Mo, 11. Dezember 2017

Nach A4-Drama

02.09.2015 19:42

Kunstaktion in Bochum: Menschen in Lkw gepfercht

Eine Woche nach dem qualvollen Tod von 71 Flüchtlingen in einem Lkw auf der A4 im Burgenland haben in der deutschen Stadt Bochum ein Spediteur und das Schauspielhaus in einer spektakulären Aktion auf das Flüchtlingsleid aufmerksam gemacht. Vor dem Theater parkte am Mittwochabend ein 7,5-Tonner, der mit dem Laster der Schlepper in Österreich baugleich war. Dann ließen die Veranstalter 71 Bürger in den 15 Quadratmeter großen Laderaum steigen.

Die Männer, Frauen und Kinder standen dicht gedrängt und sichtlich erschüttert einige Minuten auf der nur sechs mal zweieinhalb Meter großen, nicht verschlossenen Ladefläche. "Du kannst die Beine nicht ausschütteln, du kannst dich nicht hinlegen, du musst stehen", sagte der 17-jährige Schüler Till. "Es war heiß und es gab wenig Luft", sagte ein 50-jähriger Mann, der weit hinten gestanden war. "Ich weiß nicht, was passiert wäre, wenn die Klappe zugegangen wäre. Dann wäre das bisschen Luft weg gewesen."

"Mein Gott", flüsterte eine Frau, die nicht mit eingestiegen war. Eine andere Frau stand neben der Ladefläche und fragte fassungslos: "Wohin kommt denn das Gepäck? Alle hatten doch sicher ein bisschen Gepäck!" Ein Mann sagte: "Weil der Protest in Deutschland fehlt, sind wir jetzt hier." Einige Anwesende zeigten angesichts der spektakulären und medienwirksamen Aktion zwiespältige Gefühle.

"Dem schrecklichen Geschehen ein Gesicht geben"
Der leitende Dramaturg Olaf Kröck sagte, er wollte dem schrecklichen Geschehen im Burgenland "ein Gesicht geben". Er habe die Menschen "für einen Augenblick" innehalten lassen und das Elend der Flüchtlinge sichtbar machen wollen. "Es ist unendlich wichtig, dass wir angesichts dessen, was in Europa passiert, Gegeninitiativen ergreifen", sagte Kröck. "Die Aktion, die wir da machen, ist nur ein kleiner Versuch, mal etwas zu versinnlichen, was wir im Moment ständig auf dem Tisch liegen haben."

Spediteur Gerard Graf erklärte, er wollte das Unvorstellbare konkret machen. "So eine abstrakte Zahl, die möchte ich mit Leben füllen. Diese Flüchtlinge sind nicht in Syrien eingestiegen, sondern in der EU. Sie waren ja schon in einem sicheren Raum. Ich hoffe, dass wir mit dieser Aktion Öffentlichkeit erzeugen. Letztlich müssen aber die Politiker handeln."

Flüchtlingskrise zentrales Thema im politischen Theater
Schon längst zeigen Theater in ganz Deutschland Flagge und bringen Stücke zur Flüchtlingsthematik mitsamt den Betroffenen auf die Bühne. Sie protestieren mit künstlerischen Mitteln gegen eine Abschottung Europas. Das Leid Zehntausender Flüchtlinge, die in diesen Tagen Schutz in Europa suchen, kommt mit diesen grausamen Bildern besonders nahe.

Heftig geht das Künstlerkollektiv "Zentrum für Politische Schönheit" vor, das aus Protest gegen die EU-Flüchtlingspolitik in Berlin tote Flüchtlinge bestatten ließ (siehe Video unten) und zusätzlich mit symbolischen Gräbern vor dem Kanzleramt Aufsehen erregte. Als "aggressiver Humanist" bezeichnete sich der Kopf der Gruppe, Philipp Ruch, im "Spiegel".

Die Leiterin des renommierten Berliner Theatertreffens, Yvonne Büdenhölzer, sagte im April in einem dpa-Interview: "Es gibt ein neues politisches Theater." Das Flüchtlingsdrama sei derzeit eines der zentralen Themen für die Theater, und das nicht nur auf der Bühne, sondern auch mit zivilgesellschaftlichem Engagement.

Realität und Kunst vermischen sich bei der Inszenierung, indem oft dokumentarisches Material in die Stücke einfließt oder die Flüchtlinge gleich selbst auf die Bühne gebeten werden. So ließ Regisseur Nicolas Stemann für seine Hamburger Inszenierung von Elfriede Jelineks "Die Schutzbefohlenen" - ein leidenschaftliches Plädoyer für Schutz suchende Flüchtlinge - Schauspieler und afrikanische Flüchtlinge gemeinsam auftreten.

Künstlergruppe lässt Zuschauer zu Flüchtlingen werden
Performance-Kollektive machen die Zuschauer mit verstörenden Inszenierungen selbst zu Akteuren und konfrontieren sie so ganz direkt mit dem Flüchtlingsleid. Die Berliner Künstlergruppe "machina ex" etwa ließ vergangenes Jahr in Düsseldorf Zuschauer in der Live-Performance "Right of Passage" zu Flüchtlingen werden, die aus einem Transitcamp über eine fiktive Grenze fliehen sollen. Um Visa- und Asylanträge zu bekommen, müssen sie sich durch einen bürokratischen Dschungel kämpfen.

Kommt die Botschaft der Bühnen aber auch bei den Menschen außerhalb des Theaters an? Ob Aktionen, Geschichten über Flüchtlinge im Theater oder im Roman - "mir ist jedes Mittel recht, um gegen eine offenbar immer noch teils rassistische und menschenfeindliche Haltung in Deutschland anzugehen", sagt der Dramatiker und Romanautor Moritz Rinke. Es fehle den Menschen an Wissen, "was flüchtende Menschen dazu bewegt, alles zu verlassen und ihr Leben zu riskieren, um hier anzukommen. Wir sprechen ständig von Globalisierung, stellen unsere schöne Welt im Netz bis auf die Haut aus, und wenn dann andere teilnehmen wollen, zünden wir deren Unterkünfte an", so Rinke.

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