So, 20. Mai 2018

Selbst mitgefilmt

29.11.2015 17:07

Calais: Lkw-Fahrer "macht Jagd" auf Flüchtlinge

Ein ungarischer Lkw-Fahrer, der seine Fahrt auf der von Flüchtlingen gesäumten Autobahn in der Nähe der französischen Hafenstadt Calais selbst filmt und dabei ununterbrochen über die Migranten schimpft bzw. auch mehrere Male mit seinem Schwerfahrzeug auf diese "Jagd macht", sorgt derzeit für Aufregung im Internet. Die Aufnahmen des YouTubers verbreiten sich viral in den sozialen Netzwerken. Immer wieder kommt es in Calais zu gefährlichen Situationen, da Migranten Busfahrer mit Wurfgeschossen und Barrikaden auf der Fahrbahn zum Anhalten zwingen wollen. Gelingt dies, versuchen sie sofort aufzuspringen und mitzufahren.

Es existieren zwei Versionen des Videos - eine Langfassung (siehe Video oben) und jener Ausschnitt, der nur das gefährliche Manöver Richtung Bankett zeigt. Letzteres wurde bisher am häufigsten in den sozialen Netzwerken geteilt. Anfeindungen gegen den Chauffeur, aber auch einige Lobesworte an den "tapferen" Ungarn finden sich unter den Kommentaren.

"Warum geht ihr nicht zurück in den Krieg?"
Das 14-minütige Video beginnt mit folgenden Worten: "Da sind sie wieder, die Kerle! Meine Damen und Herren, 'Migrante'! Es gibt wieder ein paar von ihnen, wie ich sehe. Servus! Warum zum Teufel geht ihr nicht wieder nach Hause in den Krieg? Eure Frauen haben die Waffen erhoben, um gegen die Bourgeoisie-Regierungen und gegen den IS zu kämpfen..."

In einem Tobsuchtsanfall schleudert der Ungar Hasstiraden gegen die am Straßenrand herumschlendernden jungen Männer, die er als "behinderte Hunde" bezeichnet. Während der rund sechs Kilometer langen Fahrt, auf dieser Länge sei ein Stau der Schwerfahrzeuge vor dem Hafen von Calais entstanden, gerät die Lkw-Kolonne laufend ins Stocken. Gerade die Stehphasen führten immer wieder zu Zwischenfällen, denn Flüchtlinge versuchten auch auf sein Fahrzeug zu klettern, erklärt der Fahrer.

Und tatsächlich kommt es wieder zu so einer Situation: "Hey, lass meinen Seitenspiegel in Ruhe! Ich brauche den noch", schreit er und steigt nach einiger Zeit fluchend aus seiner Kabine, um den ungebetenen Gast von seinem Sattelschlepper zu holen. Was genau passiert, erfährt man nicht, da man weder einen Ton hört, noch die Szene selbst sieht - die Kamera ist weiterhin in Fahrtrichtung eingestellt.

"Komm her, du Hurensohn, ich überfahre dich jetzt!"
"Nach wenigen Augenblicken hört man wieder die Kabinentür auf und zugehen. Völlig entnervt fährt der Chauffeur los und steuert scharf nach rechts, wo zahlreiche Flüchtlinge in die Gegenrichtung marschieren. "Komm her du Hurensohn, ich überfahre dich jetzt! Komm her!", schreit er und fährt dann wieder zurück auf seine Spur, während ihm zwei Männer Gegenstände gegen die Fahrzeugfront schleudern.

Danach fährt der Lkw-Lenker wieder normal weiter, während er wie ein Rohrspatz über das Lager in Calais schimpft und Mitleid mit den entlang der Fahrbahn postierten französischen Polizisten kundtut. "Wer weiß, an wie vielen Stellen sie wieder meine Plane zerschnitten haben..?", ärgert der Ungar sich, als er am "Dschungel" vorbeifährt. So wird das Zeltlager der Flüchtlinge genannt. "Eine tolle Vorstellung oder?", fragt der fahrende Kameramann die Zuseher, als er an einer umzäunten und gesicherten Stelle das Zeltlager passiert.

Fahrer wollte Migranten "interviewen"
"Ich habe überhaupt keine Ahnung mehr, wohin ich fahren soll, der Verkehr wird andauernd umgeleitet", lautet seine Klage. Immer wieder muss der Chauffeur die Spuren wechseln und am Ende landet er auf jener, wo eigentlich nur Pkws fahren dürfen. "Vielleicht habe ich sogar einen Tag gewonnen, da ich nicht im Hafen übernachten muss", kann der Fassungslose der Situation sogar ein wenig Positives abgewinnen, obwohl er eigentlich laut eigenen Angaben die Migranten auf dem Hafenparkplatz "interviewen" wollte.

"Na wie waren die letzten sechs Kilometer? Stellt euch vor, wie es ist, wenn es dunkel wird." Am Ende hat der Lkw-Fahrer noch eine letzte Botschaft an die Flüchtlinge: "Leute, es ist nicht erlaubt, von Calais aus nach Großbritannien zu gehen. Habt ihr das endlich kapiert?"

"Wir wollen niemandem wehtun"
Auf seinem YouTube-Kanal hat der Urheber des Videos auch noch eine Stellungnahme auf Ungarisch und Englisch gepostet, in der er erklärt, dass zu keinem Zeitpunkt eine Gefahr für die Flüchtlinge bestanden habe. "Glaubt uns, wenn wir versichern, dass wir auf keinen Fall, nicht einmal unabsichtlich, jemandem wehtun wollen. Im Gegenteil, ich habe schon vielen wirklichen Flüchtlingen Zigaretten, Getränke und Lebensmittel geschenkt. Aber diejenigen, die auf der Autobahn randalieren und plündern, flüchten wohl nur vor dem Gesetz. Die Armen, die mit ihren Kindern flüchten, leben hinter dem Zaun und dem Gebüsch, die werfen keine Steine."

Den gesamten Wortlaut der Stellungnahme finden Sie hier. Übrigens handelt es sich nicht um das erste Video des Ungarn. Er postet regelmäßig Videos unter dem Titel "Calais Emigrant vs. Drivers".

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