Mo, 11. Dezember 2017

Ende am 3. April

19.03.2016 10:22

Polster-Einser: Einmal noch einsam hinaufschweben

Viele steirische Wintersport-Abenteurer werden ihn vermissen: den legendären Einsersessellift auf den Polster, der spätestens am Sonntag nach Ostern seinen Dienst quittiert - nach 68 Jahren. Wir sind ein letztes Mal hinaufgefahren.

Auf 1226 Metern liegt der Bergpass des Präbichl zwischen Vordernberg und Eisenerz. Er ist ein Nadelöhr für die Luftmassen, und der stürmische Wind präpariert hier am Westhang des Polster die längste mit einem Lift erschlossene Steilrinne der Ostalpen. Die ist allerdings nur für echte Könner. Ich werde mich hüten, da herunterzufahren. Schon so mancher Abenteurer hat in der Polsterrinne seine Schneid’ verloren und sich retten lassen müssen.

Ein gewaltiges Panorama öffnet sich
Wir wollen heute lieber nur schauen - und noch einmal mit dem legendären Einsersessellift fahren, der in den Jahren 1947/48 von Hubert Wildenrotter konstruiert wurde. Die dürren Metallgestelle werden mit einer Gummimatte belegt, bevor sie uns im vollen Schwung mit nach oben nehmen.

Ich bekomme ein steifes Genick beim Hinauffahren, weil ich nicht anders kann, als mich dauernd umzudrehen. Ein gewaltiges Panorama erschließt sich nach und nach hinter meinem Rücken. Dunkle Täler und weiße Bergspitzen, so weit das Auge reicht. Es hat über Nacht geschneit, und der Gipfel des Eisenerzer Reichenstein, 2165 Meter hoch, sieht aus wie ein Achttausender im Himalaya. Kein blauer Schönwetterhimmel könnte die Felsengipfel so plastisch hervorheben wie die dunkelgrauen Wolken, die heute aus Südwesten aufziehen.

Der Bretterverschlag als Traum-Arbeitsplatz
Die Bergstation ist ein verwitterter Bretterverschlag, ein Windschutz, mehr nicht. Der freundliche junge Mann, der uns beim Aussteigen hilft, heißt Rene Rieger und kommt jeden Morgen aus Göss herauf. Theoretisch macht er sieben Tage die Woche Dienst. Frei hat er nur, wenn es stürmt, aber das ist gar nicht so selten. "Fast jeder, der heraufkommt, redet mich darauf an, wie es mit dem Lift weitergeht", erzählt er, während er fast wehmütig einem der klapprigen Sessel nachschaut.

Rene mag seinen Arbeitsplatz, den es ziemlich sicher bald nicht mehr geben wird. "Das ist ideal für mich. Ich kann mich mit anderen Leuten aus der Freerider-Szene unterhalten." Oft fährt er nach Dienstende selber durchs freie Gelände hinunter. "Ich finde die Pisten da einfach schön. Das Polsterdreieck und natürlich die Polsterrinne. Die Abfahrten auf der Rückseite sind momentan viel zu gefährlich, da ist Lawinenwarnstufe 3."

Besuch in der Hütte
So ganz scheint Rene Rieger noch nicht an das Ende des Lifts glauben zu wollen. Ähnlich wie die Leute im Polsterschutzhaus, denen wir einen Besuch abstatten. Eine Schneise durch mannshohe Schneeverwehungen führt zum Eingang der urigen Hütte auf 1798 Metern Höhe. Drinnen ist es heimelig warm und nicht übermäßig aufgeräumt. Ein knappes Dutzend Gäste in der Stube, Schnapsgläser auf den Tischen und Biathlon im Fernsehen.

Der Wirt Ludwig Peskala macht uns Tee. Der 63-Jährige verbringt die Winter zur Gänze auf dem Polster. Wozu auch ins Tal fahren, wenn man diese herrliche Aussicht jeden Tag haben kann? Er stellt mir zwei Männer vor, die den Kampf um den "Einser" noch nicht ganz aufgegeben haben: Martin Karner und Herwig Emmerstorfer vom Komitee zur Rettung des Polsterlifts. Sie sind enttäuscht darüber, dass sich kein Weg für eine Sanierung gefunden hat.

Zwei Millionen
Knapp zwei Millionen wären nötig, eine Million würde das Land zuschießen, aber es ist einfach nicht gelungen, den Rest von Gemeinden oder Privaten zusammenzukratzen. Die Gemeinden in der strukturschwachen Gegend können keine Million für einen Skilift stemmen, und das Werben um einen großen Investor war vergeblich. Emmerstorfer ortet eine gewisse Schieflage bei den politischen Subventionen: "Mit einem Bruchteil von dem, was nach Schladming geht, könnte man den Polsterlift locker erhalten."

Entschleunigung: von 100 auf null in zwölf Minuten
Es wird deutlich, dass für die beiden Herren ein Stück Kultur auf dem Spiel steht. Sie sehen den Polster als naturbelassenes Ski- und Wanderparadies. "Man kommt entschleunigt da herauf und ist auf einen Schlag im hochalpinen Gelände, mit Blick bis zum Dachstein", sagt Karner. "Wir sind kein Ischgl und wollten auch nie eines werden. Es ist herrlich, die zwölf Minuten ganz alleine auf dem Sessel zu sitzen. Das ist eine besondere Qualität. Wo sonst findet man die heutzutage noch?"

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