So, 22. Oktober 2017

"Krone"-Rezension

05.03.2016 17:39

Nada Surf: Lebenswegbegleiter im Indiepop-Segment

Nach vier langen Jahren Wartezeit melden sich die College-Rock-Koryphäen Nada Surf mit dem neuen Album "You Know Who You Are" im Rampenlicht zurück, nur um es so schnell wie möglich wieder zu verlassen. Statt sich im Licht der Öffentlichkeit zu sonnen pflegen Matthew Caws und Co. lieber ihr Talent, zeitlose Alternative-Songs zu schreiben. Mission abermals gelungen.

Nada Surf, 2016: Vielerorts wird dieser Tage von guten, alten Freunden geredet, von Lebenswegbegleitern, die sich den modernen Mechanismen des Geschäfts verweigern und in angenehmer Art und Weise in den Klängen der 90er-Jahre stecken geblieben sind. Die Mitglieder der ewig in der zweiten Reihe musizierenden Indiepop-Institution aus New York sind tatsächlich angenehme Zeitgenossen, deren klangliche Umsetzung genauso fern von Hektik und Alltagsstress ist, wie ihr Veröffentlichungsrhythmus und die zumeist im entschleunigten Stimmtimbre exerzierten Interviews für die alternativen Radiostationen.

Stoische Ruhe
Vor exakt 20 Jahren starteten Sänger Matthew Caws und seine sympathischen Mitstreiter mit dem Debütalbum "High/Low" in eine Karriere, die nicht nur langlebig und beständig, sondern vor allem sicher und kongruent verlaufen ist. Große Soundexperimente sind Nada Surf genauso fremd wie schnöde Selbstbeweihräucherung oder offensives Internetmarketing. Mit stoischer Ruhe verkörpert die zum Quartett gewachsene Band seither alternativ angehauchten Spät-Grungepop für die belesene Bibliotheksfraktion. Vielleicht liegt es aber auch an der fehlenden Bedrohlichkeit der Songs, dass Nada Surf die Zeiten offensichtlich derart mühelos überstanden haben.

"You Know Who You Are" ist somit nicht nur das siebente Studioalbum, dass die Klammer zwischen dem 20 Jahre alten Debüt und der Gegenwart schließt, sondern auch ein vertontes Statement für Treue und Standfestigkeit. Das blinde Zusammenspiel der beiden Schulfreunde Caws und Bassist Daniel Lorca spürt man in jeder Phase und auch der neue Gitarrist Doug Gillard (Guided By Voices) fügt sich gekonnt in den Nostalgie-Reigen ein. Mit dem Opener "Cold To See Clear" gelingt Nada Surf bereits ganz zu Beginn ein veritabler Hit, wie er nur von dieser Band kommen kann: zurückgelehnt, eindringlich, wenig herausfordernd, aber den Fokus stets auf memorable Melodien gerichtet.

Audiovisuelle Reise
Nicht alle Nummern können den hohen Qualitätslevel halten, vor allem "Rushing" und "Victory’s Yours", die beiden Songs, die mit Adele- und Birdy-Hitlieferant Dan Wilson aufgenommen wurden, tönen gar etwas zu poppig und schablonenhaft aus dem Äther. Songs wie das erhabene "Friend Hospital" oder "Out Of The Dark" hingegen tröpfeln derart angenehm durch die Gehörgänge, dass man sich bei Hörgenuss gedanklich sofort im Nieselregen durch eine dichte Baumlandschaft tapsend verortet. Caws ist noch immer ein beneidenswert visueller Songwriter, dem es mühelos gelingt, mit seinen Songs Gedankenbilder und -filme heraufzubeschwören, den Hörer tatsächlich auf eine große Reise mitzunehmen.

"Du weißt wer du bist", so die sinngemäße deutsche Übersetzung des Albumtitels, ist Biografie und Auftrag zugleich. Einerseits vermengen Nada Surf völlig unpeinlich alle Phasen ihrer Karriere zu einem zehn Songs starken Album und präsentieren sich damit in einer Art Best-Of-Manier, andererseits suggeriert man den Hörern Treue und Verbundenheit. College-Rock nannte man diese Art von Musik in den Anfangszeiten der Band. Heute gehen Nada Surf als legitime R.E.M.-Nachfolger durch und können mit ihrem Laid-Back-Rock den rotweintrinkenden Mittvierziger-Familienvater genauso überzeugen wie den geschmackssicheren Publizistik-Erstsemester. Solche Wegbegleiter hätte jeder gerne - schön, dass Nada Surf diesen Wunsch erfüllen können.

Live in Wien
Nada Surf sind mit den steirischen Senkrechtstartern Farewell Dear Ghost am 20. April live im Wiener WUK zu sehen. Tickets und alle Infos finden Sie unter www.nadasurf.com.

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