Sa, 18. November 2017

Ski-Star dankt ab

10.09.2015 14:01

Benni Raich hört auf: „Mir fehlt das Ziel“

Mit Benjamin Raich ist am Donnerstag der an Weltcupsiegen (36) erfolgreichste aktive Skirennläufer der Gegenwart zurückgetreten. Mit dem 37-jährigen Tiroler verlässt ein Hochkaräter die Skibühne und Österreich verliert einen seiner absoluten Top-Sportler. Raich ist Doppel-Olympiasieger, dreifacher Weltmeister und Weltcup-Gesamtsieger. Sein Abschied verlief emotional. "Ich habe gemerkt, dass mir das Ziel fehlt", erklärte Raich, dessen Frau Marlies im Auditorium saß (siehe auch Video oben).

Er habe im Sommer hart trainiert und sei fit wie eh und je, berichtete Raich, nachdem er um 14.01 Uhr im Wiener Hauptquartier des langjährigen Sponsors (Uniqa) seine Entscheidung bekannt gegeben hatte. "Ich habe aber gemerkt, dass, wenn ich an Skirennen denke, ich nicht mehr das Gefühl habe, weiterhin voll explodieren und hundert Prozent geben zu können. Wenn das nicht mehr so ist, muss man seinen Hut nehmen. Da hat mich mein Gefühl noch nie getäuscht", erklärte Raich. Er gehe aber mit positivem Blick zurück. "Skifahren hat mir viel gegeben. Skifahren war mein Leben und wird es hoffentlich immer ein bisserl bleiben."

Wie Marlies vor einem Jahr
Raich verkündete seinen Abschied ein Jahr und eine Woche nachdem seine nunmehrige Ehefrau Marlies ebendort ihren Rücktritt bekannt gegeben hatte. Er tat das mit dem Abarbeiten einer langen, viertelstündigen Liste an Danksagungen, bei dem selbst "die Leute im Büro" nicht vergessen wurden. Typisch für Raich. Am Ende gingen dann selbst beim sonst stets so kontrollierten Pitztaler die Emotionen durch und waren Tränen in den Augen zu sehen. "Das ist auch gut so", meinte Raich.

Marlies: "Freuen uns auf ein neues Leben"
Benjamin und Marlies Raich werden Mitte Oktober erstmals Eltern. Gattin Marlies, selbst mit 37 Weltcupsiegen höchst erfolgreich im Skirennsport, ist hoch schwanger. "Es ist emotional, aber es ist gut so. Benni hat bisher fast sein ganzes Leben hundert Prozent im Sport gegeben. Jetzt freuen wir uns auf ein neues Leben", sagte Marlies Raich, ehemals Schild.

Neben der Ehefrau hatten auch ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel, Sportdirektor Hans Pum, Atomic-Chef Wolfgang Maierhofer, Herrenchef Andreas Puelacher sowie Bruder und langjähriger Trainer Florian Raich, den Weg nach Wien gefunden. Dass Benjamin Raichs Rücktritt ein weiteres Riesen-Loch in die Ski-Mannschaft reißt, nachdem zuvor schon Slalom-Doppelweltmeister Mario Matt sowie bei den Damen innerhalb von zehn Monaten Schild, Nicole Hosp, Kathrin Zettel, Andrea Fischbacher, Regina Sterz und Alexandra Daum zurückgetreten sind, weiß auch Puelacher. "So schnell werden wir diese Lücke, die Benni hinterlässt, nicht füllen können."

Ehemals bester Techniker
Der am 28. Februar 1978 in Tirol geborene Raich galt in seiner Top-Zeit als bester Techniker im Skirennsport. Zu Hause in Leins in der Gemeinde Arzl hatte sich der Stamser Ski-Gymnasiast mit 18 Jahren und als fünffacher Junioren-Weltmeister komplett dem Skirennsport verschrieben. Mit dem damals schnellsten Schwung im Weltcup stürmte Raich so vehement in die Szene, dass man ihn alsbald nur noch den "Blitz aus Pitz" nannte. 30 Jahre lang fuhr er stets auf der gleichen Skimarke (Atomic), ein weiterer Beweis für seine Loyalität. An die 700 Renn-Kilometer hat er während seiner Karriere alleine in Torläufen absolviert.

