Sa, 18. November 2017

Viktoria Savs

14.09.2015 14:23

Von der k.u.k.-Kriegsheldin zur Gehilfin Hitlers

Viktoria Savs war eine der bekanntesten Frontsoldatinnen des Ersten Weltkriegs. Wie viele ihrer Geschlechtsgenossinnen diente sie unerkannt. Beim Einsatz an der Dolomitenfront verlor sie ihr rechtes Bein und wurde von der Kriegspropaganda zur Volksheldin stilisiert. Später geriet Savs in den Dunstkreis der Nationalsozialisten, trat der NSDAP bei und diente in der Wehrmacht. Eine jüngst erschienene Biografie eröffnet neue Einblicke in das Leben des "Heldenmädchens von den Drei Zinnen".

Heldengeschichte oder Propaganda? Viktoria Savs wurde 1899 in Bad Reichenhall geboren, mit 15 Jahren meldete sie sich nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 freiwillig. Mit dem Wissen ihrer Vorgesetzten diente Savs verkleidet als Soldat "Hansl" in der k.u.k.-Armee an der Dolomitenfront an der Seite ihres Vaters. Für ihre Tapferkeit erhielt sie mehrere Orden. Nun liegt die erste Biografie der Kämpferin vor, in der Autor Frank Gerbert die Person und das Leben Savs' als durchaus umstritten darlegt.

So vermutet er hinter ihrem Einsatz in den Dolomiten eine Propagandaaktion der Kriegsherren. Man habe das Mädchen zur "heiligen Johanna der Schlachtfelder" aufbauen wollen, schreibt Gerbert. Denn: Frauen, die im Ersten Weltkrieg in den Armeen als Kraftfahrerinnen, Krankenschwestern und Versorgungskräfte dienten, gab es überall.

Und auch inkognoto dienten Österreicherinnen in der Armee: Die Wienerin Maria Senta Hauler etwa wurde als vermeintlicher "Schütze Wolf Hauler" ins Infanterieregiment aufgenommen und erhielt für ihren Einsatz eine Tapferkeitsmedaille. Als ihre falsche Identität aufflog, wurde sie in den Nachrichtendienst überstellt. Die Vorarlbergerin Stephanie Hollenstein wiederum rückte als "Stephan" an die Front ein und musste, nachdem der "Irrtum" bemerkt worden war, den Dienst quittieren. Sie arbeitete danach als malende Berichterstatterin.

Heldengeschichte oder Propaganda?
Doch die Geschichte von Viktoria Savs, des "Heldenmädchens von den Drei Zinnen", war in dieser Form in Europa einmalig - und wurde entsprechend ausgeschlachtet. Am 27. Mai 1917 soll die Soldatin mit einer Munitionskiste durch eine Felsrinne geklettert sein, als über ihr angeblich eine italienische Granate einschlug. Abgesprengtes Gestein habe ihr das Bein zerschmettert, nur ein paar Sehnen hätten den Unterschenkel noch am Körper gehalten, hieß es. Wie die Kriegspresse berichtete, soll die "eiserne Maid" noch versucht haben, das Bein mit einem Messer abzuschneiden, um ihre Pflicht zu erfüllen. Im Lazarett amputierte man ihr schließlich den Unterschenkel.

Gerbert, der bei seinen Recherchen auch Zeitzeugen befragte und Originaldokumente sichtete, zweifelt allerdings an dieser Darstellung der Ereignisse. Denn einige von Savs' Kameraden berichteten 1919, sie sei in eine Felssprengung der eigenen Leute geraden, als sie gerade an einem "höchst menschlichen Ort saß" - also "Friendly Fire" auf dem Klo. Doch das wollte während der gnadenlosen Alpenschlacht natürlich niemand hören, und so wurde Viktoria Savs zur Heldin stilisiert - und nach Kriegsende schnell vergessen.

Später im Dunstkreis der Nazis
Die Biografie der wehrhaften Frau zeigt auf schaurige Weise, wie aus Mut und Patriotismus Hass und Fanatismus werden können. So geriet die Ex-Soldatin in den Dunstkreis der Nationalsozialisten, 1933 trat sie der österreichischen NSDAP bei. Weil man ihr nicht einmal die angeblich kaputte Prothese ersetzte, schenkte ihr der "Führer" 1934 eine neue. 1938 trat sie schließlich in die Wehrmacht ein und diente an der Seite der SS in Serbien.

Im Dezember 1944 wurde Savs nach ihrem Umzug nach Salzburg von der NSDAP zum Blockleiter ernannt. Sie stand damit am unteren Ende der Hierarchie von nationalsozialistischen Parteifunktionären. In dieser Funktion war sie Teil des Überwachungsapparates der Gestapo, denn ihre Aufgaben umfassten unter anderem das Melden von "Judenfreunden" sowie Denunziationen.

Nach Kriegsende lebte Savs weiter in Österreich, bis in die 1950er nahm sie immer wieder an Veteranentreffen teil. Sie starb in der Silvesternacht 1979. Der Lehrgang 1999 der Heeresunteroffiziersakademie des Bundesheeres wurde nach ihr benannt.

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