Mo, 18. Dezember 2017

Streit eskaliert

19.09.2015 13:00

Kroatien "zwingt" Ungarn zur Flüchtlingsaufnahme

Trotz der Spannungen mit Ungarn will Kroatien weiterhin ankommende Flüchtlinge an die ungarische Grenze transportieren. Ein Abkommen mit Budapest in der Sache gebe es aber nach wie vor nicht, erklärte der kroatische Premier Zoran Milanovic am Samstag. "Wir haben sie mehr oder weniger gezwungen, die Flüchtlinge anzunehmen, und wir werden das weiter tun", sagte er. Ungarn gab unterdessen die Fertigstellung eines weiteren Stacheldrahtzaunes bekannt - an der Grenze zur Kroatien.

Der Grenzzaun riegelt seit Samstag die 41 Kilometer lange Landgrenze zwischen beiden Staaten ab, wie das Verteidigungsministerium mitteilte. Die restlichen 330 Kilometer der Grenze werden von der Drau gebildet.

Ungarn hat am Samstag zudem begonnen, einen Teil der Armee-Reservisten zu mobilisieren, um mit der "Masseneinwanderungskrise" fertigzuwerden, wie die staatliche Nachrichtenagentur MTI berichtete. Dies sei auf Wunsch des Stabschefs passiert. Die Reservisten sollen vorrangig in Kasernen als Ersatz für reguläre Soldaten eingesetzt werden, die zum Grenzeinsatz abberufen wurden.

Ungarn will Kroatiens Schengen-Beitritt blockieren
Die Spannungen zwischen Zagreb und Budapest nehmen weiter zu: Wegen der "erzwungenen" Flüchtlingstransporte nach Ungarn kündigte das Büro von Premier Viktor Orban an, den Beitritt Kroatiens zum Schengen-Raum zu blockieren. Anders als Ungarn ist Kroatien bisher zwar EU-, nicht aber Schengen-Mitglied.

Zagreb hatte in der Nacht auf Samstag nach Angaben der ungarischen Polizei 7852 Flüchtlinge an die ungarische Grenze gebracht, ohne dies mit Ungarn abzusprechen. In der Nacht auf Samstag herrschte auch Verwirrung um einen Zugtransport, der von kroatischen Polizisten begleitet wurde. Ungarische Medien zitierten einen Regierungssprecher, der von der Entwaffnung der Polizisten und der Festnahme des Lokführer berichtet habe. Zagreb dementierte und betonte, dass die Polizeieskorte mit den ungarischen Kollegen akkordiert gewesen sei. Mittlerweile hat auch die ungarische Polizei erklärt, dass die kroatischen Beamten unbewaffnet gewesen seien. Nach einer Identitätsfeststellung seien die Kroaten wieder Richtung Heimat begleitet worden. Zum Fall des Lokführers äußerte sich die Polizei allerdings nicht.

Kroatien auch mit Serbien im Clinch
Wegen der Flüchtlingskrise ist sich Kroatien auch mit Serbien in die Haare geraten. Während Serbien "auf zivilisierte Weise" mit den Tausenden Flüchtlingen umgehe, sei Kroatien "ein neonazistisches Provisorium, das nur zu Hass und Konflikten fähig ist", kommentierte die serbische Boulevardzeitung "Informer" am Samstag in Belgrad.

Am Vortag hatte Kroatiens Regierungschef auf die Drohung Serbiens reagiert, gegen die Schließung der Grenzübergänge vor internationalen Gerichten zu klagen: "Ein Adler jagt doch keine Fliegen, und der Adler sind wir." Die größte serbische Zeitung "Blic" regte das auf: "Skandal: Kroatischer Premier bezeichnet Serbien als Fliege", schrieb das Blatt. Der direkt angesprochene serbische Sozialminister Aleksandar Vulin konterte prompt: "Du bist ein gerupftes Huhn", zitierte ihn die Zeitung "Kurir" am Samstag mit einer Aussage zu Milanovic.

Verhaltene Schadenfreude in Belgrad
Die beiden größten Länder auf dem westlichen Balkan pflegen auch infolge der Bürgerkriege in den 90er-Jahren traditionell ein gespanntes Verhältnis. Genussvoll breiteten die serbischen Medien aus, dass Kroatien schon nach zwei Tagen vor dem Ansturm der Flüchtlinge kapitulieren habe müssen, während Serbien in den vergangenen Monaten mehr als 130.000 Menschen durchs Land geschleust hatte. "Das europäische Gesicht Kroatiens dauerte nur 16 Stunden", titelte die Regierungszeitung "Politika" am Samstag.

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