Di, 12. Dezember 2017

Der VW-Skandal

28.09.2015 07:31

VW hat jahrelang Hinweise auf Illegales ignoriert

Der VW-Konzern hat sich offenbar "sehenden Auges" in die Katastrophe gezockt. Medienberichten zufolge hatte es bei Volkswagen bereits seit bis zu acht Jahren Hinweise auf den Einsatz illegaler Software zur Manipulation von Abgas-Tests bei Diesel-Fahrzeugen gegeben. Fragt sich, wie lange Ex-Chef Martin Winterkorn seine Behauptung aufrechterhalten kann, dass er von nichts gewusst habe.

Bei VW hieß es, man könne zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen, wer was wann gewusst habe. Man fokussiere sich nun darauf, für Kunden und Händler technische Lösungen zur Verfügung zu stellen.

Ein Techniker von VW hat laut der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" bereits 2011 vor den Praktiken gewarnt. Dies gehe aus einem Prüfbericht der internen Revision von VW hervor, schrieb das Blatt unter Berufung auf Aufsichtsratskreise. Das Kontrollgremium sei darüber bei seiner Sitzung am vergangenen Freitag informiert worden. Es sei aber nicht geklärt worden, warum die Warnung damals ohne Folgen geblieben sei. Sollten die externen Ermittler Belege für ein Fehlverhalten aktueller oder ehemaliger Vorstände finden, drohten den Managern Schadenersatzforderungen des Konzerns.

Bosch soll sogar schon 2007 vor der gesetzeswidrigen Verwendung der Technik zur Abgasnachbehandlung gewarnt haben. Die von Bosch gelieferte Software sei nur für Testzwecke vorgesehen gewesen, nicht für den normalen Fahrbetrieb, schrieb die "Bild am Sonntag" unter Berufung auf ein VW-internes Dokument, auf das die interne Revision gestoßen sei. In einem Brief habe Bosch dem Konzern mitgeteilt, dass der geplante Einsatz illegal sei.

Ein Bosch-Sprecher betonte am Sonntag, man sei im Rahmen der Geschäftsbeziehungen mit VW zur Vertraulichkeit verpflichtet. Vergangene Woche war bekanntgeworden, dass die Technik zur Abgasnachbehandlung von dem schwäbischen Autozulieferer stammt. Aus den Unterlagen der US-Umweltbehörde EPA, die den Skandal öffentlich gemacht hat, geht hervor, dass VW die Software selbst programmiert hat.

Stilllegung betroffener Autos droht
Das KBA setzt den Wolfsburgern bei der Aufklärung des Falls das Messer an: "Das Kraftfahrtbundesamt hat VW aufgefordert, einen verbindlichen Maßnahmen- und Zeitplan vorzulegen, aus dem ersichtlich wird, bis wann eine technische Lösung der betreffenden Fahrzeuge umgesetzt werden kann", sagte Verkehrsminister Alexander Dobrindt. Die Frist laufe bis zum 7. Oktober. Falls VW nicht reagiere, werde die Behörde den Autos die "Typengenehmigung" entziehen. Damit dürften die Fahrzeuge nicht mehr verkauft und bewegt werden.

Ein VW-Sprecher betonte, das Unternehmen stehe in Kontakt mit dem KBA. "Es ist unser Ziel, in der nächsten Woche einen groben Zeitplan zu haben zu den betreffenden Punkten." Es sei im ureigenen Interesse von VW, die Sache so schnell wie möglich zu klären. Die Gespräche fänden auf höchster Ebene statt.

Eigene Kontrollen in Österreich?
Die deutsche Umweltministerin Barbara Hendricks sagte dem Handelsblatt: "Wir arbeiten derzeit in Brüssel an neuen, ehrlichen Messverfahren. Wir dürfen uns nicht nur auf Tests im Labor verlassen." Es müsse "im realen Fahrbetrieb gemessen werden, was aus dem Auspuff rauskommt". Das fordern in Österreich auch Verkehrsminister Alois Stöger (SPÖ) und Umweltminister Andrä Rupprechter (ÖVP).

In der Pflicht sieht Stöger aber Deutschland: "Da in Österreich für Autos bisher keine europäischen Typengenehmigungen ausgestellt wurden, können sie von den österreichischen Behörden nicht entzogen werden. Betreffend VW ist also Deutschland in der Pflicht", hieß es in einer schriftlichen Stellungnahme des Ministeriums. Umgehend würden Prüfberichte, die derzeit in Deutschland erstellt werden, nach Österreich weitergeleitet. Grüne und NEOS hatten gefordert, auch in Österreich müsse eigens kontrolliert werden.

In Italien wird das nun stichprobenartig gemacht werden, "Jeder Test kostet rund 8.000 Euro, aber das ist es uns wert. Wir werden die Ergebnisse in zwei bis drei Monaten haben", sagte Verkehrsminister Graziano Delrio der Turiner Tageszeitung "La Stampa".

Das Schweizer Bundesamtes für Straßen (Astra) hatte am Freitag sogar ein vorübergehendes Zulassungsverbot für Fahrzeuge mit dem betroffenen Motor angekündigt. Es soll diesen Montag in Kraft treten. Allerdings ist laut Importeursverband unklar, wie viele Autos mit der älteren Abgasnorm Euro 5 überhaupt noch im Handel sind. Bereits zugelassene Fahrzeuge sind nicht betroffen.

In Belgien hat der VW-Importeur D'Ieteren 3.200 Diesel mit dem fraglichen Motor EA 189 vorsorglich vom Markt genommen. Der Verkauf sei gestoppt, bis es von Volkswagen weitere Informationen gebe, hieß es am Samstag. Dann könnten auch die Besitzer informiert werden, die ein Auto mit der betrügerischen Software fahren. Das belgische Wirtschaftsministerium schätzt, dass dies im Land etwa 500 000 Autos betrifft.

Winterkorn pocht auf volle Gage
Der zurückgetretene VW-Chef Martin Winterkorn pocht auf die Auszahlung seines noch bis Ende 2016 laufenden Vertrags. Außerdem könnte er bis zu 60 Millionen Euro teils als Pension, teils als Abfindung bekommen. Im Aufsichtsrat gebe es allerdings Widerstände gegen die Forderungen angesichts der Milliardenkosten, die dem Konzern aus der Abgas-Affäre drohten, hieß es in der "Bild am Sonntag". Winterkorn verdiente im vergangenen Jahr insgesamt 15,9 Millionen Euro und war damit Spitzenreiter unter den Chefs der 30 Dax-Unternehmen. VW lehnte eine Stellungnahme zu dem Bericht ab.

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