Mo, 18. Dezember 2017

Das große Interview

10.09.2015 14:31

Sind Sie jetzt ein anderer Mensch, Herr Koller?

36 Stunden nach dem historischen Sieg gegen Schweden spricht Nationaltrainer Marcel Koller mit Conny Bischofberger über Glück und Glauben, Schmäh und Akribie und seine Schweizer Seele.

In den Büros des Österreichischen Fußballbundes im Wiener Ernst-Happel-Stadion herrscht am Donnerstagmorgen noch immer ausgelassene Stimmung. Nur fröhliche Gesichter. Auf dem kurzen Weg ins Besprechungszimmer fallen dem Nationaltrainer immer wieder Mitarbeiter um den Hals. "Super!" "Gratuliere!" "Ein Wahnsinn." Marcel Koller Superstar. Zum ersten Mal in der Fußballgeschichte hat sich das ÖFB-Team unter seiner Führung für die Europameisterschafts-Endrunde in Frankreich qualifiziert. Im Interview dämpft der Schweizer falsche Hoffnungen. Jetzt bloß keine übertriebene Euphorie! Dabei strahlen seine braunen Augen.

"Krone": Herr Koller, mit welchem Gefühl sind Sie heute Morgen, nach der ersten durchgeschlafenen Nacht, aufgewacht?
Marcel Koller: Das Grundgefühl war Zufriedenheit, Glück. Aber schon im nächsten Moment habe ich an die zwei Spiele gedacht, die noch vor uns liegen. Wir dürfen uns nicht auf den Lorbeeren ausruhen.

"Krone": Diese Nüchternheit war seit ihrem Antritt vor vier Jahren immer Ihr Markenzeichen. Aber am Dienstag haben Ihre Spieler Sie vor Begeisterung in die Luft geworfen und Sie haben gejubelt. Im Flugzeug zurück nach Wien hat man Marcel Koller sogar tanzen gesehen. Was ist da passiert?
Koller: Ja, das war verrückt. Du fühlst dich wie auf einem Trampolin, nur bist du nicht unter Spannung und hast keinerlei Kontrolle. Da hofft man schon, dass alle, die unten stehen, einen auch wieder in Empfang nehmen und nicht in der Zwischenzeit wegrennen. (lacht)­ Der Unterschied zu früher ist: Wir haben jetzt wirklich etwas erreicht. Die österreichische Mentalität ist eher so, dass auch schon früher gefeiert wird. Wenn man nach zwei Spielen schon Tabellenführer ist, dann denken sich viele: Passt schon! Jetzt sind wir eh dabei! Oder wie man in Wien sagt: g'mahte Wiesn. Ich wollte zuerst über die Ziellinie kommen.

"Krone": War das Ihre Idee, bei der Pressekonferenz am Mittwoch eine Baskenmütze zu tragen und in ein Baguette zu beißen?
Koller: Ja. Damit alle sehen: Okay, jetzt sagt auch der Teamchef, dass wir im Ziel sind.

"Krone": Hat Österreich einen anderen Menschen aus Ihnen gemacht?
Koller: Die Art, wie die Österreicher mir als Schweizer begegnen, finde ich sehr angenehm.  Jetzt, da wir über dieser Ziellinie sind, kann und will ich das auch zeigen. Ich bin kein Schauspieler, der ein Lächeln aufsetzt, egal ob es passt oder nicht. Jetzt passt es, und dieses Gefühl hat natürlich sehr viel mit dem Land und mit den Menschen hier zu tun.

"Krone": Am Anfang wurden sie fast gemobbt. Das muss doch ein Triumph für Sie sein, dass Ihr Team jetzt das Euro-Ticket in der Tasche hat.
Koller: Ich denke nicht so. Mich haben diese Bemerkungen nicht groß gestört.

"Krone": Sind Sie ein so netter Mensch?
Koller: Eher fokussiert auf meinen Weg, den ich konsequent gehe. Ich denke, vor vier Jahren waren einige nicht gut informiert über mich.

"Krone": Nachtragend?
Koller: Nein. Nachtragend bin ich nur, wenn mich jemand anlügt. Aber nicht bei einer Fehleinschätzung, noch dazu, wenn sich derjenige dafür entschuldigt. Das zeugt auch von Klasse.

"Krone": Sie waren nie Teil der österreichischen Sportgesellschaft. Fühlen Sie sich in dieser Rolle als Außenstehender, der mit niemandem verbandelt ist, wohl?
Koller: Ich habe Freundschaften nie mit dem Job verbunden. Ich habe viele Freunde außerhalb des Sports. Aber mittlerweile sind die meisten von denen Fußballfans geworden und fiebern mit, weil sie sehen, was für Emotionen da mitschwingen und was für eine Gänsehaut man da bekommen kann.

"Krone": Fußball als Religion?
Koller: Fußball ist und bleibt ein Spiel, da sind viele Emotionen dabei, aber es hat nichts mit Religion zu tun.

"Krone": Sind Sie jemand, der insgeheim dem Herrgott dankt, wenn etwas Schönes passiert?
Koller: Ich versuche jeden Tag, Danke zu sagen für das schöne Leben, das ich habe.

"Krone": Haben Sie auch nach dem 4:1- Sieg Danke gesagt?
Koller: Ja, als ich um 6 Uhr morgens ins Bett ging.

"Krone": Was denken Sie sich, wenn Marko Arnautovic sagt, für diese Mannschaft würde er sterben?
Koller: Dass er alles für das Team gibt. Das kam etwas aus der Emotion heraus, ist für mich aber voll okay.

