Di, 12. Dezember 2017

Offroad kann er auch

23.07.2015 17:21

Mercedes GLC: Chefdynamiker statt kantiger Knochen

Mercedes-Benz GLC also. Klingt irgendwie nach Coupé, so wie einst der SEC ein Coupé war. Doch tatsächlich handelt es sich um den Nachfolger des kantigen GLK. K wie Kasten oder so. Und das C in GLC? Erklärt sich durch die Verwandtschaft zur C-Klasse und ist damit logisch einleuchtend. Mit dem Namen hat es also nichts zu tun, dass der GLC im Vergleich zum GLK beinahe wie ein Coupé wirkt - und sich auch fast so fährt.

Erstaunlicherweise hat der sehr schnittig und fließend gezeichnete GLC die Charaktereigenschaften des eher Offroader-orientierten GLK behalten, ja sogar ausgebaut, und ist dennoch jetzt auf der Straße im Klassenvergleich ganz vorn dabei. Eine eierlegende Wollmilchsau sozusagen. Das optionale adaptive Luftfahrwerk spannt die Fahrwerkseigenschaften in einer beeindruckenden Perfektion zwischen den Welten auf.

"Comfort" erinnert an das schwebende Gleiten der S-Klasse, "Sport Plus" senkt den GLC um 15 mm ab und macht einen geradezu drahtigen Sportler aus ihm, "Sport" liegt dazwischen als stressfreie Alternative für entspanntes Serpentinenpfeifen oder ganz einfach aktives Fahren. Sehr präzise und durchaus verbindlich arbeitet auch die Direktlenkung (Serie) mit geschwindigkeitsabhängiger Servounterstützung und variabler Übersetzung. Das serienmäßige stahlgefederte Fahrwerk (mit adaptiven Dämpfern und Wankstabilisierung) konnte ich leider nicht testen. Bemerkenswert ist, wie angenehm leise es zu jeder Zeit während der Fahrt ist.

Größer in allen Belangen - aber deutlich leichter
Der Mercedes GLC ist im Vergleich zum GLK eine halbe Nummer größer: zwölf Zentimeter länger (jetzt 4,66 m), 5 cm breiter, dementsprechend an Opulenz gewann der Innenraum, vor allem auf der Rückbank, wo auch Großgewachsene hinter Hünen bequem unterkommen. In den Kofferraum passen mit jetzt 550/1.600 Liter auch 80 Liter mehr. Trotzdem hat Daimler 80 kg eingespart, davon allein 50 kg an der Karosserie. Trotzdem bleibt der Benz ein Brocken: 1.735 kg wiegt der Benziner, 1.845 kg die Diesel.

Optisch liegen Welten zwischen GLK und GLC. War der alte noch am G-Modell orientiert, hatten die Designer jetzt eher den Audi Q7 im Hinterkopf, wenn auch natürlich nicht dessen Maße. Zusätzlich zum Standard-Äußeren bieten die Stuttgarter gegen Aufpreis drei weitere Designs an, um ihren jüngsten Spross für jede Neigungsgruppe adäquat präsentieren zu können: Exclusive, AMG und Offroad. Wobei man sich bei Offroad keine Variante mit verbesserten Böschungs- und sonstigen Winkeln erwarten darf, wie das bei der ersten Generation des VW Tiguan war.

Abseits ausgefahrener Wege
In die Offroad-Skills des Mercedes GLC kann man aber tatsächlich investieren. Knapp 1.000 Euro kostet das entsprechende Technik-Paket, das mehrere Fahrprogramme, einen "Unterschutz" aus Gemtex und eine Downhill Speed Regulation umfasst sowie entweder ein 20 mm erhöhtes Fahrwerk, oder im Fall der Luftfederung um bis zu 50 mm angehoben werden kann. So ausgestattet, mit knapp 23 cm Bodenfreiheit, sind dann durchaus anspruchsvolle Strecken zu bewältigen. Ob man das will, sei dahingestellt, denn die Eleganz des GLC passt eher in noblere Gegenden.

Große Ambitionen bei Innenraum und Ausstattung
Das Ziel war ganz klar, eine neue Benchmark in der BMW-X3-Klasse zu setzen. Im Innenraum wird das schnell deutlich, vor allem wenn man in das eine oder andere Design-Paket investiert. Dann bekommt man statt Klavierlackflächen so viel Holz, dass man sich daraus eine Schrankwand zimmern möchte, und eine Anmutung, die beinahe der S-Klasse entspricht. Besonders die geschwungene, ungewöhnlich breite Mittelkonsole mit dem eingepassten Deckel für die Ablage samt Cupholdern ist sehr aufwendig gestaltet. Das meiste, was nach Aluminium aussieht, ist es auch. Ans Praktische haben die Schwaben natürlich auch gedacht: Die Türfächer sind riesig und haben jeweils zwei Aussparungen, für kleine und ganz große Flaschen.

