Di, 12. Dezember 2017

Sinnvollausgestattet

03.08.2015 09:21

BMW R 1200 GS: "Edelvice" in Griechenland

Griechenland gehört zu meinen Lieblings-Urlaubsländern, die BMW R 1200 GS zu meinen Lieblings-Motorrädern. Also habe ich im Juni die beiden Lieblinge zusammengeführt und bin von Athen aus durch die Gegend gekurvt, genau gesagt nach Euböa und Skyros. Im Hinterkopf die Frage, wie sich die GS gegen die beiden großen KTMs schlägt, mit denen ich in letzter Zeit recht viel unterwegs war.

Mit Gepäck einschränken wollte ich mich nicht, also packte ich einen 75-Liter-Seesack voll und flog nach Athen. Schließlich hatte mein Testbike Seitenkoffer und ein Topcase, auf die ich den ganzen Krempel problemlos verteilen konnte (meinen Rucksack habe ich zusätzlich draufgeschnallt). Beste Voraussetzungen also, um auszuprobieren, ob die BMW voll beladen auch bei hohem Tempo stabil blieb. Die KTM 1190 Adventure, mit der ich vergangenes Jahr eine 5.000-Kilometer-Tour über den Balkan nach Griechenland unternommen habe, erwies sich ja bekoffert und bepackt ab spätestens 180 km/h wegen Lenkerpendeln als unfahrbar.

Die GS hingegen ist trotz eines Gesamtgewichts wie ein Kleinwagen auch über 200 km/h nicht aus der Ruhe zu bringen. Da kommt kein mulmiges Gefühl auf, höchstens wegen möglicher Radarkontrollen, es sind ja nur maximal 130 km/h erlaubt.

(Gefährliche) Freiheit, die ich meine
Nach der Autobahnetappe, angekommen auf Euböa, der nach Kreta zweitgrößten griechischen Insel, schnalle ich erst einmal den Helm aufs Gepäck (don't try this at home). Fahren "oben ohne" wird hier in der Gegend eher goutiert als geahndet, trotz offizieller Helmpflicht. Nun ist der sehr effektive, verstellbare Windschild der GS besonders von Vorteil (ersetzt zur Not auch mal die Brille). Das Gefühl, nur mit Sonnenbrille in der kurzen Hose zu fahren, ist ebenso herrlich wie gefährlich. Abgesehen davon, dass die heißen Boxer-Zylinder an den nackten Knien nur mäßig lustig sind.

Grundsätzlich bin ich froh über die schräglagenabhängige Traktionskontrolle und das serienmäßige ABS der GS, denn griechische Straßen sind meist rutschig und die 125 PS und 125 Nm schieben kräftig an. Der Weg nach Kymi, wo die Fähre nach Skyros ablegt, führt mich durch wunderschöne Landschaft und jede Menge Kurven. Ich cruise eher entspannt dahin - bis zur gewundenen Bergabfahrt zum Hafen: Griffiger Asphalt und rot-weiß gestrichene Autoreifen als Prallschutz in den Kurven laden zum Rasen ein, und tatsächlich finden hier regelmäßig Rennen statt. Allzu ambitioniert lasse ich es aber nicht angehen, schließlich fahre ich mit viel Gepäck, dafür aber ohne Helm.

Die Sache mit der Krise
Skyros, die nächstgelegene Sporadeninsel, lebt hauptsächlich von Touristen, die zumeist aus Athen kommen. Und das sogar in Zeiten der Krise. "Wir merken hier kaum etwas von der Krise", sagt Soula, meine Vermieterin in Linaria. Nur die Steuern seien stark gestiegen, "ich habe das Gefühl, die besteuern sogar noch das Atmen", beklagt sie sich. Ihr größtes Problem scheint aber zu sein, wie sie das neue Appartement einrichtet, das sie gerade baut. "In Athen ist die Lage vor allem für Jugendliche furchtbar, die finden keine Arbeit."

Überhaupt ist mein Eindruck, dass es vor allem denen schlechter geht, die ohnehin nicht viel haben. Besser Situierte kommen ganz gut zurecht (Anm.: Ich war Anfang Juni dort, bevor die Banken schließen mussten, weil sie kein Geld mehr hatten). Ich begegne sogar einem Einheimischen auf einer brandneuen BMW R 1200 GS, ein echtes Luxusgut, vollausgestattet wie meine, zusätzlich aber mit Akrapovic-Auspuff. Der Mann weiß, was gut ist, denn der Sound ist damit ungleich besser.

Überhaupt scheinen sie in Griechenland auf das Bayerische stehen, diesen Schluss legt auch ein Blumengeschäft in Kymi nahe, das "Edelvice" (sprich: Edelweiß) heißt. Kein Wunder, war doch der erste griechische König ein Bayer: König Otto von Bayern (übrigens in Salzburg geboren). Schon damals - nach der Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich - war der Einfluss Europas auf Griechenland also gewaltig. Aber das nur am Rande.

Herrlich griechisch
Skyros ist eine griechische Insel, wie sie im Buche steht, vor allem der Hauptort "Chora", der sich auf einen Hügel hinaufzieht, hat es mir angetan. Weiß, Blau und immer wieder das Lila der Bougainvillea prägen die Stimmung in den verwinkelten, nur zu Fuß erreichbaren Gässchen. Vom Kloster und der Burgruine oben drüber hat man einen herrlichen Ausblick, auch auf die Anfang Juni noch einsamen Sandstrände. Die Insel an sich ist vielseitig, der Süden ist karg und trocken, der Norden großteils üppig bewachsen.