Heute darf man ihn wohl als "Gentle-Ben" verabschieden. Denn Raich stand vor allem für eines: Ob Sieg oder Niederlage, er blieb stets fair. Böse Worte sucht man vergebens. Dass er in der Ära des großen Hermann Maier zu oft etwas im Hintergrund stand, war und ist für Raich kein Problem. "Wer die meisten Erfolge hat, bekommt eben auch das meiste Rampenlicht."

Dass demnächst sein erstes Kind auf die Welt kommt, sei aber nicht der Grund für den Rücktritt gewesen, versicherte Raich. "Vielleicht unbewusst. Jetzt kommt eine spannende Zeit mit dem Kind, die ich sicher ein bisserl mehr genießen kann, als wenn ich weiter gefahren wäre. Es war aber nicht der Grund. Ich werde nun durchschnaufen, reflektieren, aber mich nun sicher auch mehr in laufende Unternehmungen einbringen und auch meinen Vater entlasten, mit Sponsoren arbeiten, mich weiterbilden."

"Bennis Nest" als Geschenk
Als ein Abschieds-Geschenk wurde der Familie Raich ein Zirbenholz-Kinderbett mit dem Namen "Bennis Nest" geschenkt. Dieses wird man sicherlich bald gut brauchen. Zu seinen Fähigkeiten im Windelwechseln meinte der zurückgetretene Skirennfahrer: "Ich kann schnell lernen. Wenn es so weit ist, werde ich es zusammen bringen." Ob es ein Bub oder ein Mädchen wird, wollten aber weder Benjamin noch Marlies Raich verraten.

Reaktionen auf Raichs Rücktritt
Peter Schröcknadel (ÖSV-Präsident): "Der Benni ist einer der größten Skirennfahrer, die wir je gehabt haben. Nicht nur als Sportler, sondern auch charakterlich. Vor zwei Jahren ist es mir noch gelungen, ihn "umzudrehen". Aber Benni, du hast Recht. Du bist gesund, es ist das Größte, wenn man als Sportler gesund abtreten kann. Ich bin kein stolzer Mensch, aber auf dich sind wir stolz. 20 Jahre Spitzensport zu betreiben ist eigentlich unvorstellbar. Normalerweise macht das nur ein Fußball-Goalie. Wir sind sehr, sehr glücklich, dass wir dich gehabt haben. Du hast bei uns immer eine offene Türe, und vielleicht führt uns die Zukunft wieder zusammen. Einen Menschen wie dich im Skiverband zu haben, wäre eine sehr große Bereicherung."

Marlies Raich (ehemals Schild): "Im Grunde ist es die Entscheidung von Benni. Ich finde die Entscheidung gut. Ich hätte sie auch anders gut gefunden, aber so ist es natürlich schön."

Ob die bevorstehende Geburt ihres gemeinsamen Kindes die Entscheidung beeinflusst hätte: "Nicht vorrangig. Wahrscheinlich hat es in Bennis Bauchgefühl eine Rolle gespielt. Natürlich ist es etwas, das unser Leben sehr verändern wird und auf das wir uns beide gemeinsam jetzt sehr intensiv freuen können."

Gerald Klug (Sportminister): "Benjamin Raich hat mit zwei Olympiasiegen, drei Weltmeistertiteln und 36 Weltcupsiegen alles gewonnen, was es im alpinen Skisport zu gewinnen gibt. Seine natürliche und sympathische Art hat ihm zusätzlich die Konturen eines wahren Champions verliehen. Ich wünsche ihm auch nach dem Ende seiner aktiven Laufbahn alles Gute."

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