Fr, 17. November 2017

Causa Traiskirchen

02.08.2015 18:50

Anrainer: „Unvorstellbar, was sich hier abspielt!“

Traiskirchen liegt 20 Kilometer südlich von der prächtigen Kaiserstadt Wien. Mit Weinbau wird in Touristenprospekten für den Ort geworben, feinen Heurigen, unbegrenzten Möglichkeiten mitten im Herzen Europas. Traiskirchen ist alles, nur nicht das, was es einmal war: Ausnahmezustand ist hier zum Alltag geworden. Das Flüchtlingslager ist heillos überfüllt. Das überfordert die Menschen drinnen, aber auch die draußen.

Es ist diesig, eine Mischung aus abgestandenem Müll, Urin, Schweiß und nassen Fetzen liegt in der Luft. Es hat geschüttet. Auf dem meterhohen Eisenzaun der ehemaligen k. u. k. Artilleriekadettenschule hängen bunte Decken, Schlafsäcke und Jeans zum Trocknen. Dahinter sieht es aus wie in einer anderen Welt. Weit weg von einem modernen Europa. Kleine Zelte und mit Kartons oder Decken provisorisch angefertigte Unterschlüpfe säumen den Rasen auf dem Gelände des berühmt-berüchtigten Asylheimes.

"Look", ruft ein junger Iraker. Alles ist nass, versucht er zu erklären. Seit fünf Tagen liege er hier im Freien: bei jeder Witterung. "The Baby!" Der 19-jährige Flüchtling spricht ein paar Worte in einer fremden Sprache und lässt eine junge Frau ihr im Zelt schlafendes Baby vorführen - "Take a photo." Ein Sicherheitsmann greift ein: Über die Videokameras will er irgendeine Übergabe beobachtet haben, und so etwas sei untersagt. Nach dem Motto: "Bitte nicht füttern."

"Diesen Sommer ist die Hölle los"
Frau Lena versteht das. Seit 30 Jahren wohnt sie in einer kleinen Wohnung mit direktem Blick auf den Eingang des Erstaufnahmezentrums. "Diesen Sommer ist die Hölle los", sagt die gebürtige Bulgarin (56). In ihrem Vorgarten lässt sich kein grüner Grashalm mehr sehen, er ist zugemüllt - der Zaun zerstört. "Weil sie da immer herumlungern." Freilich, sagt die 56-Jährige und zeigt über die Straße auf das Asylheim, seien diese Menschen arm. "Aber sie sind dreckig, ich sag ihnen immer wieder 'Dirty people!'. Die urinieren in meine Einfahrt, stöhnen dort in der Nacht herum und lassen auch noch ihre benutzten Kondome liegen. Wie komm ich dazu?"

Über 2.000 Menschen haben kein Bett
18.326 Menschen leben im niederösterreichischen Traiskirchen, und es scheint so, als gehe ihre Geduld langsam dem Ende zu. Das Asylheim platzt aus allen Nähten, und die Straßen der Stadt sind bevölkert von fremden Menschen, die Zuflucht in Österreich suchen. 4.300 Flüchtlinge sind derzeit im Erstaufnahmezentrum untergebracht, heißt es. Inoffiziell ist bereits von 5.000 die Rede. Für mehr als 2.000 gibt es jedenfalls kein Bett, das ist traurige Gewissheit. Obwohl mehr als 30 Zimmer in einem Trakt der Akademie leer stehen - aus baupolizeilichen Gründen dürfen sie aber nicht benutzt werden, so steht es in einer städtischen Verordnung. Weil Fluchtwege fehlen.

"Sie haben nur Schwachsinn im Kopf"
Orientalische Musik tönt aus dem Handy eines Afghanen, er gibt knappe Antworten, berichtet von "Kämpfen inside". Traiskirchen ist ein Pulverfass: Syrer, Afghanen, Iraker, Somalier auf engstem Raum. Sie haben keine Beschäftigung, keine Aufgaben. "Sie lungern nur herum und haben Schwachsinn im Kopf", brüllt Herbert S. (59) bei der vergangenen Demo in Richtung Links-Aktivisten. "Was sind das für Männer, die ihre Frauen zurücklassen. Heim mit ihnen." Als könnte er Gedanken lesen, sagt er etwas gedämpfter zur "Krone": "Ich bin kein Nazi, das sind wir hier alle nicht, sonst würde dieses Lager schon brennen."