Und man isst gut, etwa frisch gefangenen Skorpionfisch bei Panagiotis in Linaria. Die Abreise von Skyros gestaltet sich einfach, die Fähre legt praktisch direkt vor meinem Zimmer in dem lauschigen kleinen Hafen ab. Mindestens so einfach wie das Anbringen des Gepäcks, denn die Befestigung des Koffersystems ist perfekt, alle Schlösser haltbar und massiv (im Gegensatz zur Konkurrenz aus Mattighofen). Einziges Manko: Ösen für die Befestigung zusätzlicher Spanngurte gibt es nicht, nicht mal an den Koffern.

Das Navi liebt offroad
Von Kymi aus halte ich mich westlich, ich will ans Meer. Der Weg dorthin ist entweder weit oder führt über unasphaltierte Straßen, was mit der BMW R 1200 GS kein Problem ist. Das Navigationssystem scheint die GS aber für eine Motocrossmaschine zu halten und leitet mich auf einen Weg, der voll bepackt, sagen wir, extrem selektiv ist. Irgendwann bleibe ich im zu losen Untergrund bergauf hängen, nichts geht mehr; ich rolle vorsichtig zurück, wende und beschäftige mich ein wenig mit dem analogen Kartenmaterial, bevor ich weiterfahre. Trotzdem: Empfehlung für das Navi, das sogar per Drehring am linken Lenkergriff zu bedienen ist.

Idealer Reisemotor
Bis zum Strand wird noch alles geboten: Kurven ohne Ende mit abenteuerlichem Asphalt, dann wieder Offroad-artige Abfahrten. In diesem Wechsel der Verhältnisse ist die GS voll in ihrem Element. Besonders in engen Bergaufkehren bewundere ich sie für ihren geschmeidigen Motor, der sogar bei 1.200/min. noch sauber zieht. Eine Super Adventure mag mit ihren 150 PS eine Spur spritziger sein, wegen ihres kultivierten Motors ist die GS aber deutlich angenehmer zu fahren. Und Kraft hat mir auch nirgendwo gefehlt. Man kann sagen, ich fahre die GS meist einen Gang höher als die KTM.

Am Strand quartiere ich mich ein, lade das Gepäck ab, und mache mich auf zum Abendessen, über die Berge, nach Steni. Wie praktisch, dass ich Federung und Dämpfung auf Knopfdruck anpassen kann (Dynamic ESA ist ein Muss!). Habe ich den Asphalt gerade als abenteuerlich bezeichnet? Der Weg nach Steni ist noch abenteuerlicher. Ständig abgebrochene Straßenstücke, Sand, fehlender Asphalt und eigentlich ausschließlich Kurven. Wunderbar! Bankomaten gibt es hier weit und breit nicht, die erste Tankstelle finde ich in Steni; wer hierher kommt, sollte Geld und Sprit genug dabei haben.

Auch für ambitioniertes Kurvenwedeln ist die GS geschaffen. Schade, dass sich gerade kein Supersportler für einen Bergvergleich angeboten hat! Mit 238 kg gehört sie zu den Leichtgewichten im Segment, was aber nur ein Grund für ihre Handlichkeit ist. Immer wieder angenehm ist, dass die BMW wegen ihres Telelevers beim Bremsen nicht eintaucht. Die Sitzposition ist perfekt (auch die Stehposition im Gelände) und mit dem Schaltassistenten (funktioniert rauf UND runter) fährt sie fast wie von allein.

Am Ortseingang duftet es herrlich vom Grillfeuer eines Lokals mitten im Grünen. Ich bin der einzige Gast und speise großartig bevor ich zurückfahre. Es ist mittlerweile dunkel, ich freue mich über den LED-Scheinwerfer und ebenso über die Griffheizung, die allerdings sogar auf Stufe 1 zu heiß ist für meine Sommerhandschuhe. Aber da ich dafür nicht in ein Menü muss, schalte ich sie einfach ab und zu aus, bevor die Hände gar sind.

Unterm Strich
Machen wir es kurz: Ich könnte es noch richtig lang so aushalten, auf der BMW R 1200 GS wie auch in Griechenland. Mein Durchschnittsverbrauch lag bei 5,7 l/100 km, es gab keine Beschwerden. Es ist mir kein einziges Mal passiert, dass ich mit Handschuhen usw. zum Losfahren bereit war und noch den Zündschlüssel, den ich in der Hosentasche vergessen hatte, noch ins Zündschloss stecken musste - weil die BMW keyless auf Knopfdruck startet. Jedes einzelne Extra (die meisten sind im Paket günstiger) ist sinnvoll, bis). Die Bedienung ist vorbildlich; was man braucht, ist direkt erreichbar, ohne Menüfummelei.

Was bleibt, ist eine herrliche Zeit in Griechenland und die Erkenntnis, dass über die GS als Reiseenduro wohl nichts drübergeht.

Warum?

  • Geschmeidiger, kraftvoller Boxermotor
  • Mustergültig auf jedem Untergrund für jede Fahrambition

Warum nicht?

  • Manchen reicht eine Klasse kleiner und leichter

Oder vielleicht …

… KTM 1190 Adventure/1290 Super Adventure, Ducati Multistrada, Moto Guzzi Stelvio, Honda Crosstourer, BMW S 1000 XR

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