So, 27. Mai 2018

Nach Paris-Blutnacht

16.11.2015 14:35

Molenbeek im Fadenkreuz der Ermittler

Nach der blutigen Terrorserie von Paris führen immer mehr Spuren nach Belgien. Laut dem französischen Innenministerium wurden die Terrorkommandos im Nachbarland vorbereitet. In dem als Islamistenhochburg bekannten Brüsseler Stadtteil Molenbeek ging es am Montag Schlag auf Schlag. Bei einer groß angelegten Polizeiaktion gab es mehrere Festnahmen. Das eigentliche Ziel der Aktion, einer der gesuchten Paris-Attentäter, Abdeslam Salah, ging den Ermittlern allerdings vorerst nicht ins Netz. Auch der mögliche Drahtzieher der Anschläge, Abdelhamid Abaaoud, stammt aus Molenbeek.

Bereits am Wochenende hatten schwer bewaffnete Polizisten stundenlang Wohnungen in Molenbeek durchsucht und mehrere Verdächtige festgenommen. Laut dem belgischen Rundfunk RTBF forderten bewaffnete Spezialkräfte dann am Montag in der Rue Delaunoy Bewohner per Lautsprecher auf, die Fenster zu öffnen und herauszukommen.

Verwirrung um gesuchten Attentäter
Verwirrung herrschte in diesem Zusammenhang um einen der gesuchten mutmaßlichen Attentäter, Abdeslam Salah. Nachdem der belgische Rundfunksender RTL bereits seine Festnahme im Zuge des Polizeieinsatzes in Molenbeek vermeldet hatte, widersprach RTBF den Angaben. Demnach handle es bei dem Fetsgenommenen nicht um Salah. Die Polizeiaktion in Molenbeek wurde laut der Bürgermeisterin von Molenbeek, Francoise Schepmans, dann gegen 14 Uhr beendet.

Im Zentrum der belgischen Hauptstadt gab es indes am Montagvormittag einen Bombenalarm, nachdem ein verdächtiger Koffer in der Rue Joseph II im Europaviertel in einem vor einem Gebäude der EU-Kommission parkenden Auto mit französischem Kennzeichen entdeckt worden war. Der Entminungsdienst war im Einsatz, die Straße wurde abgesperrt.

Besonders viele Muslime in Molenbeek
Fest steht: Das Brüsseler Viertel Molenbeek war schon vor den blutigen Anschlägen in Paris berüchtigt. Besonders viele Molenbeeker sind Muslime, und unter diesen findet sich auch eine radikale Minderheit. In dieser kleinen Minderheit gebe es "Leute, die auf europäischer Ebene bekannt sind" und andere Extremisten anzögen, analysierte der Terrorismus-Experte Claude Moniquet.

Belgiens Regierungschef Charles Michel ist sich des Problems bewusst: "Ich stelle fest, dass es fast immer eine Verbindung nach Molenbeek gibt", sagt Michel. Sein Innenminister Jan Jambon kündigte an, in Molenbeek "aufzuräumen". "Sie kommen nicht alle von hier, und meistens sind sie nur auf der Durchreise", verteidigte hingegen Bürgermeisterin Schepmans ihren Stadtteil. In bestimmten Vierteln sei die Bevölkerungsdichte sehr hoch, sagte Schepmans. "Die Anonymität für Leute mit sehr schlechten Absichten, die auf der Durchreise sind, ist dort größer."

Für das gerade einmal elf Millionen Einwohner zählende Königreich ist die Verbindung der Attentäter nach Belgien trotz der Vorzeichen ein Schock. Bezogen auf die Bevölkerung hat Belgien den größten Anteil radikaler Islamisten, die nach Irak und Syrien in den sogenannten Heiligen Krieg ziehen. Fast 500 "belgische Islamisten" sind vom Geheimdienst identifiziert worden.

Auch möglicher Paris-Drahtzieher stammt aus Molenbeek
Auch der mögliche Drahtzieher der blutigen Anschläge in Paris, der 27-jährige Abdelhamid Abaaoud, stammt aus dem Brüsseler Problemviertel. Einer der Attentäter von Paris soll Verbindungen zu Abaaoud, der als brutaler Henker der Dschihadistenmiliz Islamischer Staat bekannt ist, gehabt haben.

Im Video - Der mögliche Drahtzieher der Blutnacht von Paris:

Bereits nach dem Anschlagsversuch auf den Thalys-Hochgeschwindigkeitszug im August und den Pariser Anschlägen auf das Satiremagazin "Charlie Hebdo" und einen koscheren Supermarkt im Jänner führten Spuren in den Großraum Brüssel. Zudem hatte bereits im Mai 2014 ein französischer Islamist im Jüdischen Museum in Brüssel vier Menschen erschossen. Auch er lebte kurz vor der Tat in Molenbeek.

500 IS-Kämpfer in Syrien stammen aus Belgien
Warum Belgien ein so großes Problem mit radikalen Islamisten hat? Einen Erklärungsversuch unternahm bereits im Sommer der belgische Senator Alain Destexhe. "Im Namen der Religionsfreiheit und der Multikulturalität haben es die belgischen Behörden radikalen Gruppen viel zu lange erlaubt, sich zu entwickeln", schrieb er in einem Beitrag für die französische Tageszeitung "Le Figaro". Den wenigen Kritikern seien Stigmatisierungsversuche oder Islamophobie vorgeworfen worden.

Ein Ergebnis dieser Politik sei, dass aus keinem anderen EU-Land relativ gesehen so viele Menschen in den Bürgerkrieg in Syrien zögen wie aus Belgien, merkte Destexhe an. Nach Schätzungen von Sicherheitsbehörden stammten zuletzt rund 500 Kämpfer in dem Krisengebiet aus dem Königreich.

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