Mo, 11. Dezember 2017

In Dusche verbrüht

18.03.2016 16:31

Haftstrafen für Eltern nach Tod der kleinen Leonie

Familienidylle. Die Mutter bäckt in der Küche einen Kuchen, der Vater macht die Kinder bettfertig. Plötzlich ein Schrei. Laut, schrill, schmerzerfüllt. "Ich hab Scheiße gebaut", sagt der Vater. Das Kind - Leonie, knapp drei Jahre alt - hat einen krebsroten Rücken, die Haut schlägt Blasen. Leonie wird sterben. Sie wurde zu heiß geduscht. Am Freitag wurden ihre Eltern dafür zu Haftstrafen verurteilt.

Landesgericht Wien. Der Vater von Leonie hält die Hände von Leonies Mutter. Beide sind angeklagt - wegen Quälens und Vernachlässigens. Strafrahmen: bis drei Jahre. Ist aber der Tod eine Folge, springt der Strafrahmen auf bis zu zehn Jahre Haft - und Leonie starb.

Sie starb an dem, was ihr Vater vor der Polizei gesagt hatte - an einer "Duschaktion". Brühend heißes Wasser traf auf den Rücken mit der zarten Kleinkindhaut. Mindestens 60 Grad heiß, wahrscheinlich eher 72 Grad, wird der technische Gutachter sagen. Auch, dass die Therme nicht einwandfrei funktionierte - die Wassertemperatur ließ sich nämlich am Gerät selbst nicht regeln, nur am Einhandmischer. Aber zuerst sei eben manchmal der Brühstoß gekommen.

Kalte Dusche als "Erziehungsmaßnahme"
Leonie unter die Dusche stellen - eine "Erziehungsmaßnahme" in dem Haushalt mit den jungen Eltern, beide erst 28, und den drei Kindern. Wenn Leonie etwa "einen Hysterischen" hatte. Da sei sie "kurz und kalt zur Beruhigung" abgeduscht worden. Das hätte zwar meist funktioniert, aber die Mutter war "eh nicht so recht einverstanden damit".

Dann dieser Tag. Die Mutter: "Leonie quengelte, sie war müde." Der Vater, zur Polizei: "Ich wollte sie kalt abduschen. Damit sie zur Besinnung kommt nach ihrem Anfall." Beim Prozess aber will er davon nichts mehr wissen: "Es war ein normales Fertigmachen fürs Schlafengehen."

"Rot wie ein normaler Sonnenbrand"
Aus kaltem wurde jedoch brennheißes Wasser. Man wird später im Spital feststellen, dass es zwei-, drei- und viergradige Verbrühungen waren, 15 Prozent der Hautoberfläche waren betroffen. "Rot" sei der Rücken gewesen, vom Nacken bis zum Popo, "wie bei einem Sonnenbrand". Leonie hat zuerst geschrien. Laut. Schrill. Schmerzerfüllt. Dann gewimmert. In der Nachtapotheke besorgte der Vater Wundspray. Und Verbandsmaterial. Denn die Haut schlug Blasen.

Auf die Eltern machte Leonie, die quirlige, aufgeweckte Fast-Dreijährige, "keinen schwer kranken Eindruck". Man ließ sie trotzdem im Elternbett einschlafen. Krankenhaus? Eher nein, denn da gab "es mal was mit dem Jugendamt".

"Nicht so schlimm eingeschätzt"
Richterin Elisabeth Reich wird immer fassungsloser: "Wenn Ihnen das passiert wäre, wenn sich die Haut löst, wären Sie für sich selbst nicht gleich ins Krankenhaus gefahren?" Gesenkte Köpfe: "Wir haben die Situation nicht so schlimm eingeschätzt." Reich holt sie zum Richtertisch, zeigt Fotos. Entsetzliche Fotos: "Das haben Sie nicht als tragisch empfunden?"

Die Richterin weiter: "Wie erklären Sie, dass Ihre Tochter im Krankenhaus dann für jeden Verbandswechsel narkotisiert werden musste, und zu Ihnen soll sie nur 'Aua' gesagt haben? Haben Sie je die Wassertemperatur zuvor geprüft, auch bei sich selbst?" Der Vater: "Ja, bei den Füßen. Die kann man leicht wegziehen, wenn's zu heiß wird."

28 Stunden nach der Dusche brachten die Eltern Leonie endlich ins SMZ Ost. Vier Tage lang kämpften die Ärzte um das Leben des Kindes. Es starb laut Gerichtsmediziner Wolfgang Denk letztlich an Multiorganversagen, ausgelöst durch eine Leberschädigung. Leonie musste Schmerzmedikamente erhalten, die aber nicht überdosiert waren.

Haftstrafen ausgefasst
Leonies Vater wurde schließlich zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt. "Die Todesfolge ist Ihnen zuzurechnen", so Reich. Auch die Mutter wurde im Sinne der Anklage schuldig erkannt. Die 27-Jährige erhielt ein Jahr Haft, davon vier Monate unbedingt. Die Urteile sind nicht rechtskräftig.

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