An Assistenzsystemen gibt Daimler dem GLC (großteils gegen Aufpreis) so ziemlich alles mit, was auch für die S-Klasse erhältlich ist; der GLC erkennt Hindernisse und kann von selbst stehen bleiben (Tiere oder Menschen unter 1,10 m Körpergröße ignoriert er aber), schaut in den toten Winkel ebenso wie in die Kreuzung, erlaubt per Kamera einen 360-Grad-Blick rund ums Auto (auch an Einmündungen hilfreich), parkt selbsttätig ein oder spiegelt Tempo und weitere Infos gestochen scharf, aber etwas hoch, in die Windschutzscheibe, nur um ein Gefühl für die Vielzahl der Möglichkeiten zu geben. Die Aufzählung der konnektiven Möglichkeiten führt hier überhaupt zu weit.

Bis zu 19 Prozent sparsamer
Zum Marktstart am 12. September 2015 bietet Mercedes drei Vierzylindermotoren an, zwei 2,1-Liter-Diesel mit 170 und 204 PS (400 bzw. 500 Nm) sowie einen Zweiliter-Benziner mit 211 PS (350 Nm). Alle sind mit der neuen Neungang-Wandlerautomatik von Mercedes sowie Allradantrieb kombiniert. Die beiden stärkeren Aggregate konnte ich bereits ausprobieren, beide überzeugen durch geschmeidige Leistungsentfaltung und dank exzellenter Geräuschdämmung sehr dezentes Auftreten. Auch der Antritt ist beachtlich: 0-100=7,6 beim großen Diesel, 7,3 s schafft der Benziner. Beim Verbrauch kommt ihnen die günstige Aerodynamik (cW 0,31) zugute, die Normangabe ist 5,0 bis 5,5 l/100 km bei den Dieseln, 6,5 bis 7,1 l/100 km beim Benziner.

Einen nicht ganz perfekten Eindruck hinterlässt das Automatikgetriebe, weil es gerade bei langsamerer Fahrt mit teils ruppigem Verhalten irritiert. Hier bleibt in Sachen Benchmark noch einiges zu tun.

Plug-in-Hybrid noch dieses Jahr
Demnächst wird ein V6-Diesel ins Programm genommen; und Ende des Jahres kommt ein Plug-in-Hybrid dazu, der eine rein elektrische Reichweite von etwa 34 Kilometer ermöglichen soll und auf eine Systemleistung von 320 PS kommt. Damit schafft er den Standardsprint in unter sechs Sekunden.

Anders als sein großer Bruder GLE 500 e hat er einen klassischen 4matic-Allradantrieb, statt per Verbrenner die Vorderräder und per Elektromotor die Hinterräder anzutreiben. Außerdem ist der Kofferraum durch die Akkus weniger eingeschränkt als beim GLE. Im Fahrbetrieb überzeugt das Zusammenspiel der Systeme, auch das Bremsen funktioniert tadellos: Beim Tritt auf das Bremspedal wird zuerst durch Rekuperation verzögert, bevor dann nahtlos die Bremse eingreift. Besonderes Schmankerl: Das "haptische" Gaspedal unterstützt den Fahrer im sparsamen Umgang mit den Motoren.

Übrigens sind auch Varianten mit reinem Heckantrieb angekündigt.

Unterm Strich
Es ist beinahe ein Quantensprung, den Mercedes vom kantigen Knochen GLK zum Lifestyler GLC gemacht hat. Er vereint Luxuseindruck, Offroadfähigkeiten und Fahrdynamik, will sich das aber auch bezahlen lassen. Der Basispreis beträgt 49.480 Euro, was aber von eher theoretischer Bedeutung ist und allenfalls eine Grundlage für das Gustieren im Schlaraffenland der Aufpreisliste. Schlaraffenland gilt vor allem für Daimler, angesichts der Tatsache, dass man (als Dieselfahrer) beispielsweise sogar für den 66 statt 50 Liter großen Tank extra zahlen muss.

Und was die Sache mit dem GLC und dem Coupé betrifft: Die Coupé-Version kommt nächstes Jahr - mit nochmals verschärfter Performance auf der Straße.

Warum?

  • Hervorragendes Gesamtpaket
  • Einziger mit optionaler Luftfederung im Segment

Warum nicht?

  • Beim Diesel Auspuff-Attrappen statt Auspuff-Blenden

Oder vielleicht …

… BMW X3, Audi Q5

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