Mo, 23. April 2018

Situation dramatisch

13.08.2015 19:14

Flüchtlinge auf Kos: "Die Hölle auf Erden"

Ein Vater kauert neben seinem Kind, nur ein Fetzen Stoff schützt den Buben bei sengender Hitze vor der grellen Sonne. Es gibt kaum Wasser, kaum Nahrung in dem alten Stadion und nur wenige Toiletten für 2000 Flüchtlinge. Plötzlich knallt es, Rauch steigt auf. Die Flüchtlinge, viele gerade den Kriegsgräueln in ihrer Heimat Syrien entkommen, zucken zusammen. Durch eine Blendgranate der Polizei aufgeschreckt, rennen sie durcheinander. Die Polizei setzt Schlagstöcke und Feuerlöscher ein. Die Menschen schreien, manche werden bewusstlos. Bilder mitten aus Europa, von der griechischen Urlaubsinsel Kos.

"Wir haben ganz konkret Flüchtlinge behandelt, die unter anderem wegen des Polizeieinsatzes medizinische Hilfe brauchten", sagt Florian Westphal, Geschäftsführer von Ärzte ohne Grenzen in Deutschland. "Das sind oft Kriegsflüchtlinge. Wenn man aus Syrien kommt und vielleicht dort auch die Kriegsgeschehnisse erlebt hat, dann ist das ein besonderer Schock, auf einmal eine Blendgranate zu hören, die mit lauter Explosion hochgeht."

Drei Tage lang seien sie in dem alten Stadion eingeschlossen gewesen, berichten Flüchtlinge. Sie hätten weder Wasser noch Lebensmittel erhalten. Um den ersehnten Aufruf zur Registrierung nicht zu verpassen, seien sie in der Schlange an Ort und Stelle geblieben, statt selbst nach Verpflegung zu suchen. Nur mit Registrierung können Migranten die Insel verlassen. Viele wollen schnell weiter, nach Deutschland, nach Norden.

"Bedingungen völlig inakzeptabel"
"Tatsache ist, dass die Aufnahmebedingungen für diese Menschen auf Kos seit Monaten völlig inakzeptabel sind", sagt Westphal. "Aber man muss auch immer anerkennen, dass man Griechenland mit diesen Problemen nicht alleinlassen kann, das ist unserer Meinung nach ganz klar ein Problem für die Europäische Union. Da gibt es eine Gesamtverantwortung der EU, die man nicht einfach komplett auf Griechenland abwälzen kann."

Binnen weniger Stunden versorgten Helfer von Ärzte ohne Grenzen 62 Flüchtlinge, viele wegen totaler Erschöpfung. Vier Menschen, darunter eine schwangere Frau, mussten ins Krankenhaus gebracht werden, sieben erlitten ein Trauma im Gewühl, andere Panikattacken oder wurden ohnmächtig.

Lage bleibt kritisch
Obwohl inzwischen große Fähren eingesetzt werden, um Tausende Migranten weiter nach Athen zu bringen, bleibt die Lage kritisch. Allein Donnerstagfrüh seien wieder bis zu 150 Neuankömmlinge vor dem Stadion gestanden, andere warteten direkt vor der Polizeistation, um sich registrieren zu lassen, berichteten Helfer: "Es kommen ständig neue Boote an." Allein 1,6 Millionen syrische Flüchtlinge sollen in der Türkei auf ihre Weiterreise warten.

Auch die deutsche Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth ist angesichts der Bilder aus Kos erschüttert. "Ich habe mich geschämt, weil das mitten in Europa für Menschen, die schon so viel Elend hinter sich haben, die Hölle auf Erden bedeuten muss", sagte die Grünen-Politikerin. "Ich habe mich gefragt, mit welchem Recht hat Europa den Friedensnobelpreis verdient, mit welchem Recht redet Europa von Werten, wenn mitten in Europa, in Griechenland, die Menschen so behandelt werden?"

Vom Urlaub auf einer griechischen Insel, auch auf Kos, rät Roth deswegen aber nicht ab. Ganz im Gegenteil - nur: "Man muss sich darauf einstellen, dass man mit der Realität auf dieser Welt konfrontiert wird."

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