Fr, 17. November 2017

„Krone“-Interview

14.11.2015 17:17

Kommt der Terror auch zu uns, Herr Gridling?

Als sich die Terrormiliz Islamischer Staat Samstagmittag zum Blutbad in Paris bekennt, ist Österreichs oberster Staatsschützer gerade unterwegs zum ORF. Er habe bis in den Morgen hinein Gespräche geführt, erzählt Peter Gridling am Telefon. "Es war eine unruhige Nacht", gefolgt von einer Krisensitzung im Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung am frühen Samstagmorgen. Im Interview mit Conny Bischofberger blickt Gridling in die dunkelsten Winkel unserer Gesellschaft.

"Krone": Herr Gridling, waren Anschläge dieses Ausmaßes erwartbar?
Peter Gridling: Wir haben in allen europäischen Ländern im heurigen Jahr erhöhte Bedrohungsniveaus mit verstärkter Polizei- und Militärpräsenz. Deshalb war klar, dass keine Entwarnung gegeben werden kann und jederzeit mit Anschlägen zu rechnen ist - natürlich hofft man, dass es nicht das eigene Land trifft.

"Krone": Wie groß muss das Netzwerk rund um diese acht Attentäter sein?
Gridling: Es gibt noch keine konkreten Informationen, deshalb wäre das reine Spekulation. Klar ist aber, dass es sich um Terrorakte einer großen Dimension handelt und dass es vermutlich weitere Helfer geben wird. Die französischen Behörden werden alles daran setzen, dieses Netzwerk aufzudecken.

"Krone": Was wollen diese Terroristen, außer möglichst viele Menschen zu töten?
Gridling: In erster Linie Öffentlichkeit. Dadurch wollen Terroristen bei uns Angst und Schrecken verbreiten und so Regierungen oder Staaten destabilisieren und das gesellschaftliche Leben lähmen. Genau das dürfen wir nicht zulassen.

"Krone": Aber müssen wir uns nicht bald fürchten, auf Konzerte und Fußballspiele zu gehen, vielleicht sogar U-Bahn zu fahren?
Gridling: Die Angst ist jetzt natürlich da. Deshalb ist es wichtig, bald wieder Normalität zu schaffen. Wir müssen unser Leben weiterleben. Wir dürfen uns von unserer Angst nicht lähmen lassen.

"Krone": Kommt der Terror auch zu uns?
Gridling: Wir haben in Österreich über 250 aktuelle Fälle von Dschihadismus. 200 Strafverfahren wurden eingeleitet, es gab auch schon einige Urteile. 250 Personen sind gemessen an der Einwohnerzahl überdurchschnittlich viel. Deshalb reden wir von einer deutlich erhöhten Gefahr, es gab auch konkrete Drohungen über die sozialen Medien - ich verweise hier auf Mohammed M., der Gerüchten zufolge bei einem Raketenangriff in Syrien verletzt worden sein soll. Wir wissen nicht, ob er noch am Leben ist. Also, um Ihre Frage zu beantworten: Der Terror kann überall hinkommen. Wir wissen es nicht, wen es als Nächstes trifft.

"Krone": Sie als oberster Anti-Terror-Chef müssen es ja wissen: Was können wir dagegen tun?
Gridling: Der Staat tut alles: Wir haben Razzien gehabt, wir haben Hassprediger eingesperrt, wir haben ein Radikalisierungs- und Rekrutierungsnetzwerk ausgehoben, das hier in Österreich bis in den Westbalkan tätig war. Die Zivilbevölkerung ist aber mindestens genauso gefordert wie die Exekutive. Besiegen kann man diese terroristische Bedrohung nur gemeinsam.

"Krone": Was soll die Bevölkerung machen?
Gridling: Alles melden, was einem komisch vorkommt. Damit meine ich keine langen Bärte oder voll verschleierten Personen, sondern verdächtige Situationen. Einfach die Polizei verständigen, dann können wir das bewerten und dem nachgehen.

"Krone": Der französische Präsident Francois Hollande hat die Grenzen geschlossen, aber durch Europa bewegt sich ein riesiger Strom von Flüchtlingen praktisch ungehindert Richtung Deutschland. Wie hoch ist die Gefahr, dass hier auch IS-Anhänger mitkommen?
Gridling: Diesbezügliche Gerüchte kursieren immer wieder. Wir gehen all dem nach, bis jetzt hat sich aber noch kein einziger Hinweis auf Extremisten erhärtet.

"Krone": Aber verstehen Sie die Angst davor?
Gridling: Ich verstehe die Angst. Aber ein Terrorist wird sich vermutlich nicht im Strom jener verstecken, die vor Menschen wie ihm fliehen. Er wird nicht auf überladene Boote steigen oder in Lkws klettern, wo er sich der Gefahr aussetzt, vielleicht zu ersticken. So jemand nimmt eher den bequemen Weg und steigt in einen Flieger.

"Krone": Warum sind wir nach knapp 15 Jahren islamistischen Terrors immer noch so hilflos?
Gridling: Islamistisch ist ein gutes Stichwort, denn der Islam ist eine Religion und keine Gewaltideologie. Der Großteil der rund 600.000 österreichischen Muslime lehnt Gewalt ab, und ich würde mir wünschen, dass man das bei dieser Gelegenheit auch wieder klar sagt. Warum uns der Terror noch immer so beschäftigt, hängt mit den Konfliktherden auf der Welt zusammen. Diese Konflikte lassen sich nicht von heute auf morgen lösen. Deshalb hat der IS immer neuen Zulauf, trotz Verhaftungen, trotz Aufklärungsmaßnahmen. Wir werden dieses Problem nicht eliminieren können, solange in Syrien der Krieg andauert.

"Krone": Werden die aktuellen Ereignisse in Paris auch Einfluss auf die Flüchtlingsdebatte haben?
Gridling: Das ist schwer zu beantworten. Es gibt eine Wanderungsbewegung, die die Länder unterschiedlich trifft. Österreich wird vermutlich mit 95.000 Asylanträgen rechnen müssen. Es wird an uns liegen, wie wir diese Menschen mit unseren Werten vertraut machen können, wie wir sie integrieren, wie wir sicherstellen können, dass sie Teil unserer Gesellschaft und nicht eine Last für unsere Gesellschaft sind.

"Krone": War es richtig, die Eröffnung des Wiener Christkindlmarktes abzusagen? Das ist doch genau das, was diese Leute wollen: Dass wir uns nicht mehr trauen, so zu leben wie vor den Anschlägen…
Gridling: Die Entscheidung des Wiener Bürgermeisters Michael Häupl ist zu respektieren. Wir gehen davon aus, dass es hier weniger um Fragen der Sicherheit, sondern mehr um Fragen der Pietät gegangen ist.

Zur Person
Geboren am 9. April 1957 in Lienz, Osttirol. Bei der Polizei seit 1977. 2008 wurde Peter Gridling Direktor des Bundesamtes für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT) und damit Leiter der obersten Staatsschutzbehörde im österreichischen Innenministerium. Gridling ist verheiratet und hat zwei Kinder.

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