Di, 17. Oktober 2017

Zweiter Frühling

13.08.2015 15:41

Accept: Heavy-Metal-Legenden als Chartstürmer

Von kommerziell erfolgreichen Helden auf den Boden der Tatsachen, zurück bis an die einsame Spitze der Charts – was in dieser Form normalerweise nur skandalträchtigen Popstars passiert, geschah der deutsch-amerikanischen Heavy-Metal-Institution Accept, die wie kaum eine andere Band dafür steht, sich niemals mit Gewalt an Marktmechanismen angebiedert zu haben. Über die einzigartige Achterbahnfahrt, eine zweite Top-Karriere und das Geheimnis des Erfolgs klärte uns Gitarrist Wolf Hoffmann auf.

Es ist selten, aber nicht unmöglich, dass Bands mit ihrer zweiten Karrierephase die erste sogar übertreffen. Die Anzahl der Reunions und Wiedervereinigungen im Rock- und Metal-Bereich nahm in den letzten Jahren fast schon bedrohliche Ausmaße an – zu groß ist der Hype um die harten Klänge und stringenten Riffs nach einer längeren Durststrecke wieder geworden, zu süß der Geruch des Geldes, den einstmals große Namen riechen, wenn ihnen hiesige Promoter Unsummen für Legenden-Festival-Auftritte anbieten. Eine logische Konsequenz der Marktwirtschaft, in der das Monetäre aber nur selten Hand in Hand mit der Qualität geht.

Glückliche Umstände
Auch die deutschen Heavy-Metal-Legenden Accept, in den 80er-Jahren nur marginal unbekannter als AC/DC und Vorbild für so gut wie jede polternde Rifftruppe, die heutzutage thematisch passende Festivals headlined, haben es 2005 nach mehrjähriger Pause wieder in Kultbesetzung auf die sommerlichen Freiluftbühnen geschafft, aber relativ schnell gemerkt, dass das alte Feuer schon längst erloschen war. Doch durch eine Verkettung glücklicher Umstände gelang es Accept ab dem Jahr 2009 tatsächlich, ein neues Karrierekapitel aufzuschlagen. Vom langjährigen Sänger und der Identifikationsfigur Udo Dirkschneider getrennt, kreuzte plötzlich der amerikanische Frontmann Mark Tornillo die Wege des Songwriter-Duos Wolf Hoffmann und Peter Baltes – der Rest ist Geschichte.

Wolf Hoffmann sitzt uns im "Beat The Street"-Tourbus am steirischen Schwarzlsee gegenüber, die Klimaanlage trotz eher herbstlicher Temperaturen auf kalt gedreht und bereit, in etwa zwei Stunden an die 5000 Fans beim Seerock-Festival zu begeistern. "Als wir uns 1997 auflösten, zog ich nach Nashville, wurde professioneller Fotograf und mein Leben war erfüllt", blickt der Glatzkopf resümierend zurück, "die Shows mit Udo 2005 klappten nicht, aber plötzlich war Mark da. Er hatte eine eindringliche Stimme. Sie war so, dass sich die alten Accept-Fans daran orientieren konnten und neue das Feeling der Band geliefert bekamen." Relativ blauäugig und euphorisch wie junge Wilde kündigten Hoffmann und Baltes im Internet ein Accept-Comeback an. Ohne Plattenvertrag, ohne einen neuen Song, ohne eine Crew. Mutiges Himmelfahrtskommando oder schlecht durchdachte Übermotivation?

Größer als Helene Fischer
Doch – wer nicht riskiert, der nicht gewinnt. Frei nach dieser Prämisse überkam Hoffmann und Baltes urplötzlich die Kreativität, und das 2010 erschiene Comeback-Album "Blood Of The Nations" schaffte es global in sämtliche Bestenlisten renommierter Magazine. Auch die Mainstreammedien konnten sich der wiedergefundenen Energie und der durchdringenden Songs von Accept nicht mehr verwehren – knapp 30 Jahre nachdem die Band mit dem Album "Balls To The Wall" an die 250.000 Exemplare abgesetzt hatte, war sie wieder in aller Munde. Headlinertouren, Festivalauftritte und zwei weitere starke Alben folgten – das 2014 erschienene "Blind Rage" markierte mit Platz eins in den deutschen Albumcharts schließlich die Süßkirsche auf dem kommerziellen Erfolgskuchen. Dort, wo sich normalerweise Helene Fischer, Robbie Williams und Cro um den Platz an der Sonne prügeln, stieß nach mehr als 40 Jahren Bandgeschichte plötzlich eine Heavy-Metal-Band nach vorne.

"Das war natürlich Wahnsinn", erinnert sich Hoffmann nur zu gerne an den Sommer 2014 zurück, "das macht uns megastolz und glücklich, weil es einfach einen immens hohen symbolischen Wert für uns hat." Die drei Alben seit der Wiedervereinigung lassen die zahlreichen Fans mit der Zunge schnalzen, getrübt wird das Treiben nur von diversen medialen Rülpsern zwischen Ex-Sänger Dirkschneider und der Band Accept, die aber meist einseitig verlaufen. Hoffmann hat sich heute damit abgefunden: "Im Prinzip haben wir von Udo auch eine Menge Gratis-PR bekommen", sagt er und fügt schmunzelnd hinzu, "tief im Inneren liebt er uns wohl, nur kann er es nicht so zeigen."

Harmonie und Kreativität
Anno 2015 haben aber ohnehin beide Parteien ihren Platz auf der musikalischen Weltkarte gefunden, Animositäten sind somit ohnehin obsolet. Was neben der wiedergewonnenen Kreativität und der Stimme von Tornillo für Erfolg sorgt, ist die magische Beziehung zwischen Hoffmann und Baltes, wenn es ums Songwriting geht. "Wir sind eigentlich wie Brüder und ergänzen uns optimal. Ich kenne Peter fast schon 40 Jahre, was eigentlich der Wahnsinn ist." Die harmonische Arbeitsbeziehung ist ein guter Grund, dass Accept in ihrer gesamten Historie nur einen Song gecovert haben – "I'm A Rebel", die Nummer vom gleichnamigen Album aus dem Jahr 1980, wurde eigentlich für AC/DC geschrieben. "Es gibt sogar eine von Bon Scott eingesungene Demo-Version, die aber mittlerweile tief in einem Safe verschlossen ist. Ein Schatz, der wohl vergraben bleibt."

Für den Wahlamerikaner Hoffmann hingegen scheint das Ende des Weges noch lange nicht gekommen zu sein. Es bleibt fraglich, ob sich in den kommenden Jahren erste Abnützungserscheinungen bemerkbar machen oder ob Accept ihrer märchenhaften Erfolgsstory noch einige weitere Kapitel hinzufügen können. "Konkrete Ziele zu haben, ist wahnsinnig schwierig und bringt eigentlich auch nichts", lässt Hoffmann die Zukunft seelenruhig auf sich zukommen, "am Ende kann man sich nur auf sich selbst verlassen, alles andere hängt von anderen Faktoren und den Göttern ab. Kommerzielle Zahlen, ausverkaufte Stadien – das sind dann doch alles nur Egotrips, um angeben zu können. Wir treten einfach gerne auf und schreiben Songs – Pläne sind sekundär."

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