Fr, 25. Mai 2018

Krank durch Abgase?

04.11.2015 10:47

Autobahnen steigern bei Kindern Leukämie-Risiko

Kinder, die in der Nähe von Autobahnen oder Autostraßen wohnen, haben laut einer Schweizer Studie ein bis zu 100 Prozent höheres Risiko, an Leukämie zu erkranken. Auslöser dürften krebserregende Stoffe in den Abgasen sein. Vor allem Kleinkinder seien gefährdet, so Berner Forscher, die einen Zusammenhang zwischen dem Wohnort und den von 1985 bis 2008 in der Schweiz registrierten Krebserkrankungen bei Kindern fanden.

Eigentlich - so die Forscher - sind Krebserkrankungen bei Kindern selten. Dennoch erkranken in der Schweiz jährlich über 200 Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren daran. Am häufigsten treten Leukämien und Hirntumore auf. Die Ursachen von Krebserkrankungen in diesem jungen Alter sind noch weitgehend unbekannt. Neben einer gewissen genetischen Veranlagung wird auch der Einfluss von verschiedenen Umweltfaktoren diskutiert, wie etwa die Luftverschmutzung.

Zeitraum von 23 Jahren erforscht
Eine im "European Journal of Epidemiology" publizierte Studie eines Teams um Ben Spycher und Claudia Kuehni vom Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Bern (ISPM) erhärtet nun die Vermutung, dass Verkehrsabgase das Leukämierisiko bei Kindern erhöhen. Sie basiert auf Daten des Schweizer Kinderkrebsregisters (SKKR) und der Schweizerischen National Kohorte (SNC), die alle in den Volkszählungen 1990 und 2000 erfassten Kinder - insgesamt über zwei Millionen - einschließt.

Aus dem Kinderkrebsregister wurden alle im Zeitraum 1985 bis 2008 registrierten Krebsdiagnosen bei Kindern unter 16 Jahren eingeschlossen. Um festzustellen, welche Kinder erkrankten, verlinkten die Forschenden anonyme Datensätze des SNC und SKKR miteinander. Genaue Koordinaten des Wohnorts zum Zeitpunkt der Volkszählung waren für nahezu alle Kinder bekannt.

Wohnort- mit Leukämie-Daten verglichen
Das Team am ISPM untersuchte, ob Kinder, die sehr nahe an Autobahnen oder Autostraßen aufwuchsen, ein erhöhtes Krebsrisiko aufwiesen. Dazu teilten sie die Wohnorte der Kinder zum Zeitpunkt der Volkzählung in verschiedene Distanzgruppen ein (weniger als 100 Meter, 100 bis 250 Meter, 250 bis 500 Meter und über 500 Meter von der nächsten Autobahn oder Autostraße entfernt) und verglichen die Leukämiehäufigkeit in den verschiedenen Distanzkategorien.

Bei einer zweiten Untersuchungsmethode wurden aufgrund der Volkzählungsdaten abgeschätzt, wie viele Personenjahre insgesamt von allen in der Schweiz wohnhaften Kindern in den verschiedenen Distanzgruppen zwischen 1985 und 2008 durchlebt wurden - für jedes gelebte Kalenderjahr trägt ein Kind ein Personenjahr bei. Auch hier wurden die Leukämiefälle pro Personenjahre zwischen den Distanzgruppen verglichen.

Vor allem Kleinkinder sind gefährdet
Laut Kuehni und Spycher zeigten beide Methoden sehr ähnliche Resultate: Für Leukämien wurde bei Kindern in der Distanzkategorie unter 100 Meter ein um 47 Prozent (erste Methode), beziehungsweise 57 Prozent (zweite Methode) erhöhtes Risiko gefunden im Vergleich zu Kindern, die mehr als einen halben Kilometer zur nächsten Autobahn oder Autostraße wohnten.

Bei einer Unterteilung nach Altersklassen zeigte sich, dass sich die Risikoerhöhung auf 0- bis 4-jährige Kinder beschränkt. "In dieser Altersgruppe war das Leukämierisiko bei einem Wohnort innerhalb 100 Meter neben einer Autobahn etwa doppelt so hoch wie bei einem Abstand der Wohnung von 500 Metern oder mehr", sagt Ben Spycher.

Benzol in Abgasen als Krebsauslöser?
Bei den anderen Distanzkategorien sowie für andere Krebsarten, etwa Hirntumore und Lymphome, fanden die Forscher keine klaren Hinweise auf ein erhöhtes Risiko. Die Tatsache, dass nur bei Leukämien ein erhöhtes Risiko gefunden wurde, könnte laut den Forschern auf Benzol (ein Bestandteil der Autoabgase) als mögliche Ursache hinweisen. Es sei bekannt, dass eine hohe Benzolbelastung am Arbeitsplatz bei Erwachsenen Leukämien auslösen können. "Insgesamt deuten die Resultate tatsächlich darauf hin, dass Luftverschmutzung durch den Verkehr das Risiko für Kinderleukämien erhöhen kann, insbesondere im Kleinkindalter", so Claudia Kuehni.

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