Di, 12. Dezember 2017

Thalys-Zug-Helden

22.08.2015 15:17

"Haben Täter geschlagen, bis er bewusstlos war"

Ein schwer bewaffneter Mann – laut übereinstimmenden Berichten ein 26-Jähriger marokkanischer Abstammung mit Verbindungen zu islamistischen Terrorzellen – wollte am Freitagabend im Schnellzug von Amsterdam nach Paris ein Blutbad anrichten. Und das wäre ihm wohl auch gelungen, wären nicht zufällig US-Soldaten an Bord des Thalys-Zuges gewesen. Die Männer reagierten blitzschnell und verhinderten so ein Drama ungeahnten Ausmaßes. Glück hatten die Passagiere zudem, dass die Kalaschnikow des Täters offenbar eine Ladehemmung hatte.

Die drei US-Freunde Alek Skarlatos, Anthony Sadler und Spencer Stone wollten mit dem Thalys, einem Hochgeschwindigkeitszug, der Metropolen mehrerer westeuropäischer Länder miteinander verbindet, nach Paris fahren. Gegen 17.50 Uhr, kurz nach der französischen Grenze, hörten sie plötzlich einen Schuss. "Plötzlich betrat ein Mann mit einem AK-47 und einer Handfeuerwaffe den Waggon", erzählte der 22-jährige Skarlatos in einem Video, das SkyNews veröffentlicht hat. "Ich sagte zu Spencer, der neben mir saß: 'Los!'" Skarlatos, Mitglied der Nationalgarde, und US-Air-Force-Soldat Stone stürzten sich auf den Angreifer.

Stone habe ihn im Nacken gepackt und ihn in den Schwitzkasten genommen, Skarlatos ihm die Pistole aus der Hand gerissen und sie weggeworfen. "Dann habe ich das AK gegriffen und begonnen, ihm damit auf den Kopf zu schlagen. Ich meine, alle haben auf ihn eingeschlagen, während Spencer ihn weiter im Schwitzkasten hatte", so Skarlatos. Schließlich sei der Angreifer bewusstlos geworden. Er, Skalatos, habe sich mit dem AK in der Hand auf die Suche nach einem möglichen weiteren Attentäter gemacht.

"Er konnte nur einen Schuss abgeben"
Wieder zurück in dem Waggon, in dem der Angreifer überwältigt worden war, habe er begonnen, die Munition aus der Kalaschnikow und den weiteren Schusswaffen, die der 26-Jährige in einer Tasche bei sich gehabt habe, zu nehmen. "Da fiel mir auf, dass das Sturmgewehr klemmte", so Skarlatos. "Der Mann wusste nicht, wie er dieses Problem beheben soll, was großes Glück ist", sagte der Soldat. Wie auch das: Aus der Handfeuerwaffe habe das Magazin gefehlt. "Entweder hat er es unabsichtlich fallen lassen oder es hatte nicht richtig geladen, also konnte er nur einen Schuss abgeben."

Zusätzlich war der Mann aber noch mit einem Messer bewaffnet gewesen, mit dem er Stone, der ihn im Schwitzkasten hatte, schwer verletzte. "Er schnitt ihn in Hand und Nacken", schilderte der dritte der Freunde, Sadler, ein Student, der nach Europa gereist war, um seine beiden Freunde zu sehen, verschiedenen Medien. Berichten zufolge hat der Angreifer dem Air-Force-Soldaten fast den Daumen abgeschnitten.

"Wir stoppten einen Terroristen. Es ist verrückt"
Auch Sadler habe auf den Attentäter eingeprügelt. "Ich weiß aber nicht mehr, wohin ich schlug", so der 23-Jährige, der die ganze Sache noch nicht richtig fassen kann. "Ich bin nur ein College-Student. Ich kam, um meine Freunde zu sehen, für meine erste Reise nach Europa - und wir stoppen einen Terroristen. Es ist irgendwie verrückt." Der wahre Held sei Stone gewesen: "Nachdem der Angreifer gefesselt war, kümmerte er sich noch um einen verletzten Fahrgast." Wie "Le Parisien" schrieb, war der Passagier, ebenfalls US-Amerikaner, an der Halsschlagader getroffen worden. Er und Stone werden in einem französischen Spital behandelt. Laut der "Süddeutschen Zeitung" musste Stone operiert werden.

Hilfe bekamen die mutigen Amerikaner auch von einem Briten und einem Franzosen: Chris Norman, 62-jähriger englischer Rugby-Trainer, hielt den Arm des Angreifers fest, sodass es Skarlatos gelang, sich die Kalaschnikow des Mannes zu schnappen. Frankreichs Innenminister Bernard Cazeneuve erählte zudem von einem Franzosen, der den Mann mit dem Sturmgewehr entdeckt habe, als er zur Toilette gehen wollte. Der Franzose habe versucht, den Angreifer zu überwältigen, wobei mehrere Schüsse gefallen seien. Daraufhin seien die Amerikaner eingeschritten.

Video zeigt die Szenen nach dem Angriff
Als der Angreifer schließlich bewusstlos am Boden lag, fesselten ihn die Soldaten mit der Krawatte eines Zugbegleiters. Auf Handyvideos aus dem Zug ist ein dünner Mann in weißer Hose und ohne Hemd zu sehen, der auf dem Boden liegt, die Füße und Hände hinter dem Rücken gefesselt.

Etwa 20 Minuten später, gegen 18 Uhr, wurde der Attentäter in der französischen Stadt Arras von der Polizei in Empfang genommen und verhaftet.

Innenminister Cazeneuve lobte die US-Soldaten für ihre "Kaltblütigkeit" und ihren Mut. Sie hätten ein möglicherweise "schreckliches Drama" verhindert. Auch US-Präsident Barack Obama dankte den beiden für ihren Mut und ihre schnelle Reaktion: "Ihre heldenhafte Tat hat möglicherweise eine viel schlimmere Tragödie verhindert." Der Bürgermeister von Arras verlieh den Männern noch am selben Abend eine Ehrenmedaille.

Der französische Präsident Francois Hollande wird die Fahrgäste treffen, die den Angreifer überwältigten. Hollande habe am Samstag mit dem Franzosen und einigen der Amerikaner telefoniert und ihnen für ihren "außergewöhnlichen Mut" gedankt, teilten Cazeneuve und der Elyseepalast am Samstag mit.

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