Lymphdrüsenkrebs gestorben - wohl als Folge der immensen Strahlung, der er in den Tagen nach der Katastrophe ausgesetzt war.

"Unser Vater war am 26. April 1986 als Oberst in Kiew stationiert, und so waren auch wir während des Reaktorunfalls selbst nur 100 Kilometer von Tschernobyl entfernt", erinnern sich "Dr. Steelhammer & Dr. Eisenfaust" im berührenden Dokumentarfilm von Regisseur Sebastian Dehnhardt an den Tag des größten Dramas in der bisherigen AKW-Geschichte.

"Bleikissen unter den Hintern geschoben - das war alles"
Als Offizier mit Pflichtgefühl zögerte der damals 39-jährige Berufssoldat keine Sekunde, die Luftunterstützung im Kampf gegen den Reaktorbrand zu organisieren. Tag für Tag startete dann auch vom Kiewer Militärflughafen Schuljany eine Armada an Helikoptern Richtung Tschernobyl.

"Wir bekamen die Nachricht von der Explosion am 27. April und wurden zum Aufräumen in der radioaktiven Zone abkommandiert. Ich flog einen MI-6-Hubschrauber. Wir warfen direkt über dem offenen Reaktorkern ein Gemisch aus Sand, Dolomit und Blei ab, um die radioaktive Verseuchung einzudämmen. Als Schutz vor der Strahlung haben sie uns im Cockpit ein Bleikissen unter den Hintern geschoben - das war alles", erinnert sich der 56-jährige Armeepilot Misko in einem Interview an den Einsatz.

Und während Nadeschda Klitschko mit den beiden Buben Vitali (15) und Wladimir (10) relativ unbesorgt den Frühling genoss, flog der Vater immer wieder in die Todeszone. "Wir hatten damals keine Ahnung, Wladimir und ich. Wir haben auch nicht verstanden, warum wir in Kiew nicht auf die Straße spielen gehen sollten. Wladimir hat sogar in verseuchten Pfützen gespielt", sagt Vitali bei der Filmpräsentation. Wie fast alle Ukrainer bzw. Russen, die nicht vor Ort waren, wussten auch sie nichts vom atomaren Drama, das sich um das zerstörte AKW abspielte.

Tausende an Krebs erkrankt
So räumten lediglich mit Staubmasken (!) ausgerüstete Soldaten zum Teil mit bloßen Händen den kontaminierten Schutt weg. Viele dieser ersten Liquidatoren starben sofort oder kurz nach dem Super-GAU. Tausende andere der geschätzten 600.000 Menschen, die bei den Aufräumungsarbeiten mitmachen mussten, erkrankten später an Krebs.

So auch der pflichtbewusste Luftwaffen-Oberst Wladimir Klitschko senior. Während seines wochenlangen Einsatzes rund um Reaktorblock 4 war er der brandgefährlichen Strahlung ausgesetzt gewesen. "Dabei wurde bei unserem Vater wohl wie bei vielen anderen Menschen Krebs ausgelöst", glauben die Brüder heute.

Dank der finanziellen Unterstützung seiner mittlerweile zu Box-Millionären aufgestiegenen Söhne konnte Vater Klitschko in Deutschland behandelt werden. Immer wieder musste er sich schmerzhaften Chemotherapien unterziehen. Kurz nach der Präsentation des Filmes über seine beiden Söhne, auf die er zeitlebens so stolz war, wurde der damals 64-Jährige 25 Jahre nach der Reaktor-Tragödie wieder einmal in ein Spital eingeliefert. Vom Krankenbett aus verfolgte er noch den Kampf und den Punktesieg Wladimirs gegen den Briten David Haye. Somit hatten seine Söhne alle vier Titel der Schwergewichtsverbände in die Familie geholt. Todkrank wurde der mittlerweile zum General beförderte "Tschernobyl-Held" nach Kiew geflogen, um dort in seiner geliebten Stadt zu sterben. Zehn Tage später hauchte Wladimir Rodionowitsch Klitschko als eines von Zigtausenden Opfern des Atomwahns seinen Geist aus.

Vitali Klitschko als "Held der Demokratie"
Heute boxt Sohn Vitali nicht mehr im Ring. Dafür kämpft er in der Politik um Gerechtigkeit und gegen die Korruption in der Ukraine. 2014 wurde er Bürgermeister von Kiew, 2015 im Amt bestätigt. Beim Lokalaugenschein in der Ostukraine vor zwei Monaten nannten etliche Lokalpolitiker Vitali im "Krone"-Gespräch einen "Helden der Demokratie". Auch Christoph Otto, der in der Ukraine seit 20 Jahren ebenso unermüdlich wie erfolgreich die "Tschernobyl-Kinderhilfe" von Global 2000 leitet, begrüßt das ökologische Engagement des einstigen Champion-Boxers im politischen Ring Kiews.

"Der Mensch spielt mit der Natur. Und er versucht sich mit ihr im Kampf zu messen. Aber dieses Spiel ist gefährlich, wie Tschernobyl auf fürchterliche Weise gezeigt hat. Auch eine 30-Kilometer-Sperrzone nützt nichts", so der hemdsärmelige Kiewer Bürgermeister im Interview mit dem Schweizer "Tagesanzeiger". Die Menschheit werde die Atomenergie nie kontrollieren können, deshalb müsse sich die Welt von dieser Technologie verabschieden. Schließlich werde es Hunderte Jahre dauern, um die vielen Folgen von Tschernobyl in den Griff zu bekommen.

Gleichzeitig begrüßt Bürgermeister Klitschko alle ökologischen Alternativen zur ebenso veralteten wie überteuerten und gefährlichen Nuklearenergie. Auch wenn der Ausstieg aus der Kernenergie nicht von heute auf morgen umsetzbar sei, so seien Länder wie Deutschland bereits auf dem richtigen Weg aus der energiepolitischen Sackgasse des Atomwahnsinns.

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