"Krone": Jetzt ruht die Hoffnung einer ganzen Nation auf Ihnen: die Hoffnung, dass Österreich vielleicht sogar Europameister werden könnte. Wie gehen Sie damit um?
Koller: Ich halte es für einen Wahnsinn, dass man jetzt schon über einen Europameistertitel spricht. Da werde ich wieder dagegen arbeiten, wie ich das vier Jahre lang immer gemacht habe. Das ist völlig übertrieben. Wir werden im Dezember wissen, wen wir in der Gruppe haben, wir werden uns top vorbereiten und alles daran setzen, in dieser EM erfolgreich zu sein. Auf Hochrechnungen, was dabei herausschaut, steige ich sicher nicht ein.

"Krone": Aber Hoffnung kann doch nicht übertrieben sein?
Koller: Ich will sie den Fans nicht nehmen, jeder kann sie haben, aber ich werde da nicht mitmachen und das Team sicher auch nicht.

"Krone": "Er ist halt ein sturer Schweizer" - würden Sie das unterschreiben?
Koller: Das ist ja nicht negativ. Meine Überlegungen sind: Was ist gut für das Team? Was ist gut für die Situation? Was ist gut für den ÖFB? Wenn ich davon überzeugt bin, dann gebe ich nicht nach. Dann bin ich halt stur.

"Krone": Vom krassen Außenseiter zum Hoffnungsträger: Wie haben Sie es geschafft, dem österreichischen Fußball seine Selbstzweifel, den großen Minderwertigkeitskomplex, zu nehmen?
Koller: Das war ein Prozess über vier Jahre, der sich mit jedem gewonnenen Spiel fortgesetzt hat - auch auswärts, wo uns Schwäche nachgesagt wurde. Aber auch solche Spiele kann man drehen, wenn man nicht aufgibt. Ein Spiel geht los, wenn der Schiri anpfeift und wenn er abpfeift, dann ist erst Schluss. Die Zeit dazwischen muss jeder Vollgas geben.

"Krone": Hat Sie das eine Tor in Schweden geärgert?
Koller: Ja, weil es auch ein 4:0 hätte sein können, das ist jetzt ein kleiner Schönheitsfleck auf meinem Hemd. Das soll aber die Freude nicht trüben.

"Krone": Wie hoch ist Ihr Anteil daran, dass die National-Elf jetzt eine verschworene Gemeinschaft ist?
Koller: Mein Anteil ist der gleiche wie von jedem im Team, ich bin ein Teil des Teams, jeder ist gleichwertig, jeder trägt zum Erfolg bei.

"Krone": Es heißt, Sie präparieren Ihre Jungs wie ein Schweizer Uhrwerk. Wie muss man sich das vorstellen?
Koller: Ich bin sehr akribisch in der Vorbereitung, interessiere mich für jedes Detail. Ob ein Spieler stärker ist mit dem linken oder mit dem rechten Fuß, ob er kopfballstark ist oder ein gutes Dribbling hat? Nur so wird man nicht vom Gegner überrascht und kann schlussendlich als Sieger vom Platz gehen. Ich muss als Nationaltrainer vermitteln, was meine Spieler umsetzen müssen. Und ich gebe natürlich die Regeln vor.

"Krone": Was ist die Regel Nummer eins?
Koller: Wir haben keine Nummerierung bei den Regeln. Aber eine wichtige Regel ist Respekt im Umgang miteinander und auchng>Koller: Wer zu spät kommt, muss eine Buße zahlen.

"Krone": Wie viel?
Koller: Situationsbedingt. Wenn es mir zu bunt wird, dann setze ich das fest.

"Krone": Sie können also auch brutal sein?
Koller: Brutal ist übertrieben, aber wenn einer den Erfolg oder das Gesamt-Projekt gefährdet, dann verstehe ich keinen Spaß mehr. Im Fußball brauchst du beides: positive Motivation und Konsequenzen, wenn einer nicht das macht, was er müsste und könnte.

"Krone": Ihr Vertrag läuft bis nach der EM. Um wie viel hat sich Ihr Marktwert nach dem Schweden-Sieg gesteigert?
Koller: Na ins Unendliche! (lacht)

"Krone": Wenn Österreich bei der Euro gegen die Schweiz spielen müsste, wäre das ein Problem für Sie?
Koller: Es wäre eine spezielle Situation, aber da ich beim ÖFB angestellt bin, will ich natürlich, dass Österreich gewinnt. Da denke ich professionell.

"Krone": Wenn Sie zurückdenken in Ihre Kindheit, was ist Ihre erste Fußballerinnerung?
Koller: Ich war ein kleiner Knirps von zwei Jahren und bin schon Fußbällen hinterhergerannt. Später war ich Straßenkicker in Zürich-Schwamendingen. Für meinen Vater, der Amateurfußballer war, war ich immer der Beste, obwohl es gar nicht gestimmt hat.

"Krone": Haben Sie ihm am Dienstag bewiesen, dass es doch stimmt?
Koller: Ich denke schon, dass ich als Trainer was darauf hab', aber ich würde nie hinausposaunen, dass ich jetzt der Beste bin. Ich denke aber, dass mein Vater, der leider schon gestorben ist, schon stolz auf mich wäre.

Seine Karriere
Geboren am 11. November 1960 in Zürich. Spielte seine gesamte Karriere bei den Grasshoppers Zürich (insgesamt 55 Länderspiele). 1999 wurde Koller in der Schweiz "Trainer des Jahres". 2008 Wechsel in die Deutsche Bundesliga (1. FC Köln und VfL Bochum). Seit 4. Oktober 2011 ist der Schweizer ÖFB-Chef. Der 54-Jährige hat zwei Kinder aus erster Ehe (Kevin ist 28, Vanessa 29). Seit 2007 ist er mit Gisela verheiratet.

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