So, 17. Dezember 2017

Kritik an Lager

14.09.2015 09:18

Flüchtling in Ungarn: "Das ist wie Guantanamo"

Krieg, Not und Elend lassen seit Monaten eine beispiellose Flüchtlingswelle über Europa rollen. Bevor die Migranten, die meistens über die Balkan-Route kommen, ihre Ziele in Deutschland oder Österreich erreichen, betreten sie in Ungarn EU-Boden. Doch was sie dort im Erstaufnahmelager Röszke hinter der serbischen Grenze erleben, macht sogar die leidgeprüften Syrer fassungslos. Einer davon ist Mustafa, der seine Heimatstadt Kobane verlassen musste und nun in Europa auf ein besseres Leben hofft. "Selbst Tiere behandelt man besser als uns. Das ist hier wie Guantanamo", sagt er in Anspielung auf das US-Militärgefängnis auf Kuba. Und selbst Ärzte warnen schon vor einer Ausbreitung von Krankheiten.

Mustafa spricht durch den hohen Zaun, der das Lager umgibt - Journalisten dürfen es nicht betreten. Der Syrer zeigt auf seinen verletzten Fuß, der mit einem blauen Plastiksack umhüllt ist. Auf ärztliche Hilfe wartete er bisher vergeblich. Andere Flüchtlinge zeigen die Mahlzeit, die die ungarischen Behörden ihnen zugestehen: eine Semmel, eine kleine Dose Hühnerpastete und ein Fläschchen Wasser. "Das ist nicht mal genug Essen für ein Kind", klagt Mustafa. "Ich weiß nicht, wie lange wir unter diesen Bedingungen durchhalten können."

Unter einem grauen und regenverhangenen Himmel bringen ungarische Polizisten die Essensrationen mit Schubkarren zu den rund 400 Flüchtlingen, die in einem Lagerblock in Dutzenden olivfarbenen Zelten untergebracht sind. In einem benachbarten Lagerteil haben Polizisten die Rationen wiederum in eine zwischen Zäunen zusammengepferchte Menschenmenge geworfen.

Holocaust-Vergleich von Kanzler Werner Faymann
Bilder wie diese gibt es immer wieder aus Ungarn, Budapest steht massiv unter Druck. Die Kritik an Regierungschef Viktor Orban, der am Samstag sagte, dass es "kein Grundrecht auf ein besseres Leben" gebe, wächst. Sowohl Bundeskanzler Werner Faymann als auch der deutsche Vizekanzler Sigmar Gabriel attackierten am Samstag die Flüchtlingspolitik des ungarischen Premiers. Faymann sagte in einem Interview mit dem deutschen Nachrichtenmagazin "Der Spiegel": "Orban betreibt bewusst eine Politik der Abschreckung. Flüchtlinge in Züge zu stecken in dem Glauben, sie würden ganz woanders hinfahren, weckt Erinnerungen an die dunkelste Zeit unseres Kontinents." Faymann spielte damit offenbar auf die Deportationen in der Zeit des Nationalsozialismus an.

Rund um das durch vier Meter hohe und mit Stacheldraht versehene Zäune gesicherte Lager Röszke wachen Polizisten mit abweisenden Gesichtern und Schäferhunden. Vertreter internationaler Organisationen sind nicht in Sicht. Vor dem Camp warten Busse mit Neuankömmlingen auf Einlass. Beim Betreten des Lagers müssen sich alle Flüchtlinge registrieren lassen. Ungarische Polizisten statten sie mit pinkfarbenen Armbändern aus, auf deren Strichcode Name und Ankunftsdatum vermerkt sind. Dann werden die Flüchtlinge auf die Lagerblöcke verteilt, deren Zelte dem Wind schutzlos ausgesetzt sind.

"Nachts ist es viel zu kalt, wir brauchen Decken"
Durch den Zaun hindurch bitten Flüchtlinge Journalisten um Zigaretten oder Essen. Sofort greift ein Polizist ein und verbietet jegliche Spenden. "Wir brauchen Decken, nachts ist es viel zu kalt in den Zelten", sagt Mohammad aus Afghanistan, der mehrere Schichten Kleidung übereinander trägt. Der Mann aus Kunduz ist nach eigenen Worten vor den radikalislamischen Taliban geflohen, um sein Leben zu retten. "Mein Bruder hat für die deutsche Bundeswehr in Afghanistan gearbeitet. Er lebt jetzt in Deutschland und ich will zu ihm, aber die Ungarn halten uns hier fest", klagt Mohammed.

Yassin aus dem Irak ist nach eigenen Worten wegen der nahezu täglichen Anschläge mit seiner im sechsten Monat schwangeren Frau aus Bagdad geflohen. "Das Essen ist schlecht hier, wie können meine Frau und unser Baby mit so wenig Nahrung überleben?", klagt er über die Bedingungen im Lager Röszke. "Meine Frau ist noch nicht mal von einem Gynäkologen untersucht worden. Niemand hört uns zu." Die junge Schwangere bricht in Tränen aus, während sie ihren Bauch hält. Es gebe im Lager keinen Ort, um sich zu waschen. "Meine Mutter fehlt mir. Ich kann nicht mit ihr telefonieren, weil mir die Aufseher nicht erlauben, mein Handy aufzuladen", sagt die 17-Jährige.

Ärzte warnen vor einer Ausbreitung von Krankheiten
Indes warnten Ärzte vor einer Ausbreitung von Krankheiten in dem Camp. "Wenn es kein fließendes Wasser und keine Waschmöglichkeiten gibt und Menschen mit ansteckenden Krankheiten ankommen, dann ist das ein Problem", sagte Teresa Sancristobal, Chefin des örtlichen Teams der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen am Samstag in Röszke. Es kämen zwar viele Kleider- und Lebensmittelspenden an, aber es fehle an sanitären Einrichtungen und medizinischer Ausrüstung.

Im Gegensatz zu Yassin meint Sarah Schober, 28-jährige Medizinstudentin und freiwillige Helferin aus Österreich, dass die Ärzte vor Ort schwangeren Frauen, die oft wochenlang aus Krisengebieten im Nahen Osten zu Fuß unterwegs waren, eine Priorität einräumen. "Wir haben viele schwangere Frauen, die einfach erschöpft sind und nicht mehr können. Wir können ihnen aber nur Magnesium und kleine Dosen Schnaps gegen ihre Krämpfe geben." Da es an Toiletten fehle, verrichten die Menschen ihre Notdurft nahezu überall. "Bei dem warmen Wetter droht rasch eine Epidemie", warnte Schober.

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