Do, 14. Dezember 2017

Herzloser Umgang

06.09.2015 14:44

So behandelt Ungarn die verzweifelten Flüchtlinge

Ungarns Premier Viktor Orban steht derzeit im Kreuzfeuer der Kritik - nicht nur wegen seiner starren Haltung in der EU-weiten Asyldebatte. Auch der Umgang mit den verzweifelten Flüchtlingen in Österreichs Nachbarstaat lässt mehr als zu wünschen übrig. Vor einigen Tagen machte ein Video die Runde, in dem sich ein Mann aus Angst, in ein Lager gebracht zu werden, mit seiner Frau und seinem Kind auf die Bahngleise wirft, nachdem die ungarische Grenzpolizei einen Zug stoppte, mit dem die Flüchtlinge in den Westen wollten.

Seit Österreich und Deutschland die Durchreise für Flüchtlinge erlaubten, strömen Tausende Menschen aus Ungarn Richtung Westen. In Österreichs Nachbarland wollen sie nicht bleiben. Einerseits stehen die Chancen auf einen positiven Asylantrag dort sehr schlecht, andererseits ist die ungarische Polizei für ihren brutalen Umgang mit den Flüchtlingen bekannt. Auch Übergriffe auf Flüchtlinge durch Zivilisten - zuletzt nach einem Fußballmatch in Budapest - machen Schlagzeilen.

Vor Tagen machte ein Bild die Runde, das eine Frau zeigt, die auf den Bahngleisen von Bicske mit ihrem Baby im Arm liegt. Wie ein Video zeigt, hatte sich ihr Mann mit seiner Familie auf die Gleise geworfen, nachdem die ungarische Polizei den Zug, in dem sich die Flüchtlinge befanden, stoppte. Offenbar wollte man sie in ein Auffanglager bringen.

"Die Zusammenarbeit ist schwierig"
Ungarn und sein rechtskonservativer Premier Orban sind für einen harten Kurs in Sachen Asyl bekannt. Dafür musste Österreichs Nachbarland bereits viel Kritik einstecken. Österreichs Innenministerin Johanna Mikl-Leitner drückte es noch am diplomatischsten aus: "Wir würden das gerne mit Ungarn gemeinsam bewerkstelligen. Aber derzeit gestaltet sich die Zusammenarbeit schwierig." Auch ÖBB-Chef Christian Kern kritisierte die mangelnde Kooperationsbereitschaft der Ungarn. Unterdessen reisen die meisten Flüchtlinge weiter Richtung Deutschland. Hunderte verbrachten die Nacht in Österreich, unter anderem am Wiener Westbahnhof.

Auch international hagelte es Schelte für Orban. Der Chef der Schweizer Sozialdemokraten, Christian Levrat, forderte eine härtere Gangart der Schweiz gegenüber Ungarn. Wegen der dortigen Menschenrechtslage und des Umgangs mit Flüchtlingen soll man Orban die Einreise verbieten, Kohäsionszahlungen sollen eingestellt werden. "Solange sich Orban nicht an die Menschenrechte hält, soll die Schweiz die Gelder für Ungarn auf ein Sperrkonto zahlen", sagte Levrat im Interview mit dem "SonntagsBlick": "Ein Großteil des Chaos auf der Balkanroute ist in der Verantwortung Ungarns."

Deutschlands Bundeskanzlerin Angela Merkel telefonierte am Samstag nach öffentlich ausgerichteter wechselseitiger Kritik mit dem Ungarn-Premier. "Beide waren sich darüber einig, dass sowohl Ungarn als auch Deutschland ihren europäischen Verpflichtungen, einschließlich den Verpflichtungen aus dem Dubliner Abkommen, nachkommen", teilte ein Regierungssprecher danach mit.

Kritik sogar vom Kaffeeröster
Sogar der italienische Unternehmer ungarischer Abstammung Riccardo Illy, Inhaber des gleichnamigen Triester Kaffeeröst-Riesen, kritisierte die Regierung in Budapest. "Ein Viertel meines Blutes ist ungarisch, und ich bin wegen der Haltung der ungarischen Regierung verbittert", sagte der 59-jährige Illy. "Der Beschluss, sich gegen die Flüchtlingswelle zu wehren, ist nicht nur sinnlos, sondern auch mit der ungarischen Geschichte inkohärent. Die Ungarn sollten sich erinnern, dass zur Zeit der Invasion durch die Sowjetunion Tausende Ungarn nach Westeuropa geflüchtet sind, wo sie aufgenommen wurden."

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