Fr, 24. November 2017

Erziehungsserie

26.10.2015 12:08

Folge 9: Wie die Kindheit prägt

Menschen, die eine wenig glückliche Kindheit hatten, starten mit mehr Belastung ins Leben als andere. Doch sie sind ihrer Kindheit nicht ausgeliefert.

Kindheitserfahrungen beeinflussen das ganze Leben: Wie man mit Leistungsdruck umgeht, Beziehungen führt, ob man unsicher oder selbstbewusst wird. Erkennen Sie sich vielleicht in folgenden Situationen wieder? Sie verlieben sich immer in die "Falschen"? Bei Erschöpfung rutschen Sie in eine depressive Stimmung? Beim kleinsten Misserfolg zweifeln Sie grundsätzlich an Ihren Fähigkeiten? Sie haben Schwierigkeiten, sich zu entscheiden? Bekommen manchmal aus heiterem Himmel Angst und wissen nicht, wovor? Sehnen sich nach Nähe und intensiven Kontakten, doch sobald Ihnen ein Mensch näher kommt, ziehen Sie sich zurück?

In schöner Regelmäßigkeit tauchen diese Situationen und Stimmungen, diese "Löcher" in Ihrem Leben auf? "Das Loch existiert. Es ist vor langer Zeit gegraben worden, als Sie klein waren. Damals konnten Sie noch nicht erkennen, dass es ein Hindernis gibt, vor dem Sie sich hüten sollten", schreibt die Chefredakteurin des deutschen Magazins "Psychologie heute", Ursula Nuber, in ihrem Buch "Lass die Kindheit hinter dir".

Wer als Kind nicht ernst genommen wird, verschließt sich
Die deutsche Diplompsychologin schildert im Interview ihre Erfahrungen aus der Praxis: "Viele Menschen fühlen sich von negativen Erlebnissen in ihrer Kindheit blockiert. Doch die Kindheit ist zwar prägend, hier werden Weichen gestellt, aber wir sind nicht dazu verurteilt, unser gesamtes Leben lang dieser Weichenstellung zu folgen. Wir können die Richtung ändern."

Niemand ist perfekt, auch Eltern sind fehlbar. In der Mehrheit der Fälle entstand dieses "Loch" nicht aus bösem Willen und nicht aus Absicht. "Eltern haben ihre eigenen Probleme und Schwächen - und diese wirken sich auf den Umgang mit ihrem Kind aus: Liebeskummer, finanzielle Sorgen, Arbeitslosigkeit, Krankheit und Überforderung. Weil das Leben für sie schwer ist, machen sie es auch ihren Kindern schwer. Sehr viel häufiger als offensichtliche Misshandlungen sind die subtilen, seelischen, nicht sichtbaren Verletzungen, die tiefe Löcher graben", so Nuber. Wie etwa, wenn ein Geschwisterchen ständig bevorzugt wurde.

Viele Eltern ziehen ein Kind anderen Kindern vor
Amerikanische Wissenschafter haben festgestellt, dass zwei Drittel aller Eltern ein Kind ihren anderen Kindern vorziehen. Oder die schwierige Trennung der Eltern, die in einem Rosenkrieg endete. Auch ein Zuviel an Aufmerksamkeit oder Überbehütung kann Kinder prägen - im Sinne von zu wenig Selbstvertrauen bei der Lösungsfindung von Problemen zu haben.

Konfliktverarbeitung der Eltern übernehmen
Neben Liebe dient ein intaktes Familienleben als wichtigste Stütze, damit die Persönlichkeit eines Kindes zu der reifen Persönlichkeit eines Erwachsenen heranreifen kann. Es ist immens wichtig, dass eine Familie im Hintergrund da ist, auf die es sich verlassen kann. Ein Platz, wo es immer hinkommen kann und bedingungslos angenommen und geliebt wird. Ist diese Familie nicht intakt, vielleicht geprägt durch ständigen Streit oder gar häusliche Gewalt, ist das nicht nur extrem verunsichernd für ein Kind, sondern führt auch dazu, dass es das Gefühl bekommt, allein zu sein, niemanden zu haben, auf den es sich verlassen kann. Das kann dazu führen, dass sich ein Jugendlicher vor allem in der sensiblen Phase der Pubertät andere Möglichkeiten oder Quellen sucht, um Anerkennung, Trost und Aufmerksamkeit zu erhalten: Alkohol, Drogen, zweifelhafte Freunde oder sogar Ersatzfamilien.

"Krone"-Eltern-Kids-Coach Nina Petz steht Ihnen mit Rat zur Seite - per Videoklick auf krone.at/erziehung sowie gemeinsam mit ihrem Team per E-Mail und Post. Ihre Anfragen werden vertraulich behandelt.

Mein Mann (44) hatte es als Kind nicht leicht. Leider neigt er bei Überforderung dazu, genauso abweisend mit unseren Kindern (7, 12, 16 Jahre) umzugehen, wie es bei ihm der Fall war.
Selbst Mama oder Papa zu sein bringt oft Erinnerungen an die eigene Kindheit hervor. Fühlt man sich damit jedoch überfordert, ist es an der Zeit, genauer hinzuschauen und sich eventuell auch professionelle therapeutische Hilfe zu suchen. So lernt man sich selbst und die eigenen Bedürfnisse besser kennen und kann Heilungsstrategien gegen alte Wunden entwickeln. Kinder übernehmen oft die Konfliktverarbeitung ihrer Eltern, wie zum Beispiel in Stresssituationen. Das kann oft sogar über Generationen weitergegeben werden. Neben Liebe ist ein intaktes Familienleben die wichtigste Stütze, die die Persönlichkeit eines Kindes zu der reifen Persönlichkeit eines Erwachsenen heranwachsen lässt. Ich kann daher nur empfehlen, sich therapeutische Hilfe zu holen, wenn man hier nicht weiter weiß. Ermutigen Sie Ihren Mann also dazu - auch im Sinne des Wohles und der Zukunft Ihrer gemeinsamen Kinder und der Familie. Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit.

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