Di, 12. Dezember 2017

"Krone"-Interview

03.10.2015 20:10

Zucchero: "Wien ist Vorreiter für Menschlichkeit"

Er war einer der Top-Stars beim pompösen "Voices For Refugees"-Charity-Konzert am Wiener Heldenplatz: der italienische Top-Star Zucchero ist aber nicht nur ein erfolgreicher und vielbeachteter Musiker, sondern Zeit seines Lebens auch ein Revoluzzer und Kämpfer für das Soziale. In Wien trat er mit einem 20-köpfigen Mädchenchor auf und hatte davor im "Krone"-Interview einige klare Botschaften zur Flüchtlingsthematik parat.

"Krone": Zucchero, du warst auch ein Teil des "Voices For Refugees"-Gratiskonzerts am Wiener Heldenplatz. Warum bist du ganz persönlich hier und was bedeutet dir diese Veranstaltung?
Zucchero: Ich wurde eingeladen und finde, dass es der richtige Moment für so ein Konzert ist. Österreich ist das erste Land, das so etwas auf die Beine stellt - in Italien ist so ein Konzert, das Flüchtlinge unterstützt, noch nie passiert. Ich war auch immer jemand, der andere Menschen auf diese großen Probleme aufmerksam gemacht hat. Ich habe sehr viele Charity-Konzerte mit Bono, Peter Gabriel, Sting oder Luciano Pavarotti gespielt - vor allem für Kinder. Ich habe auch ein großes Konzert in der Londoner Royal Albert Hall mit vielen Gästen gespielt, wir haben einen großen Teil der Einnahmen den Flüchtlingen zukommen lassen. Ich tue gerne mein Möglichstes um jemanden zu helfen, der im Leben nicht so viel Glück hatte wie ich. Hier geht es nicht um Politik oder Religionen, aber ich kann mir einfach keine Familien mit Kindern in so einer Situation anschauen, ohne etwas dafür zu machen. Das sind keine Immigranten, das bin eher ich, weil ich über die ganze Welt toure. (lacht) Als ich die Menschen in den Nachrichten weinen und sterben sah, hat das in mir große Emotionen ausgelöst.

Ich kann einfach nicht verstehen, dass so viele Länder in Europa offensichtlich nicht einmal versuchen, diesen Menschen zu helfen. Es wäre eine Aufgabe der Politik, hier deutlicher Stellung zu beziehen. Indem sie von Terroristen innerhalb der Flüchtlingswelle reden, verstärken sie die Ängste in der Bevölkerung. Natürlich kann man das nicht ganz verhindern, aber der Großteil muss einfach flüchten, weil er sonst im Krieg sterben würde. Man muss ihnen einfach helfen und sie schützen - das ist für mich offensichtlich, was sollte man sonst tun? Aber es geht darum, ein passendes System zu finden. Italien kennt das Problem schon länger, aber Europa ist ziemlich spät aufgewacht. Die Briten haben früher schon mehr gemacht, mit Charity-Konzerten wie "Live Aid" zum Beispiel. Da haben sich die Künstler selber zusammengerauft, um die Leute mit solchen Veranstaltungen für die Probleme zu sensibilisieren. Heute ist Wien Vorreiter für diese Art von Menschlichkeit, ansonsten bewegt sich da relativ wenig.

"Krone": Es war überraschend, wie lang es gedauert hat, bis so ein Konzert auf die Beine gestellt wurde. Selbst in den 60ern zu Zeiten des Vietnam-Krieges formierten sich Leute für solche Veranstaltungen.
Zucchero: Das stimmt, aber wo bleibt dieser Einsatz heute? Italien, Spanien, Frankreich, Deutschland - niemand macht was. Es ist so, als ob sie kein Geld dafür investieren wollten, kein Interesse daran hätten.

"Krone": Hast du persönlich schon Erfahrungen mit Flüchtlingen oder Thematik als solches gemacht?
Zucchero: Ich direkt nicht, aber ich habe mit Pavarotti und Freunden schon oft für sie gespielt. Ich supporte auch Charity-Aktionen für die Kinder des Krieges, habe geholfen, ein Spital in Liberia und eine Musikschule im bosnischen Mostar zu errichten. Was ich derzeit jeden Abend im Fernsehen sehe ist aber so schlimm wie nichts zuvor - das ist bislang der Gipfel der gesamten Problematik.

"Krone": Bist du selbst eine Person, die sich auf die Straße stellt und demonstriert?
Zucchero: Ich könnte durchaus ein Che Guevara sein. (lacht) Ich würde niemals eine Waffe erheben, aber sofort Teil einer Bewegung sein. Ich war schon immer ein Revoluzzer.

"Krone": Siehst du dich selbst manchmal als Botschafter von sozialen Projekten, von Charity-Veranstaltungen?
Zucchero: Ich sehe mich eher als Botschafter der Kinder des Krieges. Es kommt aber immer darauf an, wie man diese Bezeichnung betrachtet. Wenn jemand nur meinen Namen für eine Botschaft missbraucht, interessiert mich das nicht. Sagen wir so - ich vertraue bestimmten Menschen blind. Wenn Leute wie Sting, Bono oder Peter Gabriel ein Konzert oder eine Charity-Veranstaltung auf die Beine stellen, dann weiß ich sofort, dass sie es ernst meinen, mit der nötigen Sensibilität vorangehen und das Geld auch in die richtige Richtung fließt. Anderen wiederum sage ich ab, weil ich mir nicht sicher bin, ob das Geld auch wirklich sozialen Projekten zufließt. So etwas finde ich nicht okay. "Voices For Refugees" ist aber etwas Pures und Vertrauenswürdiges. Deshalb war ich auch sofort an Bord.

"Krone": In Österreich haben die Einheimischen durch den Zuzug Angst, dass ihnen die Jobs abhandenkommen bzw. abgenommen werden. Wie kann man so ein Problem lösen?
Zucchero: Die Reaktion von Österreich, in der größten Not die Grenzen sofort zu öffnen, war richtig. Ich weiß, dass das nicht einfach ist, denn es gibt schon so für viele Österreicher wenige Jobs. Würden sich Politiker zusammensetzen, um eine Lösung zu überlegen, dann könnten sie die Integration der Flüchtlinge beschleunigen und der Bevölkerung zusätzlich noch die Angst vor dem Fremden nehmen. Die rechtsgerichtete Lega Nord bei uns in Italien trumpft auch nur mit Populismus auf. Sie stellt eine einfache Rechnung auf, wie viel ein Flüchtling pro Tag in einem Hotel kostet. Man muss diese Menschen aber weder in Hotels, noch in Zelten geben, sondern kann sie auch in Beherbergungsbetrieben unterbringen. Auch die USA sollten mehr Flüchtlinge aufnehmen, sie sorgen sich meiner Meinung nach zu wenig um die Menschen und sind nicht demokratisch genug, obwohl sie ein gewichtiger Teil dieses Problems sind. Ich habe keine Lösung - die anderen aber auch nicht.

"Krone": Man muss einfach versuchen, den Menschen die Angst zu nehmen.
Zucchero: Es gibt aber auch um eine gerechte Aufteilung. Jedes einzelne Land muss sich da an der Nase nehmen. Ein kleineres Land kann vielleicht nur 20.000 Menschen aufnehmen, ein anderes ein Vielfaches davon - da sind die Regierungen gefragt, sie müssen das lösen. Ich kann nur singen und dadurch den Menschen das Problem gewahr machen. Ich versuche die öffentliche Meinung mit meiner Musik zu sensibilisieren, das ist meine Aufgabe. Vor allem bei der jungen Generation kann man hier noch den Hebel ansetzen.

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