Di, 21. November 2017

Mord im Jahr 1993

19.12.2015 16:08

Die vergessene Tote von St. Margarethen

Im April 1993 wurde im Burgenland eine ermordete Frau gefunden. Bis heute blieb ihre Identität ungeklärt. Und die Tat ungesühnt. Nun haben Cold-Case-Fahnder neue Ermittlungen in dem mysteriösen Kriminalfall gestartet.

Sankt Margarethen im Burgenland. Liebevoll renovierte Häuser. Nette Geschäfte. Ein paar Frühstückspensionen und Handwerksbetriebe. Gemütliche Buschenschanken. Rundum Felder, Wiesen, Weingärten. Ein Steinbruch, in dem im Sommer Festspiele stattfinden.

Die 2700 Einwohner der Ortschaft leben von der Landwirtschaft, vom Tourismus. Oder sie arbeiten in nahe gelegenen Städten, in Eisenstadt, in Wien. Und sie sind froh, wenn sie abends wieder heimkommen, in ihre Idylle.

Als das Böse ein Zeichen gab
"Bei uns ist die Zeit ein bisschen stehen geblieben", sagt Gemeindeamtsleiter Michael Schalling, und er lächelt freundlich. Kriminalität, "nein, die gibt es bei uns eigentlich nicht. Manchmal halt einen kleinen Einbruch. Aber nichts Schlimmeres."

Das Böse, eine Ahnung davon, war nur einmal ganz kurz da. Damals, am Morgen des 17. April 1993. Als ein Lehrer aus dem Dorf neben einem Güterweg eine halb verweste Tote entdeckte. Die Frau, stellten Gerichtsmediziner rasch fest, war durch einen Angriff gegen ihren Hals verstorben. Bereits lange vor ihrer Auffindung und mit Sicherheit nicht an dieser Stelle im Gebüsch.

Also legte sich über das Drama um das namenlose Opfer bald das kollektive Vergessen. "1993, kurz nach der Ostöffnung", erinnern sich Ortsansässige, "gingen wir davon aus, dass es aus Ungarn stammte." Und nur zufällig abgelegt worden sei im Burgenland, von einem Täter, "der sich bloß auf der Durchreise befunden hatte".

Vergangene Woche, im Bundeskriminalamt. Kurt Linzer, der Leiter der Cold-Case-Abteilung, sitzt an seinem Schreibtisch, vor sich drei dicke Aktenordner - und er blättert langsam die Seiten darin durch. Vor Monaten schon haben er und sein Team damit begonnen, in dem Kriminalfall um die unbekannte Tote aus Sankt Margarethen neu zu ermitteln. Die mysteriöse Causa aufzurollen. Mit Methoden, die 1993 noch nicht möglich gewesen sind.

Das Opfer lag Monate in einem Versteck
Moderne Laboruntersuchungen, kriminalpsychologische Analysen - sie standen am Anfang der Erhebungen. Und was ist mittlerweile über das Opfer bekannt? Die Frau war zum Zeitpunkt ihres Todes 25 bis 35 Jahre alt, 1,60 Meter groß, hatte brünett-rötliches Haar, Schuhgröße 36 bis 37, wog 60 Kilo, "und sie befand sich in einem guten physischen Zustand".

Die Erkenntnisse über das Verbrechen an ihr: "Vor dem Mord hat ein Kampf stattgefunden. Zuerst wurde ihr ein Arm gebrochen, danach wurde sie erwürgt oder erdrosselt." Die Leiche, bei ihrer Auffindung war sie völlig entkleidet. Ihr sind sämtliche Schmuckstücke abgenommen worden, "auch", so Linzer, "fünf Ohrstecker, die das Opfer bis zu der Tat getragen haben dürfte".

"Fest steht weiters: Die Tote lag, ungefähr ein halbes Jahr hindurch, an einem gut gelüfteten, vor Witterungseinflüssen geschützen Ort. In einem Schuppen oder in einem ebenerdigen Raum." Mumifizierungsvorgänge an ihr würden dies belegen. Und Larven einer speziellen Fliegenart, die sich in ihrem Körper befunden hatten.

Das Psychogramm des Mörders
Das Fazit der Cold-Case-Fahnder: "Wir nehmen an, dass die Frau im Herbst 1992 umgebracht wurde. An einem Platz, über den ihr Mörder völlige Kontrolle hatte. Andernfalls hätte er es nicht gewagt, sein Opfer so lange bei sich zu behalten." Bis er "im Frühjahr, wegen des stärker werdenden Verwesungsgestanks", die Leiche in zwei schwarze Plastiksäcke verpackte "und in der Folge vermutlich lediglich einen kurzen Weg auf sich nahm, um sie zu entsorgen".

"Wir gehen davon aus, dass er in seinem Umfeld vor und nach dem Mord immer wieder durch Gewaltaktionen und Aggressionsausbrüche aufgefallen ist. Dass er zu seinem Opfer ein Naheverhältnis hatte. Und dass er, als das Verbrechen geschah, 30 bis 40 Jahre alt gewesen sein dürfte", resümiert der Ermittler.

Die vielen Theorien über das Drama
Die Frau: War sie eine Erntehelferin aus einem ehemaligen Ostblockstaat, die im vermeintlich "goldenen Westen" bei einem irren Einzelgänger geheim gejobbt hat? Führte sie vielleicht sogar eine intime Beziehung mit dem Täter? Oder wurde sie - ähnlich wie Natascha Kampusch - über eine kleine Ewigkeit hindurch in Gefangenschaft gehalten? "Wir halten alle diese Szenarien für möglich", sagt Linzer.

Vermisstenanzeigen, bis in die 1950er-Jahre zurück, aus halb Europa, müssen nun durchgegangen werden. Eine Gesichtsrekonstruktion der Ermordeten ist angedacht. Genauso wie Isotopenuntersuchungen an ihren Knochen, durch die festgestellt werden könnte, in welcher Region der Welt sie aufgewachsen sein muss. Intensive Nachforschungen in dem betreffenden Gebiet wären dann ein weiterer Ermittlungsschritt: "Denn es kann doch nicht sein, dass ein Mensch einfach verschwindet - ohne dass er irgendwem jemals abgeht."

Demnächst wird das Cold-Case-Team mit Befragungen in Sankt Margarethen beginnen: "Wir wissen, dass unsere Arbeit dort sehr schwer sein wird."

Das Bundeskriminalamt ersucht um Informationen, die zur Aufklärung der Tat beitragen könnten. Hinweise werden auch anonym entgegengenommen, unter der Telefonnummer 01/24836/98 50 25 oder per Mail: BMI-II-BK-SPOC@bmi.gv.at

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