Di, 12. Dezember 2017

Appell an die Welt

26.07.2015 11:49

Dalai Lama: "Ethik ist wichtiger als Religion!"

"Ethik ist wichtiger als Religion!" Wenn ein Religionsführer wie der Dalai Lama eine derart revolutionierende Erkenntnis als neues Credo verkündet, dann ist wahrlich Zeit zum Nachdenken.

"Wir kommen nicht als Mitglied einer bestimmten Religion auf die Welt. Aber Ethik ist uns angeboren." Mit diesem Gedanken zur "säkularen Ethik" (salopp übersetzt: weltliche Werteordnung) sprengt der Dalai Lama alle nationalen, religiösen und kulturellen Grenzen. Anlässlich seines 80. Geburtstags präzisiert der Religionsführer in einem umfangreichen Interview mit dem deutschen Philosophen Franz Alt seine revolutionierende Idee. Er richtet seine Erkenntnis "Ethik ist wichtiger als Religion" gleichsam als Appell an die Welt, um die Menschen zum Nach- und Umdenken anzuregen. Das Buch ist mittlerweile Nummer 1 der wichtigsten Bestsellerlisten weltweit (u.a. "Spiegel").

Auslöser des globalen Plädoyers dürfte der islamistische Terroranschlag im Jänner auf die Redaktion der Satire-Zeitschrift "Charlie Hebdo" und einen jüdischen Supermarkt in Paris gewesen sein. So sagte der Dalai Lama damals zutiefst erschüttert: "Ich denke an manchen Tagen, dass es besser wäre, wenn wir gar keine Religionen mehr hätten. Alle Religionen und alle Heiligen Schriften bergen ein Gewaltpotential in sich."

"Menschen können ohne Religion auskommen"
Im Weltbestseller des Benevento-Verlages spricht der charismatische Glaubensmann denn auch Klartext: "Im Namen von Religionen werden Kriege geführt, sogar 'heilige' Kriege. Seit Jahrtausenden wird Gewalt im Namen von Religionen eingesetzt und gerechtfertigt. Religionen waren und sind oft intolerant. Deshalb sage ich, dass wir im 21. Jahrhundert eine neue Ethik jenseits aller Religionen brauchen. Nach meiner Überzeugung können Menschen zwar ohne Religion auskommen, aber nicht ohne innere Werte, nicht ohne Ethik", so das unmissverständliche neue Dogma des Dalai Lamas.

Um den offenkundigen Unterschied zwischen Ethik und Religion zu veranschaulichen, bringt der weise Tibeter einen leicht verständlichen Vergleich: "Der Unterschied zwischen Ethik und Religion ähnelt dem Unterschied zwischen Wasser und Tee. Ethik und innere Werte, die sich auf einen religiösen Kontext stützen, sind eher wie Tee. Der Tee, den wir trinken, besteht zum größten Teil aus Wasser, aber er enthält noch weitere Zutaten: Teeblätter, Gewürze, vielleicht ein wenig Zucker und - in Tibet jedenfalls - auch eine Prise Salz, und das macht ihn gehaltvoller, nachhaltiger und zu etwas, das wir jeden Tag haben möchten. Aber unabhängig davon, wie der Tee zubereitet wird: Sein Hauptbestandteil ist immer Wasser. Wir können ohne Tee leben, aber nicht ohne Wasser. Und genauso werden wir zwar ohne Religion geboren, aber nicht ohne das Grundbedürfnis nach Mitgefühl. Auch nicht ohne Wasser."

Jahrhundert des Dialogs nach einem der Gewalt
Für den Dalai Lama war das vergangene Jahrhundert das Jahrhundert der Gewalt. Deshalb hofft er nun, dass das 21. Jahrhundert das Jahrhundert des Dialogs wird. Wobei er sich dessen bewusst ist, dass ein Appell an den Friedenswillen der Politiker nicht reicht: "Wichtiger ist, dass sich immer mehr Menschen auf der ganzen Welt zur Abrüstung bekennen." Wobei die innere Abrüstung von Hass, Vorurteilen und Intoleranz die unabdingbare Voraussetzung für die äußere Abrüstung ist.

So etwa bezieht der Tibeter konkret Stellung zum brandaktuellen Konflikt in der Ukraine: "Osteuropa braucht Westeuropa und Westeuropa braucht Osteuropa! Also: Redet miteinander! Begreift, dass wir heute im Zeitalter der Globalisierung in EINER Welt leben. Das neue Motto muss heißen: Euer Interesse ist unser Interesse. Fundamentalismus ist immer schädlich."

Und auch der Klimawandel beschäftigt den wohl bekanntesten und beliebtesten Weltbürger: "Ich hoffe und bete, dass die Erkenntnis, dass der Klimawandel nur global zu lösen ist, auf dem nächsten Klimagipfel in Paris Ende 2015 endlich zu konkreten Ergebnissen führt. Egoismus, Nationalismus und Gewalt sind der grundsätzlich falsche Weg." Seine Forderung: mehr Achtsamkeit gegenüber allem Leben, auch gegenüber Tieren und Pflanzen.

Hat Toleranz heutzutage größere Chancen?
Trotz der weltweiten Krisenherde und Flüchtlingsströme sieht der 80-Jährige, der davon geträumt hat, 113 Jahre alt zu werden, optimistisch in die Zukunft. Schließlich hofft er, dass das Prinzip der globalen Verantwortung als Schlüsselelement seiner säkularen Ethik verstanden wird. Auch wenn es dauert - immerhin geht es ums Überleben unserer Spezies.

Das heißt, der Botschafter von Frieden und Toleranz weiß sehr wohl auch um den Faktor Zeit. Zu seiner utopisch klingenden Vision der kirchenunabhängigen Ethik gehören Geduld und Langmut, Demut und Großzügigkeit. Wobei der Dalai Lama davon überzeugt ist, dass die positiven Veränderungen im Computer- und IT-Zeitalter schneller vorangehen. Zusammengefasst: Im Zeitalter der Globalisierung hat Toleranz vielleicht größere Chancen als zuvor.

Gleichzeitig hat der in sich ruhende Weltphilosoph, der seit 56 Jahren eigentlich als  Flüchtling unterwegs ist, auch einige Ratschläge für alle von Stress, Ängsten und Frustration geplagte Zeitgenossen parat: "Geduld ist das wichtigste Gegenmittel gegen Wut, Zufriedenheit wirkt gegen Gier, Mut gegen Angst und Verständnis gegen Zweifel. Zorn über andere hilft wenig, stattdessen sollten wir dafür sorgen, dass wir uns selbst ändern."

"Der Appell des Dalai Lama an die Welt", Benevento Publishing
56 Seiten, 4,99 Euro

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