Ein Szenario, an das niemand auch nur ansatzweise denken will. Denn schon jetzt ist jeder Alarm aus dem Lager für die Feuerwehrleute vor Ort mit massiver emotionaler Belastung verbunden: 150-mal rückten die Florianis heuer schon aus (2014 waren es 90 Einsätze im gesamten Jahr). 146-mal war Asylwerbern einfach nur furchtbar langweilig: Ein paar Drücker auf den Handfeuermelder und es gibt wieder Action. Kostenpunkt: 55.500 Euro. "Das ist alles nicht mehr normal."

Der Bürgerfrust wächst. Bernhard Lentner hält den permanenten Lärm nicht mehr aus. Sein Gartenzaun wird mittlerweile als Kleiderablage verwendet, der 41-Jährige will nur eines: Sein Familienhaus gegenüber dem Lager loswerden. Ein schier unerfüllbarer Wunsch, das ist dem Traiskirchner schmerzlich bewusst. Niemand will hier eine Immobilie kaufen, auch wenn die Preise im Keller sind.

"Uns Traiskirchnern wird nicht geholfen"
Schauplatzwechsel, ein paar Straßen vom Asylheim entfernt, versammeln sich Flüchtlinge vor der türkischen Moschee. Da ist er wieder, dieser eigenwillige Geruch. Gelbe Müllsäcke lehnen zusammengesackt an den Zäunen entlang des Gehsteiges, Essensreste werden in Vorgärten von Anrainern entsorgt. Ein gefundenes Fressen für Ratten. "Die Plage wächst und wächst", erzählt Helga Kratochvil sichtlich verzweifelt. Sie ist direkte Nachbarin der Moschee, hat gehofft, dass der Ansturm dorthin nach dem Ramadan nachlässt. Einen Monat lang habe sie gelitten. Bis zu 2.000 Menschen wurden täglich vor ihrer Haustüre verköstigt: "Die haben geschrien, gerauft, mir sogar vor die Garage 'gemacht'. Genauso wie in Lampedusa niemand helfen wird, wird auch uns Traiskirchnern nicht geholfen. Keiner kann sich vorstellen, was sich hier abspielt."

Helga Kratochvils Blick schweift über ihren blühenden, mit Mauern umfriedeten Garten und sagt: "Diese Flüchtlinge sind arme Menschen, das ist uns bewusst." Ihr Lebensgefährte Walter Lach (75) wirft ein: "Ich habe selbst bei Amnesty International mitgearbeitet. Doch wenn man unmittelbar betroffen ist, dann sieht die Welt gleich anders aus. Übt man aber Kritik, bist sofort im rechten Eck."

Caritas ist "völlig überfordert"
Ein Blick aus dem Fenster genügt und das Paar schüttelt den Kopf. Der Ansturm nach dem Ramadan ist ungebrochen. Die Caritas hat im Hinterhof der Moschee ein überdimensionales Zelt voller Kleiderspenden aufgestellt. "Aber die sind völlig überfordert, dort ist nichts organisiert", sagt Kratochvil. Lukas Scichilone, ehrenamtlicher Mitarbeiter der Caritas, bestätigt das. Der 24-jährige Wiener hat die Nase voll, er plaudert frei von der Leber weg. "Die Caritas hat österreichweit zum Spenden aufgerufen. Uns steht aber nur ein Bus zur Verteilung zur Verfügung." Helfer fürs Zelt gebe es auch nicht - mittlerweile wird es ohnehin fast täglich geplündert. "Ist auch klar, sowohl Bus als auch das Tor zum Spendenzelt sind meist verschlossen", kritisieren Maria und Stefan Osjak.

Über das Thema Kriminalität und Übergriffe wurde eine Hülle des Schweigens gebreitet. Ein hochrangiger Polizist erlitt jedenfalls einen Schulterbruch, offiziell stürzte er beim Versuch, einen Asylwerber zu verfolgen. Die Bevölkerung spricht von einer Attacke. Einige haben sich Schrotflinten zugelegt, heißt es. Helga Kratochvil sagt: "Es wird nicht besser hier bei uns. Denn niemand will ein zweites Traiskirchen werden."

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