Do, 23. November 2017

„Blind vertraut“

07.02.2016 08:28

Warum musste Lauren M. sterben?

Sie war intelligent, hübsch, gebildet. Und besonders warmherzig. Die amerikanische Studentin Lauren M. (25) wollte einfach nur an das Gute glauben. Dann wurde sie in ihrer Wiener Wohnung ermordet.

Das liebliche zweistöckige Wohnhaus in der Wiedner Hauptstraße 51 wirkt fast, als wäre hier ein wenig die Zeit stehen geblieben. Im Innenhof stehen auf Pflastersteinen Holzstellagen mit Blumentöpfen. Eine schmale Wendeltreppe führt zu den oberen Etagen, die von Pawlatschen-Balkonen umgeben sind.

Im mittleren Geschoss, auf Tür Nummer 5, hat sie gelebt. Lauren M. (25), eine Amerikanerin, die seit zweieinhalb Jahren in Wien Germanistik studierte und mitunter als Kindermädchen jobbte.

"Ruhig und unauffällig." So beschreiben jetzt Nachbarn die junge Frau. Immer hätte sie freundlich gegrüßt. Nie wäre aus ihrer 42-Quadratmeter-Garconnière Lärm zu hören gewesen. Nicht einmal am 24. Jänner, an ihrem Todestag.

Aus dem Video-Archiv: US-Studentin (25) tot in Wohnung entdeckt

Die letzten Stunden in Laurens Leben
Gegen 11 Uhr, das haben Erhebungen der Kripo mittlerweile ergeben, hatte sie sich damals mit einem Bekannten in einem Kaffeehaus getroffen und um etwa 14 Uhr Zuhause auf ihrem Handy einen Anruf entgegengenommen. Doch danach lief bloß noch ihre Mobilbox.

Am 25. Jänner begannen sich Freunde der Amerikanerin Sorgen um sie zu machen. Zwei Verabredungen hatte sie nicht eingehalten und auch nicht, wie ausgemacht, den Buben einer ihrer Arbeitgeber von der Schule abgeholt. Ein Verhalten, das so gar nicht zu der als extrem verlässlich bekannten Studentin passte. Am Abend des 26. Jänner dann eine polizeiliche Nachschau in ihrer Wohnung.

Studentin tot von Polizei entdeckt
Lauren lag tot auf ihrem Bett. Auf dem Bauch. Halbnackt. Das mit einem Pullover umhüllte Gesicht gegen die Matratze gedrückt. Oberkörper nackt. Die Hose bis zu den Knien herabgezogen. Neben der Leiche Blut, vermischt mit Erbrochenem.

Die Zustände in der Garconnière: chaotisch. Nasse, zusammengeknüllte Handtücher auf dem Badezimmerboden. Lebensmittel und Drogerie-Artikel im Wohnschlafraum verstreut, zwischen Kleidungsstücken und Dutzenden Kerzen. Sämtliche Glühbirnen: durchgebrannt. Warum? Hatte irgendwer am Stromnetz der jungen Frau manipuliert?

Gambier lebte als U-Boot in Wien
Der Fall wurde an Mordermittler übergeben. Rasch kamen sie auf die Spur eines Tatverdächtigen: Abdou I. (24), ein Gambier. 2012 war der Mann nach Italien geflüchtet. Später hatte er in Deutschland einen Asylantrag gestellt. Aber bald wurde er dort straffällig, beging Diebstähle, Raube - und ein Missbrauchsdelikt. Bevor er von den Behörden gefasst werden konnte, setzte er sich nach Österreich ab. Seit Wochen soll er hier als U-Boot gelebt haben.

"Lauren hatte ein großes Herz für Arme", berichten Bekannte der Toten, "sie fuhr oft zu Bahnhöfen und Asylantenheimen, wo sie Nahrung und Decken an Bedürftige verteilte." Mit manchen von ihnen schloss sie sogar Freundschaften. Wie mit Abdou I. "Ja, sie wusste, dass ihm die Abschiebung drohte. Nein, sie ahnte nichts von seiner kriminellen Vergangenheit."

Die Studentin wollte dem Gambier helfen. Sie gewährte ihm Unterschlupf, verköstigte ihn, kaufte für ihn Zigaretten und Gewand. Und bat in den Tagen vor ihrem Tod in verzweifelten Facebook-Postings ihre Freunde laufend darum, den 24-Jährigen vorübergehend bei sich aufzunehmen. Da sie demnächst Besuch erwarte und währenddessen ein Ersatzquartier für ihn brauche.

"Lauren hat diesem Mann blind vertraut"
Warum - und unter welchen Umständen - musste Lauren sterben? Laut Obduktionsbefund steht lediglich fest, dass sie erstickt ist. Aber an ihrer Leiche befanden sich Hautschuppen, die von Abdou I. stammen. Und als er am vergangenen Donnerstag in der Schweiz verhaftet wurde, trug er das Handy und den Laptop der Toten bei sich.

"Lauren", erzählen Studienkollegen des Opfers, "hat diesem Mann blind vertraut. Sie wollte in ihm, wie in allen Menschen, nur das Gute sehen." Vielleicht, weil sie bis zu ihrem grauenhaften Ende ein wundervolles Leben geführt hatte und deshalb keine Vorstellung von dem Bösen haben konnte.

Behütete Kindheit in Colorado verbracht
Lauren M. wuchs mit ihrer um zwei Jahre älteren Schwester in Boulder (Colorado) auf, auf einem wunderschönen Anwesen. Der Vater: Möbelhändler. Die Mutter: Hausfrau. "Die Eltern", berichten Bekannte der Familie, "taten alles, um ihre Kinder glücklich zu machen." Urlaube in den Bergen, am Meer. Kurse, in allen Wissensgebieten und Sportarten, für die sich die Mädchen interessierten.

Schon früh habe Lauren von einer Karriere als Pianistin geträumt - und von einem Aufenthalt in Europa. Nach Abschluss der Highschool belegte sie in ihrer Heimatstadt einen Lehrgang in Musikwissenschaften. 2012 ging sie in die Schweiz, nach Lausanne, wo sie Französisch inskribierte. 2013 übersiedelte sie nach Wien, begann ein Germanistikstudium. Fand hier schnell viele Freunde. Wegen ihrer "besonderen Warmherzigkeit".

Ihre Gedanken über eine "bessere Welt für alle" schrieb sie auch in Tagebüchern nieder. Das letzte, aus 2016, fehlt aus ihrer Wohnung. "Lauren, Du warst unser Sonnenschein", steht auf einem Zettel, der unterhalb einer Grabkerze liegt. Vor dem lieblichen Haus in der Wiedner Hauptstraße 51.

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