Mi, 18. Oktober 2017

"Keine Perspektive"

21.04.2016 11:45

Gendarmen-Mörder richtet sich in Zelle selbst

Der in die Kriminalgeschichte eingegangene Gendarmen-Mörder Amyn Radwan Gindia ist Donnerstagfrüh gegen 7.15 Uhr tot in seiner Zelle in der Wiener Justizanstalt Josefstadt aufgefunden worden. Der 48-Jährige hätte am kommenden Montag wegen einer Schießerei nach einem Einbruch erneut vor Gericht stehen sollen. Im Falle eines Schuldspruchs wäre er der erste Angeklagte nach Jack Unterweger gewesen, der aus einer lebenslangen Freiheitsstrafe bedingt entlassen, danach wieder straffällig wurde und dafür ein zweites Mal lebenslang kassieren hätte können. Gindia hinterließ einen Abschiedsbrief.

Der ehemalige Lebenslange war auf eigenen Wunsch in einem Einzelhaftraum untergebracht gewesen. "Er wurde von einem Psychologen betreut, es war keine Gefährdung zu erkennen", sagte die Leiterin der Anstalt, Helene Pigl. "Man kann so etwas leider nicht ausschließen, man muss die Privatsphäre der Häftlinge wahren." Die genaue Todesursache soll nun eine Obduktion klären.

Der gebürtige Libanese hinterließ einen Abschiedsbrief. Er habe sich nach Informationen der "Krone" aufgrund von "Perspektivlosigkeit" selbst gerichtet. Sein Verteidiger, Rudolf Mayer, erklärte Donnerstagmittag zudem, dass Gindia schwer krank gewesen sei: "Er hatte gesundheitliche Probleme. Bei der letzten Untersuchung dürfte etwas gefunden worden sein, was das Ganze noch verstärkt hat."

Gindia war im März 1992 von einem Wiener Schwurgericht wegen Doppelmordes zur Höchststrafe verurteilt worden. Er hatte 1987 einen türkischen Waffenschieber bei Hagenbrunn in Niederösterreich in einen Hinterhalt gelockt und erschossen. 1989 tötete er in Maria Lanzendorf im Bezirk Wien-Umgebung einen 33-jährigen Gendarmen mit zwei Kopfschüssen, der Gindia im Zuge einer Fahndung nach Einbrechern einer Personenkontrolle unterziehen wollte. Nachdem er über 24 Jahre in der Justizanstalt Krems-Stein abgesessen hatte, wurde er im November 2014 bedingt entlassen.

Feuergefecht mit Polizei
Drei Monate später lieferte er sich nach einem gescheiterten Einbruch ein regelrechtes Feuergefecht mit der Polizei. Gemeinsam mit einem alten "Häfn"-Spezi - der 54-Jährige hat immerhin 38 Jahre seines Lebens im Gefängnis verbracht - wollte Gindia am 23. Februar 2015 in eine in einem Shoppingcenter in Floridsdorf gelegene Apotheke eindringen. Der Anklageschrift zufolge waren die beiden Männer auf Potenzmittel und Suchtmittelpräparate aus. Sie wurden jedoch von Passanten beobachtet, als sie sich an der Rückseite des Gebäudes auffällig mit Einbruchswerkzeug zu schaffen machten. Die Zeugen verständigten die Polizei.

Als Uniformierte auf den Plan traten, ergab sich Gindias Komplize widerstandslos. Gindia allerdings zog eine Glock 17, rief den Polizisten "Lasst mich gehen oder ich erschieß' euch!" zu und versuchte zu flüchten. Als ihn die Beamten verfolgten, drehte er sich im Davonlaufen mehrfach um, richtete seine Waffe auf die Einsatzkräfte und gab schließlich mehrere Schüsse ab. Die Polizisten wurden allerdings von keinem Projektil getroffen. Gindia selbst trafen drei Kugeln aus den Dienstwaffen der Polizei. Er wurde schwer, aber nicht lebensbedrohlich verletzt.

"Suicide by Cop" geplant
Gindia hätte sich am Montag deshalb vor dem Schwurgericht mit einer Sonderform des Selbstmords, dem "Suicide by Cop", verantworten müssen, wie sein Verteidiger erklärte. Gindia sei ein hervorragender Schütze gewesen: "Er war Wiener Jugendmeister im Schießen, später dann Trainer für Combatschießen (kampforientiertes Schusstraining mit Handfeuerwaffen, Anm.). Nach seiner Enthaftung hat er sofort das Schießtraining wieder aufgenommen."

Dennoch habe kein einziger Schuss, den Gindia abgab, getroffen, "obwohl die Beamten gerade einmal drei bis vier Meter vor ihm gestanden sind", so Mayer. Für den Verteidiger ist daher klar, dass sein Mandant gezielt daneben feuerte, um die Polizisten dazu zu bringen, ihn zu erschießen. Motiv: Gindia habe den Widerruf seiner bedingten Entlassung befürchtet und nicht bis zu seinem Lebensende im Gefängnis verschwinden wollen. Offenbar um dem zuvorzukommen, nahm er sich schließlich selbst das Leben.

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